Fränkische Geschichte Ein Teil der Identität

Die Thurnauer Schuhfabrik, gegründet am 15. November 1945, fing ganz klein an. Aus der Firma Becker & Küper wurde später Amigo. In der Bildmitte: Elisabeth Becker, spätere Grelich, die mit Lieselotte Küper das Unternehmen aufbaute. Foto: Institut für Fränkische Landesgeschichte

Fränkische und nordbayerische Industriegeschichte wird am 2. und 3. April in Thurnau lebendig. Eine Pop-up-Ausstellung im Schloss erzählt von der ehemaligen Thurnauer Schuhfabrik und ihrer Bedeutung für den Ort.

Schuhe, die teils von Hand genäht worden sind. Schuhe, die so lange hielten das sie Generationen überdauerten. Schuhe, die nicht Italien, sondern aus dem oberfränkischen Thurnau stammten.

Der Geschichte der Thurnauer Schuhfabrik nahm sich in den vergangenen Monaten das Institut für Fränkische Landesgeschichte (IFLG) auf Schloss Thurnau an. Zusammen mit fünf Geschichtsstudenten suchten Benedikt Ertl und Marcus Mühlnikel nach Zeitzeugen und Überbleibseln aus der ehemaligen Schuhfabrik. „Wir hatten nach unserem Aufruf bestimmt 20 bis 25 Rückmeldungen“, sagt Mühlnikel, der am Institut der Universitäten Bayreuth und Bamberg lehrt und forscht.

Studenten als Ausstellungsmacher

Im Moment wird die Ausstellung noch von Niklas Kolb, Tom Zimmermann, Lukas Pohlt, Michael Kaczmarski und Tim Dietrich vollständig aufgebaut. Sie sammelten Material über und Exponate aus der Schuhfabrik und entwickelten die Konzeption für die Schau in den Räumen des Instituts. Damit können sie erste Erfahrungen sammeln in Berührung mit ihrem späteren Berufsfeld, sagt Marcus Mühlnikel. Den der Master-Studiengang „Geschichte in Wissenschaft und Praxis“ soll sie auch auf eine künftige Tätigkeit in einem Museum vorbereiten. „Wir zeigen zehn große Tafeln und zwei kleinere über die Geschichte der Schuhfabrik.“ Auch alte Nähmaschinen und eine Presse gehören zu den Ausstellungsstücken.

„Der Schuh aus gutem Haus“

Daneben sind zahlreiche historische Fotografien und selbstverständliche Schuhe und Schuhkartons zu sehen. Auf einem der früheren Kartondeckel ist das Thurnauer Schloss abgebildet, darunter ist der Spruch zu lesen „Schuh aus gutem Haus“. Schicke rote Damenstiefel, Sandalen und Gesundheitsschuhe haben die Ausstellungsmacher aufgetrieben. Schuhe, die die Zeit in Thurnauer Kellern und Dachböden überdauerten und jetzt noch einmal im Rampenlicht stehen.

Unverwüstlich: Winterstiefel aus Seehundfell

Und ja, die Thurnauer Schuhfabrik stellte einst sogar Winterstiefel aus Seehundfell her. Denn durch seine guten Kontakte zur Marine gelangte Fabrikbesitzer Günther Grelich in den 50er Jahren an Seehundfell. Das Innenfutter war robust und wärmte, sodass die Stiefel zum Verkaufsschlager wurden. Angeblich würden heutzutage immer noch einige Leute die Stiefel tragen, wurde Marcus Mühlnikel berichtet. „Das sind Zeugnisse aus der Zeit von damals und die Schuhfabrik gehört einfach zur Identität des Ortes dazu.“

Zwei Kriegswitwen als Gründerinnen

Gegründet hatten die Schuhfabrik zwei Frauen – Elisabeth Becker und Lieselotte Küper. „Die Idee war, etwas herzustellen,...was jeder gebrauchen konnte.“ Die beiden Kriegswitwen aus Berlin verschlug es in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs nach Thurnau. In ihrem Wohnzimmer in der ehemaligen Partheymühle fingen sie mit der Herstellung von Schuhen an. Danach wurde in einer Baracke am Bahnhof produziert, bis der Umzug in die Hutschdorfer Straße erfolgte.

Zeitzeugen erinnern sich an früher

Im Jahr 1977, Elisabeth Becker hatte Günther Grelich geheiratet, übernahm der gemeinsame Sohn Thomas das Unternehmen. Er und seine Schwester Annette Gebhard standen den Ausstellungsmachern für Zeitzeugeninterviews zur Verfügung. Auch Gaby Förster und Kriemhild Geißler berichten in einer Video-Dokumentation von ihren Erinnerungen an die Schuhfabrik.

Strukturwandel in Nordbayern

Die lokale Geschichte der Thurnauer Schuhfabrik wird in die Geschichte der deutschen und fränkischen Schuhindustrie im 19. und 20. Jahrhundert eingebettet. Zugleich vergleicht die Pop-up-Ausstellung, zu der auch ein Begleitband erschienen ist, die heutigen Umwelt- und Produktionsstandards in den führenden Schuh-Produktionsländern .

Ergänzend werden am 2. April, von 10.30 bis 14 Uhr, Doktoranden des Forschungskollegs Franken am IFLG Vorträge halten. Zudem werden am Nachmittag ab 15 Uhr Führungen durch Thurnau angeboten.

INFO Ausstellung zur Thurnauer Schuhfabrik, geöffnet am Samstag, 2. April, 10 bis 18 Uhr, und am Sonntag, 3. April, von 12 bis 18 Uhr. Moderiertes Zeitzeugengespräch am Sonntag um 16 Uhr.

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