DLD-Campus: Spinner und Toren

Es war eine Menge geboten auf dem DLD-Campus, an der Universität waren zu erleben: der weltweit erste offiziell anerkannte Cyborg, Techniker, Entwickler, Künstler und andere ausgewiesene Experten für das Thema „Zukunft“. Genug jedenfalls, um den größeren Teil des längsten Tages des Jahres in der Kühle des Audimax zu verbringen. Eine Auswahl.

Der Farbenhörer:

Ein Wachmacher ziemlich zu Beginn des langen Campus-Tages war der Auftritt von Neil Harbisson. Der Brite ist bekannt geworden als der Mann mit der implantierten Antenne. Ein weiteres implantiertes Gerät erlaubt es ihm, Farben zu hören – richtig gelesen: zu hören. Die Geschichte: Harbisson konnte von Geburt an nur in Schwarz, Weiß und Grautönen sehen. Doch mittlerweile lassen ihn die Antenne und der Eyeborg, ein Gerät neben dem Auge, Farben und vieles andere mit technisch erweiterten Sinnen wahrnehmen. Harbisson sprach über die Wiedergeburt des Menschen, genauer: von der Renaissance einer Spezies. Die Elektronik lässt ihn nicht nur Farben, Musik und andere Informationen empfangen, Harbisson ist damit auch kreativ: Indem er etwa aus Speisen Melodien komponiert. Künstler vergangener Zeiten wären selig gewesen – endlich die Synästhesie, und das ohne Drogen.

Die Metallexperten:

Gisbert Rühl ist im Vorstand von Klöckner & Co, einem der weltweit größten Stahldistributoren. Katharina Wagner ist Geschäftsführerin eines der weltweit bedeutendsten Festivals. Was die beiden gemeinsam haben? Sie sind auf ihre Art und Weise Metallexperten. Katharina Wagner zumindest in dem Sinne, dass in ihrem Hause regelmäßig der „Ring des Nibelungen“ neu geschmiedet wird. Die Wagner-Festspiele gibt es seit 140 Jahren, Neuerungen halten im Großen und Ganzen behutsam Einzug. Klöckner hingegen befindet sich im digitalen Umbruch und entwickelt offene Verkaufsplattformen. Wie es Rühl sagte: „Bayreuth wird das Zentrum bleiben. Klöckner wird in drei bis fünf Jahren ein anderes Unternehmen sein.“ Und die weiteren Aussichten auf die Festspiele? „Barrie Kosky ist ein wunderbarer Regisseur“, sagte Wagner über den Regisseur der „Meistersinger“, die am 25. Juli die Festspiele 2017 eröffnen werden. „Es ist eine wahre Freude zuzuschauen. Es wird spannend, er wird das Werk gut interpretieren.“

Spinner mit

Doch, auch abseits der Metropolen wird Sensationelles erforscht und erreicht. Zu hören waren Sam Handy von Adidas und Thomas Scheibel von der Uni Bayreuth. Der eine erzählte, was der Konsument immer stärker einfordere: Nachhaltigkeit. Der andere antwortete mit Entwicklungen mit der Seide von Spinnen, belastbar und vollständig natürlich abbaubar. „Den kann man sogar essen“, sagte Scheibel über den Adidas-Laufschuh, den man sich im Audimax ansehen konnte.

Der reine Tor auf

Die beiden sind sich beim DLD-Campus nicht begegnet, Katharina Wagner und Jonathan Meese, deren gemeinsamer Weg mit Meeses Entlassung als „Parsifal“-Regisseur 2014 geendet hatte. Seitdem ist Meese auf Bayreuth bekanntlich nicht mehr gar so gut zu sprechen. In Meeses Ausführungen an der Uni spielte die Festspielstadt aber ohnehin nur eine untergeordnete Rolle: Als Hort der Reaktion, der Antikunst, der Angst. „Im Festspielhaus ist die Liebe zu Richard Wagner verboten.“

„Parsifal wurde von der Kunst geschickt. Er rettet die Welt, indem er sie entpolitisiert und entspiritualisiert“, sagte ein gut gelaunter Meese bei seiner erstmaligen Rückkehr nach Bayreuth. „Die wollten aus dem reinen Toren einen politischen Toren machen, und das konnte ich nicht mitmachen, weil ich der reinste Tor bin.“

Die Traurigkeit wegpennen

Meese schwadronierte über die Politik und zeigte sich enttäuscht über den Polit-Performer Donald Trump: „Ich dachte, der wäre wie Nero oder Caligula. Und jetzt entpuppt sich der als Politiker. Warum macht der nicht was richtig Absurdes und zwingt alle Amerikaner, seine Frisur zu tragen.“ Der 47-Jährige erzählte auch von den Ideen für seinen „Mondparsifal“ in Wien: „Parsifal ist so durchreligiosiert worden, denn musste ich erstmal auf den Mond schießen. Ich bin der erste, der ihn ohne Religions- und Politikbezug inszeniert hat.“ Und sein Rat an die Studenten: Glühen für das, was man tut. Und es mal gemütlich angehen lassen: „Ich penne die Traurigkeit weg, die Politiker, die Ideologien." Pennen und brennen - doch eigentlich ein schönes Motto.

 

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