Festspielorchester Ein Stück Holz wird zur Bratsche

Bratschist Tilbert Weigel im Orchestergraben des Bayreuther Festspielhauses. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Aus einem Stück Holz aus den Dolomiten ein wohlklingendes Instrument zu machen -- das ist die Aufgabe des Geigenbaumeisters Martin Schleske. Tilbert Weigel, Bratschist im Bayreuther Festspielorchester, spielt auf einem Instrument aus Schleskes Werkstatt.

Kann man einem Baumstamm anhören, ob aus dessen Holz eine wohlklingende Geige werden kann? Man möchte es glauben, wenn man liest, wie Martin Schleske die Suche nach klangvollem Holz beschreibt: „Die Alten wussten, wie man die ,Sänger‘ findet. An den reißenden Stellen der Gebirgsflüsse [...] standen ihre Väter und lauschten dem Aneinanderschlagen der Stämme, die täglich durch die Fluten hinab ins Tal flößten. Einige Stämme begannen im Wasser zu schwingen, zu singen, zu klingen. Unter den vielen Stämmen erkannten die Meister so jene besonderen ,Sängerstämme‘ für den Bau ihrer Geigen.“

Mit dieser Schilderung beginnt Geigenbaumeister Martin Schleske aus Landsberg am Lech das erste Kapitel seines Buchs „Der Klang – Vom unerhörten Sinn des Lebens“. Man lernt bei der Lektüre: „Für den Geigenbauer ist der enge Baumbestand in den Hochlagen eine Gnade, denn er lässt die Grünastkronen der aufrechten Bergfichten erst sehr weit oben beginnen. So formen die Bäume ihre astfreien, gut vierzig oder fünfzig Meter hohen, stolzen Stämme.“

Für die akustischen Resonanzplatten im Musikinstrumentenbau sei ihr Holz allen anderen natürlichen Materialien weit überlegen. Im Laufe ihres langsamen Wachstums werfen die Bergfichten ihre unteren Äste ab. In den dunklen Bergwäldern strecken sie ihre Grünastkronen nach oben, dem Licht entgegen. Ihre unteren Äste sterben ab, denn ihre Nadeln erreichen nicht mehr das Licht.

Dadurch wächst, wie Schleske ausführt, im langgestreckten Stamm die für den Geigenbau notwendige astfreie Substanz heran. Auch wenn das raue Klima knapp unterhalb der Baumgrenze für die Bergfichten zur harten Herausforderung wird – „dem Klang wird es zum Segen“.

Auf einer Hochebene in den Dolomiten gewachsen

Von diesem Segen ist auch im Bayreuther Festspielorchester zu hören, denn der Bratschist Tilbert Weigel spielt auf einem Instrument aus Schleskes Werkstatt. Wie üblich, ist die Decke aus Bergfichte gefertigt. Der Geigenbauer hat sich bei diesem Instrument aber nicht nur auf alte Überlieferungen verlassen, denn den Boden der Bratsche hat er aus einer afrikanischen Ahornart gebaut. Das Holz für die Decke ist südlich des Alpenhauptkammes, auf einer Hochebene in den Dolomiten, gewachsen. Das Holz für den Boden in Nordafrika.

Schleske beschreibt das Instrument so: „Es hat einen modulierbaren Klang, wie eine Farbpalette. Eine sanfte Schönheit mit einem großen Ton.“ Die Bratsche ist keine Kopie, sondern eine eigene klangliche Handschrift. Dennoch nennt Schleske berühmte Vorbilder und spricht mit Blick auf seine Bratsche von der solistischen Autorität eines Guarneri del Gesu und von der „atemberaubenden Feinheit, Modulierbarkeit und Leuchtkraft eines Antonio Stradivari“.

Dunkle, charakteristische Sprache

Im Sommer vergangenen Jahres entließ der Geigenbaumeister sein Instrument in die Musikwelt. „Im Juli 2018 kam der Anruf von Martin Schleske“, erinnert sich Tilbert Weigel im Gespräch mit dem Kurier. Die Bratsche war einsatzbereit. Ihre Bewährungsprobe durfte sie im Orchestergraben des Bayreuther Festspielhauses bestehen.

Und Tilbert Weigel war sofort begeistert. „Die Bratsche zeichnet sich durch eine dunkle, charakteristische Sprache aus, so wie man es sich bei einer Bratsche wünscht.“ Unglaublich resonanzstark sei das Instrument, das überdies eine angenehme Größe aufweise. Die Ansprache sei leicht. Es versetze den Musiker in die Lage, selbst im üppig besetzten Wagner-Orchester noch „etwas Persönliches reinzubringen“. Auch im Tutti.

Ingenieur und gläubiger Christ

Tilbert Weigel, der das Jahr über im Münchner Rundfunkorchester spielt, erinnert sich an den Entstehungsprozess des Instruments, der sich über mehrere Jahre erstreckte: Dem Geigenbaumeister sei es wichtig, sich selbst ein Bild des Musikers zu machen, für den er ein Instrument baut. Dazu besucht Schleske vorab auch Konzerte des potenziellen Kunden, um einen Eindruck von der Persönlichkeit des Instrumentalisten zu erhalten.

Überhaupt zeigt sich Weigel fasziniert vom Charisma seines Instrumentenbauers: „Ein einzigartiger Mensch mit so vielen Facetten, wie ich noch keinen getroffen habe.“ Schleske ist Geigenbaumeister, Diplom-Physik-Ingenieur und ein gläubiger Christ, der in seiner Werkstatt für ein Instrument auch mal ein Gebet spricht.

Für den „Parsifal“, in dem die neue Bratsche neben den Aufführungen der „Meistersinger“ und von „Tristan und Isolde“ zum Einsatz kommt, ist Tilbert Weigel also bestens gerüstet. Gegen Ende des ersten Akts im „Parsifal“ gibt es eine Stelle, an der die Bratschen markant hervortreten. „Da freut man sich drauf.“

 

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