Einschulung vor 70 Jahren Von Griffel, Tatzen und dem Steckerl

Klassenbild des Einschulungsjahrgangs 1945 in der dritten oder vierten Klasse mit Lehrer Josef Zankl. Repro: Gisela Kuhbandner

MEHLMEISEL. Stolz trugen die Abc-Schützen am ihrem ersten Schultag ihre bunten Schultüten, die voller Überraschungen steckten, nach Hause. „Nein, Zuckertüten, so wie sie früher hießen, hatten wir damals nicht“, sagt Hildegard Schinner. „Aber der Schulranzen, der Schiefertafel, Griffelschachtel und Schwamm beinhaltete, liegt noch auf dem Dachboden“, erzählt sie.

Geboren 1939, gehörte sie zum ersten Jahrgang, der 1945, nach dem Krieg eingeschult wurde. Und sie weiß noch, dass die Flüchtlingskinder – 1946 waren es 52 – damals sofort in die Klassengemeinschaften mit insgesamt 336 Schülern eingebunden waren. „Denn Neid kannte man nicht, weil keiner was hatte, zumindest nicht viel“, erinnert sich die Mehlmeiselerin.

Watschn an der Tagesordnung

Bei einem Klassentreffen vor 20 Jahren hatte Konrektor Richard Schreiber (verstorben) anhand einer Zusammenfassung von Daten und Zahlen zurückgeblickt auf die Schulzeit Mitte bis Ende der 40er Jahre und über so manches berichtet, was man heute kaum glauben kann. Schülerinnen und Schüler – unter ihnen auch Hildegard Schinner – hatten ihren ehemaligen Lehrer gebeten, ihnen diese Aufzeichnungen zu überlassen.

So ist darin nachzulesen, dass am 12. Mai 1947 die Schulspeisung eingeführt wurde „eine segensvolle Einrichtung“, an der 235 Kinder teilhaben durften – Schüler, die zu Hause, wie Hildegard Schinner, eine Landwirtschaft hatten – kamen erst später in diesen Genuss. Zu Beginn dieses Schuljahrs fand eine Aktion statt, über die heute wohl jeder ungläubig den Kopf schütteln würde: eine „Elternbefragung zur körperlichen Züchtigung“. Von 308 abgegebenen Stimmzetteln (es waren damals 329 Kinder an der Schule) sprachen sich 107 Eltern für das Verbot und 187 für die körperliche Züchtigung aus. Inwieweit sich die Lehrkräfte damals an diese Angaben hielten, weiß Hildegard Schinner nicht mehr. Züchtigung bedeutete meist „Tatzen“ und Ohrfeigen. Es sollte aber noch ein paar Jahrzehnte dauern, bis in Bayern die Watschn abgeschafft und das Steckerl aus den Klassenzimmern verbannt wurden.

Es wurde viel gesungen

Weiter heißt es in den Aufzeichnungen, dass die Schule am 22. Dezember 1948 „ein Radio erhält, wobei nur Schulfunksendungen angehört werden durften“. „Im Dezember 1949 sammelten Bürgermeister, Gemeinderäte und Lehrkräfte für eine Schulweihnachtsbescherung. Ergebnis: 117 D-Mark, über einen halben Zentner Mehl, Fett, Zucker, Äpfel und andere Sachen. Nachzulesen ist, dass mit dem Erlös für vier bedürftige Kinder Schuhe gekauft werden konnten. Für alle 272 Kinder der Schule wurden Rosinen-Brötchen gebacken und von der Spende des Landratsamts und dem Überschuss aus der Schülerspeisungskasse (55,22 D-Mark) für 57 Kinder ein Kleidungsstück, Gebäck, eine Orange, zwei Äpfel, ein Drops, ein Heft und zwei Schreibfedern gekauft. Am 30. Mai 1950 wurden die Kinder aus dem Mehlmeiseler Ortsteil Neugrün in die Zwergschule Hüttstadl/St. Veit (Gemeinde Fichtelberg) umgeschult.

„Damals wurde gerne und viel gesungen“ erinnert sich Hildegard Schinner. „Und Singen war ein Schulfach. Trotz hervorragender Leistung haben wir bei einem Wettbewerb mit mehreren Schulen in Kemnath keinen Preis gewonnen – weil unsere damalige Lehrerin den Liedtext veränderte und Wörter wie „Schatz“ und „Liebe“ einfach gestrichen hatte.“


Info: Schläge mit dem Rohrstock, der Rute oder dem Lineal auf die ausgestreckte Hand oder das Gesäß gehörten für Generationen von Schülern zum normalen Schulalltag. In der DDR wurden Körperstrafen an Schulen 1949 abgeschafft. Auch einzelne Länder, etwa Hessen (1946) und das Saarland (1948), untersagten Prügel an Schulen. Die Schulbehörden vieler Bundesländer jedoch wollten den Lehrern das Mittel nicht ganz aus der Hand nehmen. Allerdings schränkten sie nach und nach die Strafen ein. 1973 erklärte die Bundesrepublik Körperstrafen an Schulen per Gesetz für verboten. In Bayern erklärte das Oberste Landesgericht noch 1979, dass im Freistaat ein „gewohnheitsrechtliches Züchtigungsrecht“ bestehe. Offiziell wurde hier die Prügelstrafe erst 1980 abgeschafft.

 

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