⚽ Fußball-EM Die rote Furie schlägt wieder zu

Ausgerechnet Dani Olmo erzielt den spanischen Führungstreffer: Der Leipziger war früh für Rodri ins Spiel gekommen. Foto: Imago/Nordphoto

Das deutsche Spanien-Trauma hält an: Auch bei der Heim-Europameisterschaft scheitert die DFB-Auswahl an Spanien – auch weil das deutsche Team erneut eine Schwäche zeigt.

 
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Julian Nagelsmann ist eigentlich keiner, der seine Emotionen vor sich herträgt. Der Bundestrainer tritt meist beherrscht auf, emotionale Momente in der Öffentlichkeit des eloquenten Coachs sind nicht in Erinnerung geblieben. Dass Nagelsmann am Freitagabend mit Tränen in den Augen vor die TV-Kameras trat, ihm die Stimme kurz stockte und er sich räuspern musste, zeigt die Besonderheit des Moments, die das Aus der deutschen Nationalmannschaft mit sich brachte. In der Verlängerung unterlag die DFB-Auswahl am Freitagabend in Stuttgart mit 1:2 (0:0/1:1) – und führte nicht nur beim Bundestrainer zu einem Gefühlsausbruch. „Wir haben unverdient verloren“, sagte der sichtlich angegriffene Nagelsmann nach dem unglücklichen Aus von der Heim-Europameisterschaft. Mikel Merino hatte Spanien in der 119. Minute zum Sieg geschossen. „Ich finde, dass wir es als Gruppe nicht verdient haben, auszuscheiden.“

Ganz anders als vor zwei Jahren in Katar bei der WM (oder vor vier Jahren in Russland). „In den anderen Turnieren hatten wir es uns nicht verdient. Heute war das ganz anders“, traf es Joshua Kimmich auf den Punkt. Denn das deutsche Team hatte den Turnierfavoriten aus Spanien am Rande einer Niederlage – und hätte sich den Einzug ins Halbfinale verdient gehabt. Doch die Cleverness der „roten Bestie“ aus Spanien vor dem Tor, eine kontroverse Handspielentscheidung, die diesmal nicht zu einem Elfmeter führte, sowie die erneute Abschlussschwäche führten zur späten Niederlage, die sich wohl genauso bitter anfühlt wie das Halbfinal-Aus gegen Italien beim Sommermärchen 2006. Und so sprach aus Julian Nagelsmann eine große Trauer. Denn: „Wir haben einem Land, das stetig und ständig in Tristesse verfällt, schöne Erlebnisse beschert.“

Das Spiel vor 52 000 Zuschauern in Stuttgart benötigte allerdings einige Zeit, ehe es zu dem vorweggenommenen Finale wurde, wofür es gehandelt wurde. Es war zunächst schwer verdauliche Kost.

Aber der Reihe nach: In der deutschen Startaufstellung steckte eine Überraschung, die keiner so richtig erwartet hatte. Nicht Robert Andrich stand – wie in allen vier Spielen bislang – in der Startelf, sondern Emre Can. Bundestrainer Nagelsmann begründete die Entscheidung mit den Tempo-Vorteilen, die Can mitbringt. „Er läuft 35. Das ist schon ein großer Vorteil. Er hat den Job, Fabian Ruiz einzubremsen“, sagte Nagelsmann in der ARD, der auch betonte, dass der spanische Stil gut zu analysieren sei. „Aber nicht leicht zu spielen“, sagte Nagelsmann vor dem ersten Viertelfinale für das DFB-Team seit 2016. Der Wechsel sollte sich als Fehler herausstellen: Can fand kaum ins Spiel – was Nagelsmann zur Pause zu einer Korrektur zwang.

Schwere Kost

Das Spiel begann mit einem Feuerwerk – allerdings nur neben dem Platz. Denn erstmals seit dem Eröffnungsspiel in München vor drei Wochen brannte die Uefa eine Pyro-Show vor dem Spiel ab. Den Fans gefiel’s – aber ohnehin war die Stimmung in der Stuttgarter Arena gut. Vergleichsweise wenige spanische Fans waren im Stadion, die deutschen Fans hatten die klare Oberhand.

Als Stimmungskiller hätte sich beinahe Pedri erwiesen, als es nach einem verlorenen Zweikampf von Can schnell ging. Seinen Flachschuss von der Strafraumgrenze sicherte sich Manuel Neuer im Nachfassen. Es war für einige Zeit die beste Szene eines nervösen, ungeordneten Spiels. Eigentlich war es Nagelsmanns Plan, den Spaniern mit Ballbesitz wehzutun. Die Interpretation seiner Spieler hieß aber eher: (über-)harte Zweikämpfe. Selbst ein Fußballfeingeist wie Toni Kroos langte fast schon mit einer Bolzplatz-Attitüde hin. Sein Opfer: Pedri, der deshalb schon nach zehn Minuten verletzt raus musste. Es war ein ungewöhnliches EM-Viertelfinale – mit vielen einfachen Fehlern und vielen unsauberen Aktionen. Verwunderlich, warum die beiden spielerisch stärksten Teams der bisherigen Euro so ein unansehnliches Spiel zeigten. Zu ungestüm und hibbelig nannte es später Nagelsmann.

Erst nach einer Viertelstunde brachte die deutsche Mannschaft etwas Struktur in ihr Spiel. War der deutsche Fokus mal geschärft, dann war zu erkennen, dass die spanischen Schwäche auf den Außenbahnen nicht nur theoretischer Natur waren, sondern dem DFB-Team Raum boten. Kai Havertz’ Kopfballchance war Ausdruck für die kurzzeitige Besserung im deutschen Spiel (21.). Zehn Minuten vor der Pause hätte Havertz frei vor Keeper Unai Simon den Führungstreffer erzielen müssen (35.). Es war die beste deutsche Chance bis dahin. Spanien versuchte es vor allem aus der zweiten Reihe. Dennoch wirkten die spanischen Offensivaktionen reifer, die deutschen wilder. Die Führung hatte sich aber keiner von beiden in der ersten Hälfte verdient.

Deutschland legt weiteren Fehlstart hin

Wer auf ein besseres Spiel im zweiten Abschnitt gehofft hatte, der wurde schnell enttäuscht. Es dauerte keine 30 Sekunden bis zum ersten Foulspiel – und setzte damit die Intensität des ersten Abschnitts fort. Nagelsmann hatte zur Pause zweimal gewechselt: Für Can und Sané kamen Andrich und Florian Wirtz. Doch das erste Akzent setzte Morata, dessen Schuss aus der Drehung hätte auch unter die Latte gehen können anstatt einige Meter drüber (47.). Dem deutschen Spiel fehlte noch immer die Griffigkeit. Und letztlich fehlte dann auch in der entscheidenden Szene der Zugriff aufs spanische Kombinationsspiel: David Raum ließ Lamine Yamal gewähren, agierte viel zu passiv. So hatte der Youngster alle Zeit der Welt, um auf Dani Olmo zu legen, der von der Strafraumkante per Direktabnahme den Ball ins Eck schlenzte (52.). Andrich rückte zu spät raus, Kroos kam drei Schritte zu spät.

Nagelsmann reagierte umgehend – und brachte für den zunehmend überforderten Raum den Stuttgarter Maximilian Mittelstädt und für Kapitän Ilkay Gündogan den Stimmungsmacher Niklas Füllkrug. Der zuletzt so wirkungsvolle deutsche Einwechsler brachte mehr Mut ins deutsche Spiel. Die DFB-Elf wurde dominanter und hatte durch Andrich, der Simon zu einer Glanztat zwang, den ersten Hochkaräter (70.). Als dann auch noch Füllkrug den Pfosten traf (77.), kam nochmals Leben ins Stadion. Die Hoffnung war geweckt – und der Ausgleich überfällig, obwohl Spanien mit viel Cleverness die Führung verteidigte. Der hätte spätestens mit Havertz’ Heber (82.) fallen müssen. Er fiel, aber erst spät: Wie schon gegen die Schweiz brauchte es bis in die Schlusssekunden hinein, bis der Ball im Tor lag. Nachdem er selbst den Ball am gegnerischen Strafraum gewonnen hatte, drückte Florian Wirtz nach Kopfball-Ablage von Kimmich den Ball über die Linie (89.). Stuttgart im Feiermodus.

Bitteres Ende

Nagelsmann hatte mit seinen Einwechslungen – unter anderem eben Torschütze Wirtz – alles auf eine Karte gesetzt und musste zu Beginn der Verlängerung defensiv nachjustieren. Was aber blieb: Deutschland war im Spiel, Spanien sichtlich irritiert. Und so hätte Wirtz zum Held des Abends werden können, wenn er kurz vor Ende der ersten Halbzeit der Verlängerung eine flache Direktabnahme im Tor untergebracht hätte (105.).

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Spanien trifft Deutschland ins Herz

Das Spiel schien zugunsten der DFB-Auswahl zu kippen – und es hätte einen Handelfmeter geben können, als Cucurella einen Musiala-Schuss klar an die Hand bekam. Referee Taylor entschied sich dagegen. „Ich kann das nicht nachvollziehen“, sagte Nagelsmann, der für eine Veränderung der Handregel warb.

Das deutsche Team verteidigte bis in die 119. Minuten hinein tadellos. Dann brachte ein schneller Seitenwechsel und eine Flanke die Entscheidung: Einmal stand Rüdiger zu weit von Merino entfernt, der zum 2:1 köpfte – und die unglückliche deutsche Niederlage besiegelte. Dass Füllkrug per Kopf in der Nachspielzeit noch völlig frei am Tor vorbeiköpfte, war ein Symbol für den deutschen Chancenwucher. Am EM-Aus änderte es nichts mehr.

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