Geflüchtete Ukrainerin „Ich weiß nicht, ob meine Eltern noch leben“

Gabriele Fölsche

Familie Ruff aus Kulmbach hat eine Mutter mit ihrem Kind, die aus der Ukraine flüchteten, bei sich aufgenommen. Neben all der Freude von Alexandra Mykhailova über dieses Glück, fließen allerdings auch einige Tränen.

Kinder bringen Menschen auch in schlimmsten Zeiten zum Lachen: (von links) Birgit und Carina Ruff, Alexander Schmidt und Alexandra Mykhailova mit ihrem Sohn Myron Foto: privat

Seit Dienstag vergangener Woche ist Alexandra Mykhailova zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn Myron in Sicherheit. Zuflucht hat die 32-jährige Ukrainerin bei Norbert und Birgit Ruff und deren Tochter Carina gefunden, im Kulmbacher Ortsteil Ziegelhütten.

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Ein glücklicher Zufall

Doch wie kam es zu dem Kontakt der zwei Familien? Carina Ruff erzählt: „Wir wollten ohnehin Geflüchtete aufnehmen, deshalb hatte meine Mutter bereits das Onlineformular des Landkreises ausgefüllt.“ Doch die Familie leistete noch weitere Hilfe, sie wusste, dass die Familie Baraulja in Höferänger Spenden für die Ukraine sammelt. Denn Natascha Baraulja ist selbst Ukrainerin. „Ich war gerade dabei, etwas vorbeizubringen, als ich mitbekam, dass für eine Mutter mit Kind dringend Unterkunft gesucht wurde“, erinnert sich die Kulmbacherin. Spontan rief sie ihre Eltern an, in deren Haus ihr ehemaliges Kinderzimmer mit Bad freistand. Spontan sagten Birgit und Norbert Ruff zu.

Dann begann das Warten, denn keiner wusste, wie lange Alexandra Mykhailova auf der Flucht sein wird. Am Dienstagabend war es dann so weit, die Ukrainerin erreichte erschöpft aber erleichtert Kulmbach – und damit für sie und ihren Sohn einen sicheren Hafen. Im Gepäck einen Rucksack und einen Rollkoffer mit dem Nötigsten. Alexandra Mykhailova erzählt, dass sie die Ukrainerin Natascha Baraulja, die jetzt in Höferänger bei Kulmbach lebt, durch ihre Arbeit bei einem Fernsehsender in der Ukraine kennengelernt habe. „Ich habe sie am 4. März angerufen und um Hilfe gebeten. Es war ein Glück, dass Carina dies mitbekam“, erzählt die 32-Jährige in fließendem Englisch.

„Ich war alleine und hatte große Angst“

Am Samstag dann machte sich die Gruppe von sechs Leuten in einem Auto auf den Weg. Weg aus Irpen, das sieben Kilometer entfernt von Kiew liegt. Doch die Flucht musste schon am Vormittag abgebrochen werden: „Wir standen in einem langen Stau. Wir kamen nicht weiter. 20 Meter von uns entfernt schlug eine Rakete ein, deshalb fuhren wir zurück und wählten am späten Nachmittag eine andere Strecke“, sagt die Ukrainerin mit fester Stimme. Endlich erreichte die Gruppe die rumänische Grenze, wo sie 20 Stunden im Auto ausharren mussten, bis sie passieren konnte. „Ein Teil meiner Freunde fuhr weiter nach Bulgarien, eine Freundin flüchtete zu Bekannten in den Iran“, sagt die 32-Jährige.

Sie selbst ging zu Fuß weiter: „Ich war nun alleine und hatte große Angst“, sagt die blonde Frau mit den langen Haaren. Doch die Hilfsbereitschaft in Rumänien war groß. Es gab Essen und eine Unterkunft in einem Hotel. Danach ging es für Mutter und Kind weiter in einen überfüllten Zug nach Budapest, nach München und Nürnberg, wo sie und Myron von Alexander und Natascha Baraulja abgeholt und in ihre Unterkunft in Kulmbach gebracht wurden. Die Hoffnung, in wenigen Tagen in die Heimat zurückkehren zu können, hat die Ukrainerin inzwischen aufgegeben.

Mann und Vater müssen in den Krieg

Wenn sie von dem Krieg und der Zerstörung erzählt, versucht Alexandra Mykhailova mit fester Stimme zu sprechen. Sie berichtet von zerstörten Häusern und Bomben. Auch das Wohnhaus, wo sie und ihr Mann Konstantin mit ihrem Sohn lebten, wurde getroffen. Ihr Mann, der als Regisseur bei einem Fernsehsender arbeitet, durfte das Land nicht verlassen: „Er ist derzeit im Westen der Ukraine. Er hat keine Militärerfahrung und noch nie eine Waffe in der Hand gehalten“, sagt die junge Frau. Mit ihrem Mann hat Alexandra Mykhailova täglich telefonischen Kontakt. Nicht so mit ihren Eltern, die in Mariupol leben: „Ich habe sie seit zehn Tagen nicht mehr erreicht“, sagt sie und kann die Tränen nicht mehr aufhalten, ebenso wie Carina Ruff, der das Mitgefühl in den Augen steht.

„In Mariupol fallen stündlich Bomben und es wird vom russischen Militär eingekreist. Mein Vater ist 59 Jahre alt und kämpft – weil er wollte und zudem früher beim Militär war. Ich weiß nicht mal, ob meine Eltern noch leben“, schluchzt sie und ihre Stimme versagt. Was die Ukrainerin auch sehr belastet, ist die Tatsache, dass sie machtlos ist. Sie denkt an die Familie, Freunde und Menschen in der Heimat, die jeden Tag Angst um ihr Leben haben müssen. „Ich habe ein schlechtes Gewissen, hier zu sein.“

Zukunft ungewiss

Für die Hilfe, die ihr auf ihrer Flucht zuteil wurde, ist die junge Frau dankbar. Insbesondere der Familie Ruff, mit der es aufgrund des Lehramtsstudiums von Carina Ruff keine Verständigungsprobleme in Englisch gibt. „Es sind so liebe Leute. Danke für eure Hilfe und die Sicherheit, die ihr uns bietet, insbesondere meinem Sohn.“

Auch in diesem Fall unterstützte der Kulmbacher Alexander Schmidt (wir berichteten) die Zusammenführung der beiden Familien. Bisher hat der Kulmbacher 70 Menschen aus der Ukraine Unterkünfte in Lichtenfels, Kulmbach, Bayreuth und Kronach zusammen mit weiteren Helfern vermittelt.

Wie es nun für Alexandra Mykhailova weitergeht, steht noch in den Sternen. „Wir müssen uns nun im Ankerzentrum in Bamberg melden, dort gebe es lange Warteschlangen. Erst danach können wir uns an das Landratsamt wenden“, sagt Carina Ruff.