Forschung Forschende aus den USA wollen Mammut-Art "wiederbeleben"

Überreste eines rund eine Million Jahre alten versteinerten Mammutskeletts im Viminacium-Museum. Wissenschaftler wollen das Wollhaarmammut wiederbeleben. Foto: Boris Babic/dpa Foto: dpa

Wissenschaftler wollen in gewisser Weise das Wollhaarmammut wiederbeleben. Und sie haben auch eine kühne Idee, weshalb das ausgestorbene Tier gut für unsere Erde sein soll.

Moskau - Mammuts mit wuchtigem Körperbau und langen Stoßzähnen sollen wieder durch Sibirien stampfen. Neu ist diese Idee nicht. Sie könnte nun aber schneller Realität werden als gedacht, wenn es nach den kühnen Vorstellungen von US-Forschenden geht.

Das Problem ist: Diese Tiere sind seit Tausenden Jahren ausgestorben. Wissenschaftler aus den USA wollen nun mit Gentechnik eine Art Wollhaarmammut wieder auferstehen lassen. Wenn alles nach Plan läuft, sogar schon in sechs Jahren. Das Startkapital dafür haben sie nach eigenen Angaben inzwischen gesammelt. Doch die Skepsis unter Experten ist groß.

Das Vorhaben des Genforschers George Church von der Harvard University in Cambridge nimmt nach eigener Darstellung Gestalt an. Seit ein paar Tagen kümmert sich ein Start-Up mit dem Namen Colossal um die ehrgeizigen und zugleich umstrittenen Pläne. "Das Aussterben ist ein kolossales Problem, mit dem die Welt konfrontiert ist", steht auf der frisch freigeschalteten Internetseite.

"Wir haben die DNA, die Technologie und die führenden Experten auf dem Gebiet", heißt es weiter. Church wirbt seit Jahren mit der Idee, die ausgestorbene Tierart wiederzubeleben. Bislang fehlte ihm das Geld dafür. US-Medien zufolge haben Investoren 15 Millionen US-Dollar (12,7 Mio. Euro) zur Umsetzung des Projekts zugesichert.

2027 könnte erstes Kalb geboren werden

Church hält es für realistisch, dass im Jahr 2027 das erste Kalb geboren werden könnte, wie er dem US-Sender CNBC sagte. Genau genommen wird kein Wollhaarmammut kreiert, wie es vor seinem Aussterben in den kalten Gebieten Eurasiens und Nordamerikas gelebt hatte. "Ziel ist es, einen kälteresistenten Elefanten zu schaffen, der aber wie ein Mammut aussehen und sich so verhalten wird." Eine Leihmutter soll dann das hybride Mammut austragen.

Dafür sollen Church zufolge Zellen des bedrohten Asiatischen Elefanten mit gefundenen Urzeit-Genen des Mammuts kombiniert werden. Die Experten wollen hierfür neue Technologien wie die Genschere CRISPR-Cas9 nutzen, mit der DNA gezielt geschnitten werden kann.

"Mit ihr sollen in die DNA Asiatischer Elefanten mehrere Mammutgene eingefügt werden, zum Beispiel für ein dichtes Fell und für zusätzliche Fettschichten", sagt die Paläontologin Victoria Herridge dem "Spiegel" und spricht von einem "extrem komplizierten" Verfahren.

Nach früheren Angaben von Church reicht das vorliegende Genmaterial eines Mammuts nicht aus, um es zu klonen. Mit dem tauenden Permafrostboden werden zwar immer wieder Reste der einst riesigen Tiere gefunden. Doch Blut, Gewebe oder die zuletzt in Stoßzähnen freigelegten Erbgut-Reste haben den Forschern bislang nur Einblicke in die Evolution gegeben - nicht aber geholfen, Mammuts zu klonen.

Laut Forscher sind Mammuts nützlich für Arktis

Ohnehin stellt sich die Frage, weshalb die Tiere überhaupt wieder durch die Arktis streifen sollen. Church behauptet, Mammuts könnten dazu beitragen, dass der Permafrostboden weniger schnell schmelze und dadurch das Freisetzen klimaschädlicher Treibhausgase in den tiefgefroren Böden verhindert werden könne. Die Mammuts würden den Schnee feststampfen und so das Auftauen der Böden erschweren, behauptet der Experte. Doch an der Theorie gibt es Zweifel.

Die Tiere könnten in dem Park von Nikita Simow angesiedelt werden. Der russische Wissenschaftler leitet ein riesiges Naturschutzgebiet im Nordosten Sibiriens unweit des Nordpolarmeers. Er warnt vor übertriebenen Erwartungen: "Die Chance, dass alles gleich perfekt wird, sind gering."

"Mammuts werden nicht benötigt, um den Klimawandel direkt zu bekämpfen", sagt Simow der Deutschen Presse-Aentur. Pflanzenfressende Großsäugetiere trügen vielmehr dazu bei, arktische Landschaften als Weideland vielfältiger und widerstandsfähiger zu machen. Darüber könne der Klimawandel beeinflusst werden.

Für Guido Grosse vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam ist dieser Ansatz nachvollziehbar - und er verweist dabei auf Erfahrungen in Simows Pleistozän-Park. "Dafür gibt es in kleinem Maßstab gute Hinweise, wir sind selbst an solchen Studien beteiligt."

Forschende äußern sich skeptisch zu Theorien

Der Permafrost-Experte hat allerdings Zweifel, dass sich dadurch das Auftauen der gefrorenen Böden aufhalten lässt. "Wir sprechen über viele Millionen Quadratkilometer Permafrostregion, die von einer enorm hohen Tierdichte bevölkert werden müssten." Es würde zu lange dauern, bis entsprechend viele Tiere vorhanden wären. "Die Erwärmung wäre dann in der Arktis schon zu weit fortgeschritten." Ähnlich skeptisch haben sich bereits andere Forschende geäußert.

Gareth Phoenix von der Universität im englischen Sheffield hält es für nachteilig, dass in den von Mammuts besiedelten Gebieten nur noch Gras und keine Bäume wachsen würden. "Wir wissen, dass Bäume und Moos in den bewaldeten arktischen Regionen für den Schutz des Permafrosts entscheidend sein können", sagt der Professor der Zeitung "Guardian".

"Es ist und bleibt absolut unabdingbar: Die fossilen Emissionen aus Kohle, Öl, und Erdgas müssen beendet werden - und zwar so schnell wie möglich", sagt Grosse und sieht darin die wichtigste Maßnahme im Kampf gegen den Klimawandel. Die fossilen Brennstoffe hätten bislang den überaus größten Anteil am Anstieg des Kohlendioxid-Gehalts in der Atmosphäre und damit an der Erwärmung.

Simow: Mammuts werden Menschen nicht schaden

Selbst wenn US-Genforscher Church der Durchbruch gelingen sollte, ist für die russische Wissenschaftlerin Lena Grigorjewa längst nicht ausgemacht, dass die Tiere langfristig in freier Natur überleben können. Um etwa Nachkommen zu erzeugen, müsste das Ökosystem der Tiere wiederhergestellt werden, sagt die Paläontologin dem Fachportal "Nachrichten der Wissenschaft Sibiriens". Schon die Eisbären müssen sich immer weiter südlicher auf Futtersuche begeben, weil das Eis nicht mehr dick genug für die Robben-Jagd ist.

Der russische Forscher Simow will zumindest eines ausschließen: dass Mammuts den Menschen gefährlich werden könnten. "Sie werden niemandem schaden." Er sei sich sicher, dass die Population auch "in der modernen Welt" unter Kontrolle gehalten werden könnte.

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