Schnecke gegen Sensenmann

Eine Schnecke und ein rauchender Miesepeter als Held, tanzend zum Sieg oder mit explodierenden Feuerwerken – die Indie-Spieletage im Glashaus haben gezeigt, dass es bei Videospielen längst nicht nur um Ballern geht. Witzig, ziemlich gaga und manchmal philosophisch. Vier Beispiele.

Nach der Werbung weiterlesen
Das Titelbild von der Facebookseite im Screenshot.
Wer diesen Held nicht mag, hat kein Herz: Bei „Salad Quest“ geht es um eine kleine blaue Schnecke mit Glubschaugen, die dem Sensenmann den Salat klaut. Wenn man nicht auf das Display tippt, kriecht sie einfach immer weiter zur Plingplingmusik. Die Wände hoch, herunter, geradeaus, mitten in die Kreissäge. Dann ist sie Matsch.

Entwickler Christof Helfrich (44) aus Erlangen arbeitet seit einem Jahr an „Salad Quest“: „Das hier ist eine Supergelegenheit zu schauen, wie Testspieler damit klarkommen.“ Jahrelang war er als Softwareentwickler angestellt. Dann hatte er die Idee, ein Spiel zu entwickeln, das zum Steuern nur ein Fingertippen auf die Smartphone- oder Tablet-Oberfläche braucht.
Weitere Zutaten: ein Feind, eine Geschichte, ein Held mit Identifikationspotenzial, der Wände hochklettern kann.
„Es haben schon Testspieler gesagt: Ich sehe mich nicht als Schnecke“, sagt Helfrich. Student Hans Schneider hat gerade ein andres Problem: „Ich komme nicht an den Salat ran.“ Im Frühjahr 2017 soll die App erscheinen. Mehr Infos auf Facebook.

Screenshot: Sami Games
Lichtformen auf tiefschwarzem Grund, Neonfarben, die auseinander schießen wie ein Feuerwerk, wie ein Kaleidoskop zerfallen. Dazwischen ein blauer, zuckender Punkt, der einen Leuchtschweif hinter sich herzieht.
Das ist die Spielfigur, die sich in einen großen Kreis bohren soll. Sieht aus wie ein Spermium auf LSD-Trip auf dem Weg zur Eizelle.
Kein Text, maximale Reduktion. „Ellipsis“ ist ein Action Puzzle Game, ein Geschicklichkeitsspiel, erklärt Christopher Wulf (20) von Salmi Games in München.
Dieses Jahr kam es schon für Mobilgeräte heraus (fünf Euro) und im Januar 2017 für den PC (zehn Euro). Die 150 Level kann man in drei, vier Stunden abschließen – oder Dutzende Stunden mit Sternesammeln verbringen. Ein Augenschmaus. Mehr hier.

Screenshot: Katharina Wojczenko
Du willst spielen, aber der Kerl tut nichts, kann nichts, will nichts. Er hat genau zwei Fähigkeiten: Rauchen und dämliche Sprüche klopfen.
Ennuigi, der Held des gleichnamigen Spiels, ist ein Miesepeter. Er hat große Ähnlichkeit mit Luigi, dem Bruder des Nintendo-Klempners Super Mario, leidet aber definitiv unter Ennui, der französischen Form der Langweile.
Dieses Spiel ist die grobpixelige Antwort auf Samuel Becketts „Warten auf Godot" (und hier kann man es spielen).

Screenshot von der Internetseite: Katharina Wojczenko
Wer mehr Ohnmacht will, spielt nebenan weiter: Das Strichmännchen in „Depression“ hüpft in der Dunkelheit immer höher. Die rettenden Plattformen kann es nie erreichen. Der Abgrund, in den es stürzt, höhnt in weißen Buchstaben: Was bist du für ein Versager! Da ahnt man, wie sich die Krankheit anfühlt.
Der Trailer zu "Her Story"
In „Her Story“ (Ihre Geschichte) arbeitet sich der Spieler durch Videobäder aus den Befragungen zu einem Mordfall. Das Spiel ist eines der meistausgezeichneten des Jahres 2015 – und erinnert den Spielfilm „Memento“. „Das ist manchen Indiefans schon zu mainstreamig“, sagt Student Andreas Bauer. Es lässt einen trotzdem nicht los. Mehr dazu hier.
Etwa 22 Spiele konnten die Besucher im Glashaus testen, darunter Arbeiten, die Bayreuther Studenten in wenigen Monaten erstellt hatten. In Computerspielen wie Battlefield 1, Uncharted 4und GTA 5 steckt mehr Geld als in einer großen Hollywoodproduktion. Seit ein paar Jahren geht es auch anders: Immer mehr unabhängige Entwickler erreichen ein größeres Publikum, die kostenlose Werkzeuge nutzen.
„Viele Künstler und Allrounder stellen Projekte aus Leidenschaft her und vermarkten sie selbst“, sagt Student Andreas Trapper (Computerspielwissenschaften). Zusammen mit Andreas Bauer (BWL) hat er die Spieletage organisiert. Über Twitter („heute hat kaum einer mehr Email“) haben sie die Entwickler angeschrieben. Die meisten haben geantwortet und ihnen kostenlos Kopien zur Verfügung gestellt.
Info: Mehr zum Programm des Spielkulturmonats im Glashaus hier.