Ein Jahr Ukraine-Krieg Kulmbach als Zuflucht

Gabriele Fölsche

Seit März vergangenen Jahres lebt die Ukrainerin Olexandra Mykhailova in Kulmbach. Sie schätzt die Sicherheit, die sie hier findet. Andere hätten nicht so viel Glück gehabt, sagt sie. Mit ihren Gedanken und ihrem Herzen ist sie täglich in der Heimat.

Die 34-jährige Olexandra Mykhailova lebt inzwischen seit fast einem Jahr in Kulmbach. Auch ihr Mann fand inzwischen hier eine neue Heimat auf Zeit. Foto: Gabriele Fölsche

Olexandra Mykhailova, ihr Mann Kostiantyn und Sohn Myron haben Glück im Unglück. Die ganze Familie ist mittlerweile in Kulmbach angekommen und hat eine Wohnung gefunden. Es war im März vergangenen Jahres, als sich die Journalistin zusammen mit ihrem kleinen Sohn und vier weiteren Menschen von ihrem Wohnort Irpin aus, sieben Kilometer entfernt von Kiew, auf die Flucht begaben. Als 20 Meter vor ihrem Auto eine Rakete einschlug, kehrte die Gruppe um, und wählte Stunden später eine andere Route.

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An der rumänischen Grenze mussten die Flüchtenden 20 Stunden ausharren, bis sie passieren konnten. In Rumänien trennten sich die Freunde, die 34-Jährige ging zusammen mit ihrem Sohn Myron zu Fuß weiter. Später fuhr sie mit dem Zug nach Nürnberg, wo sie von Alexander und Natascha Baraulia abgeholt wurde. Sie ist ebenfalls Ukrainerin und lebt schon seit längerem in Höferänger. Olexandra Mykhailova bat sie um Hilfe. Die beiden Frauen kannten sich aus der gemeinsamen Tätigkeit bei einem ukrainischen Fernsehsender, unsere Zeitung berichtete. In Kulmbach fand die heute 34-Jährige zunächst Unterkunft bei Familie Ruff, die ihr ein Zimmer mit eigenem Bad in ihrem Haus zur Verfügung stellte. Heute lebt die Ukrainerin mit Mann und Kind in einer eigenen Wohnung, bei Familie Scholze in Burghaig. „Es ist mir wichtig, den beiden Familien zu sagen, wie dankbar wir ihnen sind“, sagt Mykhailova. Das gelte auch für die Unterstützung bei der Wohnungssuche, die die Familie geleistet hat.

Kulmbach hat die 34-Jährige als nette kleine Stadt kennengelernt: „Ich kenne natürlich die große, lebendige Stadt. Es ist ein bisschen ruhig hier. Aber anderen gefällt es“, sagt sie, ohne Kritik üben zu wollen. Mittlerweile hat die Ukrainerin ihren ersten Sprachkurs absolviert und besucht derzeit den Zweiten. „Ich hätte gerne einen Job, aber dafür brauche ich bessere Sprachkenntnisse“, ist sie sich bewusst. Gerne würde sie wieder als Journalistin arbeiten. Mykhailova versteht die deutsche Sprache bereits gut, für komplexere Antworten benötigt sie jedoch die Hilfe von Alexander Schmidt, der als Dolmetscher fungiert. Es ist nicht das erste Mal, dass er vermittelt, bereits seit den ersten Tagen des Krieges unterstützt er die Geflüchteten aus der Ukraine bei ihrer Ankunft in Kulmbach.

Kuchen als Zeichen der Gastfreundschaft

In dem vergangenen Jahr hat die blonde Frau das Leben in Kulmbach und vor allem die Menschen besser kennengelernt. „All diejenigen, mit denen ich in Kontakt bin, sind mir freundlich und aufgeschlossen begegnet. Ich bin von der Gastfreundschaft begeistert“, sagt sie. Vor allem hat sie festgestellt, dass die Kulmbacher Frauen sehr leckeren Kuchen backen können, sie freut sie sich über jedes Stück, dass ihr vorbeigebracht wird. „Das ist bei Birgit Ruff nicht anders, wie bei Daniela Scholze. Vielleicht können sie das von der Geburt an“, scherzt sie und lacht. Im Gegenzug, kochte die Ukrainerin für die Familien Borsch, ein traditioneller Gemüseeintopf aus ihrer Heimat.

Bei einem ernsten gesundheitlichen Problem wird man in Deutschland schneller behandelt als in der Ukraine, das hat sie inzwischen gelernt. „Die medizinische Versorgung ist gut. Aber als ich für meinen Sohn einen Facharzt brauchte, musste erst eine Menge Bürokratie erledigt werden. Es dauerte bis zu einem Monat, bis ich beim richtigen Arzt einen Termin erhalten habe“,berichtet die 34-Jährige.

Wenn Olexandra Mykhailova Bilder vom Krieg im Fernsehen sieht, wird sie traurig. Sie atmet tief durch, als sie sagt: „Ich lebe in zwei Realitäten. Ich bin gedanklich immer in der Heimat. Ich informiere mich täglich und leide mit meinen Landsmännern“, erklärt sie. Und auch, dass sie deshalb das Leben in Deutschland nicht komplett genießen kann.

„Es klingt surreal. Ich kann heute noch nicht glauben, dass Krieg ist“, sagt sie, und schüttelt mit dem Kopf. Dann kommen ihr die Tränen, denn ihr Vater gilt als verschollen. „Mein Vater hat sich damals freiwillig gemeldet, weil er die Ukraine verteidigen wollte. Er war früher schon beim Militär. Ich habe das letzte Mal vor mehr als einem Jahr mit ihm gesprochen. Später habe ich erfahren, dass er schwer verletzt worden ist. Mehr weiß ich nicht.“ Sie freut sich, dass es nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihr Mann Kostiantyn nach Kulmbach geschafft hat. „Er durfte ausreisen, er ist schon seit August hier bei mir. Alleine war es für mich hier schwierig“, erzählt die Journalistin. Sie weiß, dass dieses Glück nicht viele haben und sorgt sich, wie andere Leute darauf reagieren. „Es ist eine Tragödie, wenn Familien auseinandergerissen werden“, meint sie. Umso mehr erinnert sich die 34-Jährige an die Reaktion ihres viereinhalbjährigen Sohns Myron, als er seinen Vater wiedersah. „Er sagte, Papa ist mein Lieblingsmensch. Heute will ich nur bei meinem Vater sein“, erzählt die blonde Frau. Kostiantyn Mykhailova war in der Ukraine als Regisseur tätig. Bei dem Imagefilm für die Stadt Kulmbach hat er beim Schnitt geholfen. Derzeit macht er seinen ersten Sprachkurs. Seine Frau Olexandra war seit ihrer Flucht nicht mehr in der Heimat. „Unsere Wohnung hat keine Fenster mehr. Es gibt kein Warmwasser, nur gelegentlich Strom. Die Infrastruktur ist zerstört und es ist einfach zu gefährlich.“ Derzeit wünscht sie sich nur eines: „Wir hoffen auf das Ende des Krieges, damit wir wieder nach Hause können.“