Für den Kurier-Kritiker war sein Konzert einer der Höhepunkte des Bayreuther Veranstaltungsjahres Die Bekenntnisse des Liedermachers Konstantin Wecker

Von Michael Weiser

Es ist schon so: Es gibt gealterte Stars und es gibt Altstars. Oder sollte man sagen – Altmeister? Konstantin Wecker gehört, das kann man nach dem Mittwochabend auch in Bayreuth sagen, zur zweiten Kategorie.

Erinnern wir uns an den jüngeren Wecker: Stiernackig, wuchtig, die Haare lang, das Gesicht schon vor der Schlussgeraden eines Auftritts von Schweiß überströmt. Das Sturmgeschütz des Widerspruchs.Und heute?

Nach der Werbung weiterlesen

Wecker ist, rein musikalisch betrachtet, derselbe geblieben. Noch immer blühen unter seinen emsig schaffenden Händen die Klangkaskaden, die Blue Notes, die kleinen verspielten Läufe, sie wachsen, sie wuchern, sie gedeihen, in seinen über 30 Jahre alten Songs nicht anders als in seinen jüngeren Liedern.

Noch immer schwingt sich darein des Weckers Stimme, dieser kraftvolle Tenor, mit seinem unverkennbaren Tremolo. Man versteht nicht jedes Wort, da scheint der Fluss der Zeit die Silben verschliffen zu haben, obwohl, das war doch damals schon so, seinerzeit Ende der 70er, als er mit der Ballade vom erschlagnen Willi Kultstatus erlangte.

Und noch immer ist er auf den Weg ins Nirgendwo, wie man „Utopie" ja durchaus übersetzen kann. Ein Mann, der sagt: „Das Handeln ist wichtig, nicht der Sieg." Nur ist dieser Wecker selber ein anderer geworden. Oder - derselbe wie immer, nur reifer. Die Haare kurz und grau, mit mildem Blick durch die Brille, kurz: äußerlich ein wenig ähnlicher geworden dem großen Mann, den er immer wieder als guten, als wahren Freund feiert: Dieter Hildebrandt.

Wecker ist, und er war es schon früher, ein Mann auch der leisen und zärtlichen Töne. Ein Liedermacher. Ein Song-Poet, was an sich ein dämlicher Ausdruck ist, weil inflationär verwendet – aber: In diesem einen Falle zutreffend. Was ihn noch besser macht als früher: Seinem Pathos lässt er immer wieder die Luft raus. Er ist selbstironisch, muss lachen bei einem Versprecher. „Die Tille stönt" hat er gesungen statt „Die Stille tönt".

Er liest zwischen den Liedern aus seiner Autobiographie „Die Kunst des Scheiterns", eine Erzählung seines Lebens anhand seiner Niederlagen. Das macht nicht nur Mut, es ist ja auch weise und wahr: Unsere Debakel bestimmen doch unser Leben stärker als unsere Siege. Woher sonst sollte auch das bisschen Demut kommen, das wir uns hoffentlich noch bewahrt haben? Und woher Weckers Selbstironie, wenn nicht von Demut? Er erzählt auch viel von seinem Vater und ordnet in seiner Erzählung das Wort „Erfolg" neu und richtig ein.

Und, hätten wir ihn zuvor nicht gekannt, nicht ihn als Liedermacher-Kult, nicht ihn als Mensch mit vielen Höhen und Tiefen: Was also hätten wir nach diesem Abend zu ihm als ganz neuem Künstler gesagt? Was zu seiner Lyrik? Wahrscheinlich das Gleiche: großartig. Viel, sehr viel Beifall für Wecker. Und der bedankte sich bei seinem Bayreuther Publikum, mit fünf, sechs Zugaben. Weit mehr, als das zahlende Publikum erwarten darf. Auch dies einfach – richtig gut.