Der Germane als Herzensangelegenheit
Im Ausland waren die Drucke gefragt, in Deutschland aber Herzenssache. Dort war auf die Reichsgründung 1871 ein regelrechter „Germanenkult“ gefolgt. Das junge Reich war militärisch wie wissenschaftlich und wirtschaftlich eine Großmacht, aber gleichzeitig unsicher. Vor der Gegenwart, der man nicht traute, floh man in eine angeblich vertraute Vergangenheit, wie sie schon der Römer Tacitus in seiner „Germania“ verklärt hatte. Und wo sich der Wagner-Freund Friedrich Nietzsche noch über die „blonde germanische Bestie“ und ihr „Wüthen“ mokiert hatte, pries der Wagner-Biograf Houston Stewart Chamberlain die tumben Naturburschen bald als Retter der arischen Kultur: „Dieser Barbar, der am liebsten nackend in die Schlacht zieht, dieser Wilde, der plötzlich aus Wäldern und Sümpfen auftaucht.“ Walhalla-Fantasy als Opium fürs Volk. Wie man weiß, distanzierte sich Nietzsche von Bayreuth. Chamberlain hingegen wurde zum Propagandisten eines „neuen Bayreuth“, mit Wahnfried als Zentrum. In diesem Kreis pflegte man eine Ideologie des aggressiven völkischen Nationalismus und vereinnahmte den verstorbenen „Meister“ als Propheten. Wo der Wahn endete, weiß man. Seine Anfänge aber illustriert gerade das Richard-Wagner-Museum.