Ferdinand Leeke und die Walhalla-Fantasy

Von Michael Weiser

Helden im Bärenfell, Wotan mit Flügeln am Helm und kräftige Frauen mit blitzendem Blick: Ferdinand Leeke ist schuld daran, dass Wagners Figuren hohen Wiedererkennungswert erhielten - vor allem für Karikaturisten. Wie diese Walhalla-Fantasy Richard Wagner in die deutsch-nationale Germanentümelei einspannte, zeigt das Richard-Wagner-Museum.

Wotans Abeschied: Postkarte nach einem Motiv von Ferdinand Leeke (1895). Nationalarchiv der Richard-Wagner-Stiftung, Bayreuth Foto: red

Richard Wagner leidet an Zahnweh, Cosima am Bühnenbildner. „Stümper“ nennt sie den Professor Carl Emil Doepler kurz vorm Start der ersten Festspiele 1876. Und fährt in ihrem Tagebuch fort: „Die Kostüme erinnern durchweg an Indianer-Häuptlinge und haben neben dem ethnographischen Unsinn noch den Stempel der Kleinen-Theater-Geschmacklosigkeit.“ Was hatte Doepler da nur angestellt?

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Nichts Schlimmeres als dies: Er hatte Helden und Götter des „Rings“ mit rauschenden Bärten und wallenden Gewändern versehen, den Helm der Walküre beflügelt und ihre schwellende Brust in eine eherne Brünne gezwängt. Und damit die Weichen für eine historische Irrfahrt gestellt: Wo Wagner von Archetypen raunte, von einem Geschehen fern unserer Zeit, da verstanden Doepler und andere Germanentümelei. Von jetzt ab (bis kurz vor Wieland) hatte der Germane im Bärenfell zu erscheinen.

Düsterer Wotan, jesusgleicher Parsifal

Wie einflussreich Doeplers Arbeit wurde, zeigt von heute an eine Ausstellung im Richard-Wagner-Museum. Gut zwei Dutzend Gouachen sind da zu sehen, geschaffen von Ferdinand Leeke (1859-1937). Kräftige Frauen, düstere Wotane, lichte Stolzings, von Trauer umflorte Isolden, eine inbrünstig betende Elisabeth, eine Kundry, die einem jesusgleichen Parsifal die Füße wäscht: Ferdinand Leeke malte Wagners Figuren, wie man sie sich vorstellte, seit Angelo Neumann von Wagner selbst die abgelegten „Ring“-Kostüme gekauft und mit Wagners Werk auf Europa-Tournee gegangen war.

Die Bilder, die derzeit im Museumsanbau zu studieren sind, dienten als Vorlage für Kunstdrucke, wie sie der Kunstverlag „Franz Hanfstaengl“ vertrieb. Nicht zuletzt an ein internationales Publikum, wie der englische Copyright-Hinweis auf manchen Leeke-Bildern belegt. In unzähligen Mappen und auf Postkarten wurden die Darstellungen massenhaft unter die Leute gebracht.

Der Germane als Herzensangelegenheit

Im Ausland waren die Drucke gefragt, in Deutschland aber Herzenssache. Dort war auf die Reichsgründung 1871 ein regelrechter „Germanenkult“ gefolgt. Das junge Reich war militärisch wie wissenschaftlich und wirtschaftlich eine Großmacht, aber gleichzeitig unsicher. Vor der Gegenwart, der man nicht traute, floh man in eine angeblich vertraute Vergangenheit, wie sie schon der Römer Tacitus in seiner „Germania“ verklärt hatte. Und wo sich der Wagner-Freund Friedrich Nietzsche noch über die „blonde germanische Bestie“ und ihr „Wüthen“ mokiert hatte, pries der Wagner-Biograf Houston Stewart Chamberlain die tumben Naturburschen bald als Retter der arischen Kultur: „Dieser Barbar, der am liebsten nackend in die Schlacht zieht, dieser Wilde, der plötzlich aus Wäldern und Sümpfen auftaucht.“ Walhalla-Fantasy als Opium fürs Volk. Wie man weiß, distanzierte sich Nietzsche von Bayreuth. Chamberlain hingegen wurde zum Propagandisten eines „neuen Bayreuth“, mit Wahnfried als Zentrum. In diesem Kreis pflegte man eine Ideologie des aggressiven völkischen Nationalismus und vereinnahmte den verstorbenen „Meister“ als Propheten. Wo der Wahn endete, weiß man. Seine Anfänge aber illustriert gerade das Richard-Wagner-Museum.

INFO: Die Ausstellung „Germanenkult“ ist bis 29. Mai zu sehen. Dem Blick in die Urzeit der Festspiele folgt der in die jüngste Gegenwart: In der Sommerausstellung präsentiert Wahnfried Theaterfotos von Monika Rittershaus. Das Richard-Wagner-Museum engagiert sich außerdem gegen Rassismus: Museumsleiter Sven Friedrich hält am 16. März (18 Uhr) und am 18. März (15 Uhr) Vorträge zu „Richard Wagner und der Antisemitismus“. Am Abend des 18. März (19.30 Uhr) findet in Wahnfried ein Konzert „Musik gegen Rassismus“ statt.