Euthanasie-Gedenken Oberfranken ist spät dran

Quelle: NARA II, RG 549, Records of Headquarters, U.S. Army Europe (USAREUR), War Crimes Branch, War Crimes Case Files ("Cases not tried"), 1944-48, Box 490, Case 000-12-463 Hartheim (P) VOL I/A (Dokumentationsstelle Hartheim).

KOMMENTAR. Vieles ist geschrieben und gesendet worden zum 80. Jahrestag des deutschen Angriffs auf Polen vor einer Woche, dem Beginn des Zweiten Weltkrieges. Wenig bis gar nichts war dagegen zu lesen und zu sehen über den Beginn der Aktion T4, die systematische Vernichtung Behinderter und psychisch Kranker durch die Nazis am gleichen Tag.

Es war ihr politisches Kalkül, die Ermordung Tausender Menschen möglichst verborgen vor der Öffentlichkeit zu organisieren und durchzuführen, der Kriegsbeginn fesselte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit in Deutschland und aller Welt, zumindest eine Weile.

Fast scheint es, als ginge diese fiese Strategie ein Stück weit noch heute auf. Die Zwangssterilisationen schon in den 30er Jahren, die Ermordung von rund 200 000 Kranken und Behinderten, allein 70 000 im Rahmen der Aktion T4 bis August 1941, wird immer noch kaum thematisiert. Aus den Heil- und Pflegeanstalten Bayreuth und Kutzenberg wurden sie ungefragt abtransportiert. 446 Menschen kamen aus Kutzenberg in Tötungsanstalten. Ärzte wurden zu Helfershelfern oder Mördern. Die dunkelste Stunde - auch in der Geschichte der deutschen Psychiatrie.

Ein unscheinbarer Gedenkstein mit ziemlich nichtssagender Inschrift erinnert am Bezirkskrankenhaus in Bayreuth heute an die Untaten vor 80 Jahren an Patienten, die gekommen waren, weil sie Hilfe brauchten, ein weiterer in Kutzenberg. Es ist gut, dass dort im Zuge des Klinikneubaus bald ein richtiger Gedenkort entstehen soll, aber die Oberfranken sind reichlich spät dran. Da waren andere schneller. Umso wichtiger ist es, dass die Gesundheitseinrichtungen des Bezirks Oberfranken als Klinikbetreiber sich bei diesem Projekt ihrer historischen Verantwortung bewusst sind und das auch zeigen. Die künftige Gedenkstätte ist gerade in Zeiten des aktuellen Rechtsrucks Verpflichtung, aber auch Chance. Ein offener Umgang mit der Vergangenheit stärkt das Vertrauen der Menschen, das die moderne Psychiatrie braucht.

peter.rauscher@kurier.de

 

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