Etwas  Wagemut hätte der Ausstellung gut getan Tracht aus Bayreuth im Historischen Museum

Von Katharina Fink

Der Stoff, aus dem Heimat ist: Das Historische Museum in Bayreuth zeigt Trachten aus der Stadt und der Umgebung. Und lässt einige Fragen offen. Zum Beispiel, warum die Männer nur auf Fotografien vorkommen.

Frauentrachten aus längst vergangenen Zeiten: Wer Tracht anzog, kleidete sich gemäß den Gepflogenheiten, musste aber auch auf persönliches Dekor nicht verzichten. Spielarten der Tracht zeigen die Fotos von Adolf Schaupp. Foto: red

Mit der Tracht ist es oft so eine Sache: Mal wird sie begleitet vom muffigen Schrankgeruch der Heimattümelei, mal kommt sie als Musikantenstadl-Klamauk daher. Wie keine andere Art der durchgestalteten Bekleidung erlebt sie Jahr für Jahr zur Münchner Wiesn und in den regionaler Spielarten von kommerzialisiertem Volksfest Konjunktur: Von Edelschneidereien bis zum Discounter erheben Ausstatter Ansprüche auf die Tracht.

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Was alle Richtungen eint, ist die Fiktion: Tracht ist eher Behauptung denn Feststellung. Das Historische Museum, rechtmäßiger Ort der Expertise für beide Facetten der Geschichtsschreibung, hat in seine Schatztruhe gegriffen und präsentiert in der Ausstellung „Trachten aus dem Bayreuther Land“ stoffliche Original im Zusammenspiel mit 40 Schwarz-Weiß-Fotografien, die sowohl Männer- als auch Frauentrachten zeigen.

Gleich zu Beginn wird der Vergleich zwischen ländlicher und städtischer Tracht aufgemacht: Zu sehen sind Bilder von jungen Mädchen anlässlich ihrer Konfirmation; auf der Photographie neben ihnen Frauen in städtischem und ländlichen Putz. Beide Aufnahmen stammen wohl aus den 1910er Jahren. Distinktion und die Hingabe an Feiertage spricht aus beiden Bildern; die auf Modellen präsentierten Objekte aus Stoff stehen frei im Raum und machen neugierig auf die Menschen, die diese Kleider zu dem machten, was sie sind: Aussagen über ihren Standpunkt, sozial wie regional, aber auch über die Hintergründe der Bekleidung.

Die Ausstellung beruft sich vor allem auf die Kleidung zweier Frauen: Katharina Bär und Katharina Meisel. Männertrachten kommen nur in Fotos vor. Dieser Fokus wird nicht weiter erklärt, könnte aber die Stärke der Schau sein, denn: Neugierig wird man. Wer waren diese Frauen? Wie lebten sie? Wie viel Sorgfalt steckte in der Aufbewahrung der Schürzen, Kopftücher und Haubenbänder, die hier zu sehen sind? Und wie viel Stolz und Selbstachtung lässt sich aus der Dekoration ablesen, eingebunden in den Rahmen von Gepflogenheiten?

Aufregende Objekte aus dem Nachlass der Katharina Bär, Leihgaben an das Museum, sind zu sehen. Und einiges ist zu lesen über die fein gearbeiteten Spitzen und den Zierrat der Schürzen; nur leider lässt die Art der Präsentation diese Finesse der Handarbeit allenfalls erahnen. Man sieht vor allem sich selbst im spiegelnden Glas — und damit auch die eigene Bekleidung; die genau wie die Objekte über Selbstdarstellung durch Stoff spricht; aber auch über Produktionsbedingungen und die Warenkreisläufe der Mode in der globalisierten Wirtschaft. Das könnte nun Raffinesse sein; zu befürchten ist, dass es genau das nicht ist.

Der letzte Raum der Ausstellung birgt Tücher und Bänder.  Und einen Hinweis auf die Geschichtsschwurbelei, die mit der Tracht betrieben wurde: Im Bildtext zu den opulenten Ausstattungen im „Hummelgau“ ist zu lesen, dass bis 1983 im Historischen Museum noch eine „Hummelbauern-Stube“ zu sehen war. Eine Spur, die auf die Überhöhung der Tracht im Nationalsozialismus hinführt: Die Tracht  wurde von den Nazis als Ausruck völkischen Bewusstseins gefeiert.

Weiterhin laden zwei Stücke dazu ein, die Stofflichkeit der Trachten zu fühlen, die Verschlüsse, die Nähte; und die Innenseiten: Das Futter des ausgestellten Kittels ist ein zerschlissenes, kariertes Herrenhemd, vermutet der Text. Auch hierin schlummern Geschichten, die sicher in den Führungen geweckt werden.

Es bleiben Lücken. Volkskundler und die ausgezeichnete Trachtenberatung Oberfranken unter Birgit Jauernig zeigen oftmals schönste Stücke, zum Beispiel die Kopfschmuckstücke und farbenfrohe Accessoires. Warum diese Wundersamkeiten der Region hier nicht hervorgehoben werden, lässt den Betrachter grübeln. Es passt aber zur Bayreuther Befangenheit gegenüber angesichts regionaler Schönheiten jenseits des engeren Umkreises.

Andernorts geht das: Die Ausstellung „Erhobenen Hauptes“, die im Pforzheimer Schmuckmuseum weltweiten Zierrat zeigte, hatte auch eine hiesige Flitterkrone im Programm. Mehr Freude an der Inszenierung wäre ein Leichtes, wenn es um Tracht als Ausdruck von Identität zwischen Spiel und Konformität geht. Ein bisschen Wagemut, vor allem aber Lust am Zeigen würde der Ausstellung gut tun — und wäre ihrem Gegenstand und ihren Trägerinnen angemessen.

INFO: Ausstellung „Trachten aus dem Bayreuther Land“, noch bis zum 3. Mai. Führungen durch die Ausstellung: Samstag, 11. April, um 15 Uhr, Samstag, 25. April, um 15 Uhr.