Endstation Bayreuth Geflüchtete: Auf Umwegen ans Ziel

Anlaufstelle für viele Flüchtlinge: die Erstaufnahmeeinrichtung der Stadt Bayreuth. Foto: Archiv/Eric Waha

Sie wollten in eine Stadt und landeten in einem kleinen Ort: Weil eine Gruppe Geflüchteter aus der Ukraine zuerst im Landkreis registriert wurde, rückte ihr Ziel Bayreuth in weite Ferne.

Regeln und Gesetze sind für alle Bürger verpflichtend, auch für geflüchtete Menschen aus der Ukraine. Weil eine neunköpfige Gruppe, die aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine mit 1,5 Millionen Bewohner, geflohen ist, sich aber – unfreiwillig – nicht daran hält, sind sie in der Dreifachturnhalle am Roten Main gestrandet. Und trotz der Umstände dankbar dafür, in der Stadt zu sein.

Kein Dolmetscher

Wenn man von einer Odyssee spricht, dann meint man damit zumeist eine Reise, die nicht zu einem vorbestimmten Ziel führt, sondern eher in die Irre. Oder an Plätze, die gar nicht in der Reiseplanung vorgesehen waren. Der Gruppe um Yana, einer 44-Jährigen Ärztin, ist es eigentlich peinlich, über ihre Reise in die Sicherheit zu reden. Zu viel ist schief gelaufen unterwegs. Zu oft standen sie vor vollendeten Tatsachen, ohne sie zu verstehen. Denn: sie verstanden einfach nicht, was mit ihnen geschah. Die Ursache dafür: Niemand in der Gruppe spricht Deutsch oder Englisch und in den entscheidenden Momenten war niemand zur Stelle, der dolmetschen konnte.

Im Bus aus Polen nach Plankenfels

Der Reihe nach: Yana und die Gruppe gelingt im März die Flucht aus Charkiw nach Polen. Die Gruppe, das sind außer ihr und ihren beiden Kinder ihre Eltern und eine zweite Familie. Insgesamt neun Personen. Mit dabei ihre beiden Hunde und eine Katze. In Polen besteigen sie den Bus eines Helferkreises aus Plankenfels, der Hilfsgüter an die ukrainische Grenze gebracht hatte. Glücklich über das Angebot, besteigen sie den Bus, der sie in die kleine Gemeinde im Landkreis Bayreuth bringt. Die Unterstützung durch die Menschen in Plankenfels sei einmalig gewesen, sagen sie im Kurier-Gespräch. Sie und vier weitere Menschen aus der Ukraine werden im dortige Gasthaus untergebracht. In den Tagen danach werden sie registriert. Vorübergehender Wohnort: Plankenfels.

Eine Nacht in Zirndorf

Doch Yana und die Gruppe fühlen sich isoliert. Sie schreibt das Klinikum in Bayreuth an, ob sie als Gynäkologin arbeiten könne. Ihr Sohn, ein Fußballtalent, dem der Krieg den Wechsel nach Kiew vermassel hat, würde gerne in einem größeren Verein trainieren. Sie beschließen, Plankenfels zu verlassen. Ihr Ziel ist Nürnberg. Dort werden sie in der Erstaufnahmeeinrichtung in Zirndorf untergebracht, erhalten Ankunftsnachweise und werden einen Tag später, am 26. April, nach Schwandorf gebracht. „Wir lebten hier in einer großen, leer geräumten Halle“, erinnert sich Yana. Trostlos sei es gewesen. Wieder isoliert. Wieder keine Möglichkeit, Arbeit zu finden. Wieder war niemand da, mit dem sie hätten reden können, dem sie ihr Ansinnen hätten mitteilen können. Nach einer Woche beschließen sie zu gehen.

Wohnung nicht bewohnbar

Mit vollgepackten Koffern machen sie sich erneut auf die Reise, die sie diesmal gezielt nach Bayreuth bringt. Sie werden in der Dreifachturnhalle aufgenommen. Vorübergehend. Denn nicht die Stadt, sondern der Landkreis ist für sie zuständig. Ein Mitarbeiter des Landratsamtes informiert sie, dass sie am Montag eine Wohnung in Pegnitz beziehen können. Sie packen wieder ihre Koffer und fahren mit dem Zug nach Pegnitz. Doch die geräumige Wohnung beziehen sie nicht. Mit ihrem Handy fotografiert Yana die Schimmelstellen in den Räumen. Mit dem anwesenden Eigentümer können sie nicht kommunizieren. Aus Sorge um ihre Gesundheit verlassen sie die Wohnung, kehren nach Bayreuth zurück.

Schwarzer Staub

Der Vermieter weist den Schimmelbefall zurück. Es handle sich allenfalls um schwarzen Staub aus der benachbarten Fabrik. Auch das Landratsamt glaubt nicht an diesen Missstand. Karen Görner-Gütling, Pressesprecherin das Landratsamtes antwortet auf Kurier-Anfrage: „Alle Privatwohnungen, in die vom Landratsamt Bayreuth Geflüchtete vermittelt wurden und werden, werden im Vorfeld von Mitarbeitern des Landratsamts begutachtet. Nur für einwandfrei befundener Wohnraum – somit auch ohne Schimmelbefall – kommt für die Unterbringung von Geflüchteten infrage.“ Der Betreiber der Unterkunft habe diese und weitere Wohnungen in dem Haus vollständig renoviert. Grünen-Kreisrätin Suzanne Bauer, die Geflüchtete in Pegnitz unterstützt, glaubt zu wissen, dass die Wohnung nicht zuvor begutachtet wurde.

„Vorgang noch nicht geklärt“

Yana und ihrer Gruppe ist ihre Odyssee peinlich. Sie seien alle sehr dankbar für die bisher erfahrene Hilfe und Unterstützung. Sie wollten keine Ausnahme, nicht in einem Luxusappartement wohnen. Nur in der Stadt oder nahe der Stadt. Mobil sein, mit dem Bus ins Tierheim zu ihren Tieren fahren können, und ins Klinikum vielleicht, wenn es mit dem Job klappen sollte. Und zum Training bei der Spielvereinigung, wo ihr Sohn untergekommen ist. Die Zeichen stehen gut: Das Landratamt habe nach eigener Aussage aktuell keine andere Unterbringungsmöglichkeit, teilt die Pressesprecherin der Stadt, Kerstin Dettlaff-Mayer mit. Deshalb sei die Gruppe weiter in Bayreuth. Der hauptamtliche Integrationslotse Ibukun Koussemou kümmere sich intensiv um die Gruppe. Dettlaff-Mayer: „Der Vorgang ist noch nicht abschließend geklärt.“

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