Fest Wir wünschen Ihnen allen frohe Weihnachten

Weihnachten 2020 dürfte das reinste Fest seit Langem werden, weil es uns zwingt, die Welt  und die Gesellschaft  mit anderen Augen zu sehen.

Frohe Weihnachten Foto: red

Die Adventszeit ohne Weihnachtsmärkte. Innenstädte ohne den Duft von Glühwein, Zimt, Orange, Vanillekipferl und Honigkerzen. Der Heilige Abend für einen Großteil aller Voraussicht nach ohne Christmette. Der Jahresausklang in den Betrieben ohne Feiern, bei denen die Beschäftigten noch mal das Jahr Revue passieren lassen und es ein kleines Präsent vom Chef gibt. In Vereinen, Schulen, Kindergärten, Pflege- und Altersheimen kaum Besinnliches.

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Um die Lieben nicht zu gefährden, muss man fernbleiben. An Umarmungen oder gar Küsse auf die Wange ist gar nicht zu denken. Das fällt so verdammt schwer, weil uns das komplette Jahr schon so viele Entbehrungen abgerungen hat. Die Quarantäne in den eigenen vier Wänden, die Abgeschiedenheit im Homeoffice lassen die Sehnsucht nach Gemeinsamkeit wachsen. Ausgerechnet jetzt zum wichtigsten Fest des Christentums mit all seinen Traditionen, dem Fest der Familie par excellence, soll es ein Fest ohne Familie geben. Was für eine schöne Bescherung! Die Gefahr des Virus verhagelt uns die Erfüllung des Wunsches nach Kontakt, nach Nähe.

Von Kindesbeinen an besitzt Weihnachten etwas Sinnliches, verbinden wir die kommenden Tage mit Ritualen, etwas Schönem, etwas Feierlichem. All das wird es in diesem Jahr nicht oder nur sehr reduziert geben. Für viele scheint es ein verlorenes Weihnachten zu sein. Aber ist es das wirklich? Oder kommt es uns nur so vor, weil wir die Feiertage einfach mal anders verbringen müssen? Ist anders gleichzusetzen mit weniger schön, mit schlechter?

Nein, wir dürfen nicht nur das Negative sehen. Wir müssen bewusst diese Reizüberflutungen und plumpen Gedanken an Geschenke beiseiteschieben. Es braucht den Fokus aufs Positive. Wer ehrlich zu sich selbst ist, entdeckt da einiges: Wir haben ein Dach über dem Kopf, Heizung, Wasser, Strom funktionieren. Unternehmen, Einzelhändler, Gastronomen, Hoteliers, Friseure dürfen auf Unterstützung durch den Staat hoffen. Viele Menschen haben ihre Arbeit verloren. Doch in der Not ist keiner allein. Selbst wenn wir an den Folgen noch Jahrzehnte zu knabbern haben werden.

Auch entfallen zu Weihnachten 2020 so profane Dinge wie die Hetzerei durch volle Innenstädte auf der Suche nach Geschenken. Es kommt nicht die ganze Verwandtschaft zum Festmahl, sondern – wenn überhaupt – nur die engste Familie. Das bedeutet weniger Arbeit, weniger Vorbereitungen, weniger Stress. Weihnachten ist ohnehin überladen mit Erwartungen, die kaum einer erfüllen kann, aber viele dennoch erfüllen wollen, weil wir ungern enttäuschen. Das liegt nicht in unserer Natur.

Die Advents- und Weihnachtswochen sind ursprünglich die Zeit der Besinnlichkeit, der Einkehr. Wir sollten also in den kommenden Tagen genügend Momente zum Nachdenken einplanen – allein oder in kleiner Runde. Möglicherweise kommen wir zu dem Schluss, einiges nicht als gegeben hinzunehmen, sondern es wertzuschätzen. Selbst die Kleinen schreiben in diesem Jahr auf ihre Wunschzettel seltener Autos, Puppen und Spiele. Ihnen scheint das Materielle egal zu sein. Stattdessen liest man bei vielen, dass sie „möchten, dass Corona vorbeigehe“, dass sie wieder zu Oma und Opa dürfen und alle gesund bleiben oder es wieder werden. Es ist herzerweichend. Das sollte uns Erwachsenen zu denken geben. Nehmen Kinder viel eher und deutlich weniger gefrustet wahr, worauf es wirklich ankommt? Sind sie in Notsituationen unsere wahren Vorbilder und behalten die gerade jetzt so nötige Ruhe?

Weihnachten 2020 zwingt uns, die Welt, die Gesellschaft und uns mit anderen Augen zu sehen. Das Fest der Liebe und Nähe wird zum Fest des Abstands. Weil alles andere krank machen kann. Es klingt absurd. Doch die Vernunft muss siegen. Wenigstens in diesem Jahr. Weil wir noch möglichst oft die Geburt von Gottes Sohn mit Mama, Papa, Oma, Opa verbringen wollen. Vielleicht ist dieses Christfest das reinste, unverfälschteste, purste Fest, das wir seit Langem erlebten, weil es aufs Wesentliche reduziert ist.