Fast täglich treten Flüchtlinge die Weiterreise an Durchgangsstation Bayreuth Bahnhof

Von Katharina Wojczenko

Wer in Bayreuth in den Zug steigt, bekommt die Auswirkungen der Weltpolitik mit. Die Regierung von Oberfranken liefert am Bahnhof fast täglich Flüchtlinge ab, die von dort auf eigene Faust zu Aufnahmeeinrichtungen in der ganzen Republik fahren. Wenn sie denn wegkommen. Das scheitert oft an Kleinigkeiten.

Abdullah Sarhan (30) will weg. Dorthin, wo er bleiben darf und Frieden ist. Er kommt aus Syrien, ist über die Türkei, Griechenland, Serbien und Ungarn nach Deutschland geflohen, sagt er. Drei Jahre hat er dafür gebraucht, weil er kein Geld hat. Seit einer Woche ist er in Bayreuth. Jetzt steht er im Bayreuther Bahnhof und soll nach Dortmund.

Thomas Vogler gibt sein Bestes, dass das klappt. Der Mann im Holzfällerhemd arbeitet bei der Regierung von Oberfranken. Er verhandelt gerade wegen der Fahrkarten mit dem Schalterpersonal. Manchmal fährt er 20 Mal am Tag Flüchtlinge zum Bahnhof, manchmal vier Mal.

Von vier Flüchtlingen bleiben drei am Ende doch noch über Nacht in Bayreuth

Gerade hat er nur vier Personen dabei, die nur ein paar Tüten Gepäck haben. Abdulla Sarhan, ein Paar aus dem Irak und einen jungen Kerl aus Syrien, der noch drei Minuten hat, bis sein Zug abfährt, wie Vogler gerade erfahren hat. Im Schnelldurchlauf geht er mit ihm auf dem Ausdruck die Umsteigebahnhöfe durch.

Vogler spricht sehr gut Englisch, er hat lange für die Amerikaner gearbeitet. Die Flüchtlinge sprechen es weniger gut. Sie sehen vor allem einen energischen Mann, der wild gestikuliert und ihnen Mut machen will. „Zeigen Sie den Zettel mit dem Fahrplan her, haben Sie keine Scheu zu fragen, die Leute helfen Ihnen“, sagt er. „Und das Personal im Zug bekommt dafür Geld.“

Mit der Regionalbahn durch Deutschland

Der junge Mann stürmt los, das Paar sieht enttäuscht aus. Nach Berlin würden sie fahren, hatte Kamil Aid, der Mann, erzählt. Aber Berlin heißt Burbach. Und heute kommen sie nicht mehr aus Bayreuth weg. Mit der nächsten Verbindung müssten die beiden nämlich nach Mitternacht stundenlang in Gießen auf den Anschluss warten. „Da kann zu viel passieren, ich nehme Sie mit in die Unterkunft“, sagt Vogler. Also in die Wilhelm-Busch-Straße. „Da haben Sie ein Dach überm Kopf und bekommen etwas zu essen.“

Bayreuth ist für die Hälfte der Ankömmlinge Durchgangsstation. Viele werden mit dem Bus durch die Republik vor ihre Unterkunft gefahren. Würde aber kein Bus voll, weil die Flüchtlinge auf unterschiedliche Orte verteilt werden, müssen sie den Zug nehmen. Also die Regionalbahn, weil die am günstigsten ist. Und wenn es von der Endstation noch sechs Kilometer zur Unterkunft sind, müssen sie sich dorthin durchschlagen. „Es gibt Flüchtlinge, die sind noch nie in ihrem Leben Zug gefahren“, sagt Vogler.

Helfer könnten Flüchtlingen das Bahnfahren erklären

Deshalb hat der Verein Bunt statt Braun von Oktober bis Dezember 2014 den Flüchtlingen die Fahrpläne am Bahnhof erklärt, sagt Isabel Löwentraut vom Vorstand. „Danach haben wir uns zurückgezogen, weil das nicht die Aufgabe von Ehrenamtlichen sein kann.“ Sie stand schon allein mit 30 Flüchtlingen im Bahnhof, die in zehn verschiedene Städte fahren sollten. Die Regierung habe den Verein vor Kurzem aber gebeten: Wenn sich Helfer melden, schickt sie zum Bahnhof. Damit sie nach Flüchtlingen Ausschau zu halten und ihnen das Bahnfahren erklären.

Vogler erklärt ihnen jetzt etwas anderes. Dass sie es in kleine Städten einfacher haben als in großen. Weil dort weniger Menschen sind, die sie umso schneller aufnehmen, ihnen bei der Arbeitssuche helfen können. Dass sie dort schneller Deutsch lernen. „Wenn Ihr könnt, geht in kleine Städte.“ Er wohnt in einem kleinen Ort. Dort wissen die Leute, dass er mit Flüchtlingen arbeitet. Und stellen für sie Stofftiere und Kleider hinter seine Garage.

Abdullah Sarhan geht heute erst mal nirgendwo hin. Er hat den Zug nicht verpasst. Aber nur drei Cent in der Tasche. Ohne Taschengeld will ihn Vogler nicht auf die Reise schicken. Er könnte sich bei der Hitze nicht einmal ein Wasser kaufen. Heißt: Noch eine Nacht in Bayreuth.

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