Drogenprozess Angeklagter kann wählen: Zehn oder 18 Monate

Symbolfoto: Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

BAYREUTH/SPEICHERSDORF. Zehn Monate Knast oder ein Zwangsentzug von eineinhalb Jahren in einer geschlossenen Einrichtung – ein bei der Justiz bekannter Drogenkranker hat nun die Wahl.

Diese ungewöhnliche Konstellation kommt so zustande: Der 35-jährige Speichersdorfer hatte am 1. November 2018 in einer Diskothek in Bindlach einen heftigen Streit mit seiner Freundin. Er setzte sich ins Auto und fuhr davon.

Dummerweise war er nicht mehr fahrtauglich: Eine gerichtsmedizinische Untersuchung sollte ergeben, dass er Alkohol, Methadon, Metamphetamin und den Cannabiswirkstoff THC im Blut hatte. Der Mann, der damals schon keinen Führerschein mehr hatte, verlor die Kontrolle über sein Auto und krachte in der Meistersingerstraße in Bayreuth auf einen Volvo.

Der Aufprall war so stark, dass der Volvo auf einen davor stehenden Skoda geschoben wurde. Noch während der zunächst ungläubige und dann wütende Volvofahrer sein Mobiltelefon zückte, um die Polizei zu alarmieren, sprang der Unfallfahrer aus seinem Wagen und suchte sein Heil in der Flucht zu Fuß.

An dem Volvo entstand rund 40.000 Euro Schaden, an dem Skoda einer von fast 10.000 Euro. Der Speichersdorfer musste im April beim Strafrichter erscheinen, der den mehrfach vorbestraften Mann wegen vorsätzlicher Straßenverkehrsgefährdung, Trunkenheit im Verkehr, Unfallflucht und Fahrens ohne Fahrerlaubnis zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe verurteilte. Eine Woche danach legte der Mann Berufung ein.

In der 2. Instanz vor der Berufungskammer unter Vorsitz von Torsten Meyer ergab sich eine seltene Prozesskonstellation. Der Vorsitzende berichtete, dass der Angeklagte entgegen der üblichen Vorgehensweise nicht von einem Gutachter untersucht worden war. Bei drogentypischen Straftaten wird üblicherweise geprüft, ob ein Angeklagter erstens vermindert schuldfähig ist und zweitens zwangsweise in einer Therapieeinrichtung untergebracht werden muss.

Diese Prüfung könnte ihm nun aber im Berufungsprozess blühen, deutete der Vorsitzende an. Verteidiger Stephan Schultheis rechnete durch: Bei Berufungsrücknahme bliebe es bei zehn Monaten Freiheitsentzug. Werde die Berufung aufrechterhalten, dann komme Therapie in Betracht – und die dauere erfahrungsgemäß in etwa eineinhalb Jahre.

Der Gerichtsvorsitzende ließ anklingen, dass es für den Angeklagten letztlich positiv sein könne, endlich einmal seine Drogen- und Alkoholsucht behandeln zu lassen.

Das sieht der Verteidiger vermutlich ähnlich, jedoch müsste der Angeklagte ebenfalls zu einer solchen Einsicht kommen – und im vorliegenden Fall einen kürzeren Freiheitsentzug gegen einen längeren eintauschen.

Wofür der Speichersdorfer sich entscheidet, soll sich im Lauf der kommenden drei Wochen erweisen. Der Prozess wurde zunächst ausgesetzt, innerhalb der Frist kann sich der Angeklagte mit seinem Verteidiger eingehend besprechen.

Entscheidet er sich für die Berufungsrücknahme, erfolgt das Prozessende im Büroweg. Entscheidet er sich dagegen, wird das Verfahren fortgesetzt und vermutlich ein Gutachter eingeschaltet.

 

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