Fahrradscheune Nach 38 Jahren ist Schluss

BAYREUTH. 38 Jahre lang haben Günter Schwab und Lothar Bräuer Fahrräder verkauft, gewartet und repariert. Ende des Monats schließen sie ihre Fahrradscheune endgültig. Aus Alters- und Gesundheitsgründen, und weil sie keinen Nachfolger für das Traditionsgeschäft gefunden haben.

Fahrradscheune – hört sich irgendwie komisch an. Aber für Günter Schwab und Lothar Bräuer war schnell klar, dass sie ihren Laden so nennen. Weil das Gebäude an der Ecke Rupprechtstraße-Erlanger Straße früher ja wirklich mal als Scheune genutzt wurde. Und sogar als Schafstall, erzählt Bräuer. Davon ist heute natürlich nichts mehr zu sehen.

In den 38 Jahren seit der Gründung des Ladens mit Werkstatt haben sich die beiden Männer ihr Reich so gestaltet, wie sie es brauchen. Ein bisschen verwinkelt ist es schon und ein paar dunkle Ecken gibt es auch. „Aber ich weiß halt immer, wo ich hinlangen muss“, sagt Bräuer, der sich stets um das Handwerkliche gekümmert hat, während Schwab die kaufmännische Seite abdeckte. Fahrrad gefahren wird immer, haben sie sich 1981 gedacht.

Gute Arbeitsteilung

Eine gute Arbeitsteilung haben sie gefunden. Und überhaupt seien sie stets gut miteinander ausgekommen, betonen die weitläufig miteinander verwandten Männer. „Es gab höchstens mal kleinere Unstimmigkeiten, aber die waren immer schnell ausgeräumt. Sonst würde das auch nicht 38 Jahre klappen“, sagen sie übereinstimmend. Knapp vier Jahrzehnte, in denen sich viel getan hat. „Am Anfang haben wir einfache Fahrräder verkauft, meist mit Dreigang-Schaltung. Sieben Gänge waren schon Luxus“, erzählt Bräuer.

Fahrräder als Hightech-Gefährte

Heute seien Fahrräder oft Hightech-Gefährte, nicht zuletzt seit der Revolution durch die E-Bikes. „Entsprechend muss man sich kontinuierlich fortbilden“, sagt Bräuer. Mancher Kunde – nicht die Stammkunden – habe das auch unterschätzt. „Da stand dann ein Familienvater im Laden und hat gesagt: Übermorgen fahren wir in Urlaub. Können Sie nicht schnell noch unsere drei Fahrräder auf Vordermann bringen?“, erinnert sich Bräuer und schüttelt den Kopf. Und das im Sommer, wo sowieso am meisten los und die Werkstatt von früh bis spät ausgelastet war.

E-Bike-Boom erst unterschätzt,

Den E-Bike-Boom haben sie übrigens erst unterschätzt, geben die beiden unumwunden zu. „Als wir die ersten angeboten haben, sind wir belächelt worden“, sagt Schwab. Zuletzt hätten sie aber mehr als die Hälfte ihrer Fahrräder mit dem Rückenwind aus dem Akku verkauft. Der Klassiker sei heute, wenn ein Ehepaar ein E-Bike kauft – für die Frau, damit sie wieder mithalten kann. „Vier Wochen später ist der Mann dann wieder da und kauft sich auch eins – damit er wieder mithalten kann“, erzählt Schwab lachend.

Vor allem die Stammkunden seien regelrecht geschockt, dass sie schließen, sagt Schwab. In ihrem Laden geht es derweil immer noch rund, der Ausverkauf läuft. Viele Kunden wollen sich noch schnell verabschieden oder an ihrem Rad noch mal was nachschauen oder richten lassen. So fährt etwa die Altstädter Fußball-Ikone Manfred Größler gerade davon, als der Reporter um die Ecke kommt. „Und der frühere Polizist Jo Friedlein war vor zehn Minuten noch hier, um sich einen neuen Reifen aufziehen zu lassen“, sagt Bräuer.

Prominente Kunden

Doch nicht nur lokale Prominenz kam in die Fahrradscheune. Eishockeytrainer Hans Zach hat hier ebenso ein Fahrrad gekauft wie Jürgen Flimm, als er am Grünen Hügel den „Ring“ inszenierte. Oder die weltbekannte Wagnersängerin, deren Name Schwab gerade nicht einfällt. „Wir haben da nie viel Aufhebens drum gemacht. Nicht so wie heute, wo so was sofort in den sozialen Medien gepostet wird“, sagt er, gibt aber zu: „Oft haben wir die gar nicht erkannt. Aber hinterher haben wir uns schon geärgert, dass wir kein Foto gemacht haben – nur für uns.“ Und doch hängt hier und da ein Foto oder ein Zeitungsausschnitt in der Werkstatt. Einer zeigt Schwab, wie er in jungen Jahren als Bassist aktiv war – neben Alan Silson. Und der war immerhin 30 Jahre Gitarrist bei der britischen Pop-Rock-Band Smokie.

Es sollte für die Familien reichen

Grundsätzlich aber merkt man, dass Schwab und Bräuer bescheiden geblieben sind. Dass der Weg in ihrer Branche auch ganz anders verlaufen kann, haben die beiden durchaus verfolgt – am Beispiel von Cube in Waldershof etwa. „Als der Marcus Pürner noch Student war, war er immer mal bei uns im Laden. Heute führt er einen der größten Fahrradhersteller Europas“, sagt Bräuer anerkennend, und Schwab ergänzt: „Für uns wäre das nichts gewesen. Wir wollten nie groß wachsen, es sollte halt immer für uns und unsere Familien reichen.“

Werbung hätten sie auch nie gemacht: „Wir konnten uns immer auf die Mund-zu-Mund-Propaganda verlassen.“ Die ihnen Kunden nicht nur aus Bayreuth, sondern aus dem gesamten Landkreis bescherte. „Bis weit ins Fichtelgebirge zum Beispiel“, sagt Bräuer, und in seiner Stimme schwingt durchaus Stolz mit.

Nun also der Schlussstrich. Auch, weil kein Nachfolger zu finden war. Was die beiden letztlich verstehen können. „Die Anforderungen der Hersteller steigen ständig und damit auch das finanzielle Risiko. Das ist schwer in einem kleinen Laden“, sagt Bräuer. Doch vor allem dürfe man mit 69 und 66 Jahren, davon jeweils rund 50 Jahre im Arbeitsleben, schon mal an den Ruhestand denken, sagen die beiden fast ein wenig entschuldigend. Zumal Schwab eine schwere Erkrankung überstanden hat: „Bei allem Spaß, den die Arbeit immer gemacht hat, bekommt man da auch einen anderen Blick aufs Leben.“

Selber Zeit für Fahrradtouren

Für Bräuer ist momentan einfach noch zu viel los, um wirklich schon an die Zeit nach dem 31. August zu denken. Aber sein Alfa Romeo GT Junior 1300 von 1975, der will gepflegt und geputzt werden. „Und mehr Zeit für eine Ausfahrt wird künftig auch sein.“ Sein Kompagnon Schwab formuliert es so: „38 Jahre haben wir dafür gesorgt, dass unsere Kunden mit dem Fahrrad schöne Ausflüge und Touren machen konnten. Bald haben wir selber Zeit dafür.“

 

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