Festspielgeiger stellt aus Musik und Kunst tanzen Tango

Juraj Cizmarovic Foto: /Andreas Harbach

Ein Geigenvirtuose der nicht nur musizieren, sondern auch zeichnen und malen kann: das ist der Konzertmeister der Bayreuther Festspiele.

 
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Er ist ein erfahrener Konzertmeister und seit 25 Jahren verbringt er den Sommer auf dem Grünen Hügel. Wenn er die Geige nachts beiseitelegt, greift er zu Stift und Papier. Ein Teil der so entstandenen Kunstwerke ist noch bis 28. August in einer Ausstellung in der Kanalstraße 15 zu sehen.

Wann spürten Sie, dass Sie für beides, Musik und Kunst, großes Talent haben?

Als Kind weiß man das nicht, ob man Talent hat oder nicht, sondern wird auf den richtigen oder falschen Weg gelenkt. Ich bezeichne mich selbst als Spätzünder, denn ich habe mit allem zu spät angefangen, mit der Geige sowieso, da war ich elf, was sehr ungewöhnlich spät ist. Dann wollte ich Fußball spielen, was wiederum meine Mutter verboten hat wegen der Verletzungsgefahr für die Finger. Als ich später mit Fußball anfing, war ich 35. Bildende Kunst und Kultur haben in unserer Familie immer eine große Rolle gespielt. Museumsbesuche waren eine Strafe. Dafür bin ich meinen Eltern unendlich dankbar.

Dennoch ging‘s erst in Richtung Musik?

Mein Hauptleben besteht natürlich aus Tönen, aus Musik, aus Kontakt mit Publikum. Ich fühle mich sehr wohl auf der Bühne, das habe ich von Anfang an gespürt. Das ist ein großer Vorteil für jemand, der diesen Beruf ausüben möchte, dass er keine Angst hat. Mit der Zeit lernt man nicht nur neue Menschen, sondern auch neue Musik kennen, es gibt tonnenweise Musik, die kein normaler Mensch in einem Leben schaffen kann. Ich habe enormes Glück gehabt, dass ich so viel berührt habe in der Musik, entweder als Solist, als Kammermusiker, als Pädagoge, vor allem als Orchestermusiker und als Dirigent. Und trotzdem fühle ich mich oft als Anfänger, wenn mich die Musik nicht berührt. Das andere Extrem ist mein Lieblingskomponist Richard Wagner.

Was ist für Sie das Faszinierende an Wagners Musik?

Nun, ich sprach von neuer Musik, von neuen Welten: Wagner spiele ich seit Jahren, immer wieder dieselben Stücke – und ich entdecke immer wieder was Neues. Das ist für mich das Faszinierende an Bayreuth und offenbar auch für andere Menschen, die freiwillig nach Bayreuth kommen, in diese wunderschöne, kleine Provinzstadt. Sie setzen sich in dieses Festspielhaus und hören unendlich lange, aber wunderschöne ,Meistersinger‘ bei vierzig Grad.

Wann kamen sie zum ersten Mal mit Wagner in Berührung?

Ich habe an der Hochschule als Dozent unterrichtet. Als Solist war ich mit der Opernwelt relativ wenig konfrontiert. 1990 kam ich nach Deutschland und landete im Gürzenich Orchester in Köln. Mein erster Operndienst in Köln war „Siegfried“, dritter Akt, das werde ich nie vergessen. Ich gebe zu: Ich war überfordert, für mich war das eine völlig neue Dimension. Ich konnte zwar die Noten spielen, aber es war was völlig anders. Diese Probe war nicht einfach für mich, aber ich war vom ersten Moment an infiziert, infiziert vom Wagner-Infekt, der ist unheilbar. Meine tiefe Überzeugung ist: Wagner kann man nicht während der Autofahrt hören. Die Manipulation seiner ist so tief, sie vereinnahmt Sie komplett. Deshalb leiden die Menschen so viel in Bayreuth, als Zuschauer oder Musiker. Wagner in Bayreuth zu spielen, verlangt eine gewisse psychische und physische Stabilität und Kraft.

Auch für Sie als Musiker ist so eine Aufführung anstrengend?

Natürlich, wenn du das Instrument manchmal sechs Stunden lang am Hals hast. Und dann der Lärm… Auf der einen Seite ist die Akustik im Festspielhaus etwas Einmaliges, so etwas finden Sie nirgendwo auf dieser Erde, so schön, so transparent, fast kammermusikalisch. Aber da unten im Graben – es tobt. Man sitzt eng beieinander, verteilt auf sieben Stockwerke, die Partitur ist dicht und fett. Deshalb ist es manchmal sehr laut da unten. Wenn wir große Meister als Dirigenten haben, die das gut lenken können, dann ist das ein purer Genuss.

Eines ist mir wichtig – die Wagner-Familie. Ich pendle durch ganz Europa. Plötzlich sehen Sie ein Gesicht – und Sie wissen, aha, auch Bayreuth. Sie wissen nicht wie er heißt, er weiß nicht wie ich heiße. Musiker, Sänger, Maske, Regisseur, Bühnenbildner, Lichtmeister: Du triffst sie in Seoul oder Madrid, ein Blick und wir wissen – Bayreuth. Hier wächst über die Jahre eine Gemeinschaft, das ist das Schöne.

Und nun zur bildenden Kunst. Was bedeutet sie Ihnen?

Ein Bild, an dem Sie vorbeigehen, und das Sie nur zwei Sekunden anschauen, schenkt Ihnen Energie. Der optische Eindruck, die visuelle Kunst, verändert etwas in Ihrem Kopf. Wenn ich reise, verbringe ich viel Zeit in Hotels, Flughäfen und langen Zugfahrten. Da ist man oft einsam. Ich war zum Beispiel vor vier Jahren in China, das Land ist unendlich weit. Auf einer zehnstündigen Zugfahrt habe ich dann angefangen, Skizzen zu machen, einfach mit dem Kugelschreiber. Das war mir ein Bedürfnis und es war damals auch eine intensive Zeit. Ich zeichne aber schon viel länger. Zuhause habe ich ein Skizzenbuch, das sogar schon aus dem Jahr 1982 stammt. Köpfe habe ich schon immer gerne gezeichnet. Im Herbst möchte ich eine neue Phase mit Ölfarben beginnen.

Malen Sie auch jetzt während der Festspielzeit?

Nein, irgendwie noch nicht. Das ganze Jahr war voll mit Wagner. Meistens zeichne ich nachts oder einfach zwischendurch, um ein wenig runterzukommen. Das ist meine Art, um ruhiger zu werden. Manchmal höre ich dabei einen Podcast oder ein Hörbuch. Ich merke dann, wie der Körper reagiert und sich beruhigt. Beim Malen entführt mich mein Kopf in Fantasiewelten. Meine Bilder sind beeinflusst vom Surrealismus, der fantastischen Malerei, der spanischen Kultur. Dali, Picasso, Velasquez und vor allem Hieronymus Bosch. Diese Motive komplexer Art, der Mensch im Vordergrund und die großen Themen wie Stärke und Schwäche, Geburt und Tod, Liebe, Treue und Loyalität – das alles steckt auch in Wagners Musik. Durch den Orchestergraben fliegt manchmal eine Fledermaus – wir nennen sie Cosima – das hat etwas Surreales, beide Welten berühren sich.

Warum ist Bayreuth für Sie so besonders?

Ich bin ein großer Optimist, die Festspiele haben so lange überlebt und Millionen von Menschen beglückt, sie werden auch jetzt weiterleben. Es ist selbstverständlich, dass man sich in Liebe aufopfert für diese Idee. Wenn sie in München wären, bekämen sie nicht diese große Aufmerksamkeit. So ein Konstrukt in einer kleinen Stadt, mit einer eigenen Scheune, in der kein Verdi und auch kein Mozart gespielt werden, finden Sie nirgendwo auf der Erde. Wir versuchen alle, immer noch besser zu werden, die Menschen glücklich zu machen oder zum Nachdenken zu bringen und dazu beizutragen, dass sie diese Musik genießen können.

Hintergrund:

Zur Person
: Der slowakische Violinist Juraj Cizmarovic ist ein renommierter Musiker und Preisträger mehrerer internationaler Wettbewerbe. Von 1990 bis 2004 war Konzertmeister im Gürzenich Orchester Köln. Danach erfolgte der Wechsel zum WDR Rundfunkorchester als erster Konzertmeister. Seit 1997 ist Juraj Cizmarovic Konzertmeister des Bayreuther Festspielorchesters. Der 60-Jährige ist weltweit auch als Solist unterwegs und widmet sich der Kammermusik, dem Dirigieren und dazu der Malerei. Seine aktuelle Ausstellung, die zweite in Bayreuth, ist noch bis zum 28. August geöffnet, Dienstag bis Donnerstag, von 11 bis 15 Uhr, Freitag bis Sonntag, von 11 bis 17 Uhr.

Benefizkonzert:
 Ein Ensemble des Bayreuther Festspielorchesters unter der Leitung con Juraj Cizmarovic gibt am Dienstag, 23. August, 19.30 Uhr, ein Benefizkonzert in der Kirche St. Hedwig. Auf dem Programm stehen Werke von Mozart, Puccini, Piazolla, Zeljenka und Britten. Das Kammerorchester spielt zugunsten der Lebenswerk gGmbH. Die Bibliothek mit speziellen Büchern und Lernhilfen soll wieder aufgebaut werden.

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