Eine beeindruckende Story Auf den Spuren des letzten Juden

Rosi Thiem
Mehrere Monate hat die engagierte Biologin und Theologin Melanie Schulz die Geschichte von David Minkowski Foto:  

Melanie Schulz widmet sich heuer der Geschichte von Kaufhausbesitzer David Minkowski und bietet Führungen an

Pegnitz - Melanie Schulz brennt für ihre Themen. Wer die Führungen von ihr kennt, weiß, dass sie sich stets akribisch darauf vorbereitet. Vielen ist sie bekannt von den interessanten Leienfelser Dorfgeschichten oder den Fraischgrenzführungen bei Obertrubach. Aktuell führt die studierte Theologin und Biologin auf den globalen und lokalen Spuren jüdischen Lebens in Pottenstein. Als sie im Winter davon gehört habe, dass ein eigens gegründeter Verein in Köln ein bundesweites Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ anstoßen will, habe sie sich sofort entschlossen, diese Thematik auch in ihrer Wahlheimat Fränkische Schweiz anzugehen.

Ein kleines Kaufhaus-Imperium

Schnell landete die Forscherin bei David Minkowski. In Leienfels habe sie öfter gehört: „Des is noch vom Jud“ oder „Das hat die Mutter immer beim Jud gekauft“. Daraufhin sei sie neugierig geworden. „Mein Entschluss stand sehr schnell fest, mich an die Spuren des letzten Juden von Pottenstein, David Minkowski, zu heften.“ Der Ex-KZ-Häftling habe unmittelbar nach dem Krieg mit viel Geschäftssinn, Fleiß und Chuzpe ein einzigartiges Kaufhaus-Imperium mit Läden unter anderem in Pottenstein, Creußen und Ebermannstadt gegründet. Dabei habe sie stets eine Frage beschäftigt: „Warum ist Minkowski geblieben und warum ist er nicht nach Amerika oder Israel ausgewandert, wie viele andere Häftlinge auch? Was hielt ihn hier bei uns? Die Fragen haben mich angetrieben.“

Die Recherchen seien sehr spannend gewesen, verrät die 57-Jährige. David Minkowski, der 1916 in Ostoberschlesien geboren wurde, verstarb 1994 in Bad Berneck. Ein Halt ist die Fischergasse 12 in Pottenstein, ehemaliger Standort eines seiner Ladenlokale. „Er hatte ein Gespür für Waren, die die Menschen nach dem Krieg brauchen. So gab es Damast für Bettwäsche genauso wie Schreibwaren für Kinder. Dabei habe ich auch erfahren, dass die ersten Schuhe, die über den Ladentisch gingen, gegen eine Gans getauscht wurden“, erzählt Schulz von ihren umfangreichen Ermittlungen.

Neben Aufrufen in Zeitungsanzeigen und Umhören in den Dörfern fand sie schließlich ein Dutzend Zeitzeugen. „Am Anfang war die Resonanz nicht so groß, doch nach einem zweiten Aufruf meldeten sich die Einwohner nach und nach und öffneten ihr Wissen“, sagt die lebensfrohe Naturführerin zufrieden. „Ich bekam ein reichhaltiges Bild von damals und alles wurde rund. Jeder erzählte aus seinem Blickwinkel. Ich erfuhr Geschichten, die noch keiner kannte.“ Sie wollte keine Heldengeschichte erzählen, sondern den Lebensweg des letzten Juden nachzeichnen und lokale Schlaglichter geben.

Im Dezember habe sie sich entschlossen, das Thema anzugehen. Im April konnte sie es abschließen. „Das hat lange gedauert, aber ich kniete mich mehr und mehr in das Thema rein.“ Die Recherchen seien sehr umfangreich gewesen, „da kam das Kochen und das Mittagessen schon mal zu kurz“, sagt sie schmunzelnd. Aber es habe sich gelohnt. „Ich bekam historische Fotos, die ich auch bei den Führungen zeigen werde, und führte interessante Gespräche mit Nachbarn, Kunden, Freunden und Mitarbeitern von Minkowski.“ Dies alles werde die circa 2,5 Stunden dauernde Führung bereichern. Ein Telefonat mit der jüngsten Tochter Minkowskis sei eine große Hilfe gewesen; sie habe in diesem berührenden Gespräch erhellende Antworten auf ihre brennenden Fragen erhalten. „Das alles wird bei der Führung eine wichtige Rolle spielen.“

Melanie Schulz wird auch geschichtliche Bögen von Katowice nach Montreal und von Bayreuth nach Tel Aviv spannen. „Wir fangen hinten beim Schöngrundsee an, wo man auch gut parken könne. „Dann gehen wir verschiedene Stationen des Lebens Minkowskis ab, der am 16. April 1945  als  Häftling der Flossenbürger KZ-Außenstelle Pottenstein befreit wurde.“ Es sei ein sechs Kilometer langer Rundgang, der wieder beim Schöngrundsee ende.

Termine für die Führungen sind am 14. Mai, 6. Juni, 7. Juli, 9. September und 10. Oktober. „Wegen der vielen Nachfragen bin ich bereit, auch zusätzliche, flexible Führungen unter der Woche für geschlossene Gruppen von fünf bis 15 Personen anzubieten.“ Beim Wandern brauche man auch keine Maske, sie empfehle aber trotzdem, welche dabei zu haben. Es gelten die üblichen Abstands- und Hygieneregeln. Interessierte können sich unter Telefon 0 92 44/98 29 44 (Anrufbeantworter) anmelden. Melanie Schulz ruft zurück.

„Das Thema ist auch für Urlaubsgäste interessant“, stellt die Wanderführerin ihr spannendes Konzept vor. Die Teilnehmergebühr beträgt pro Person vier Euro. Melanie Schulz kann sich möglicherweise zum Jahresende noch einen Abend mit der Initiative „Meet a Jew“ für einen offenen und bereichernden Austausch vorstellen. „Miteinander statt übereinander reden“, ist auch die Devise der Naturführerin. Melanie Schulzes Jahresprojekt verspricht fesselnde und bereichernde Einblicke. „Ich freue mich auf meine Gäste“, lacht die lebensbejahende Natur- und Landschaftsführerin.

 

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