Jeden Tag schließt laut Angaben des Zentralverbands des deutschen Bäckerhandwerks in Deutschland eine Bäckerei. Die von Angela Stiefler gehört nicht dazu – obwohl viele in Mistelgau das glauben. „So schnell lasse ich mich nicht ins Bockshorn jagen", sagt die 51-Jährige. Da müsse schon mehr kommen, als die Filiale der Weidener Bäckerei Schaller im Rewe-Markt, der vor einigen Wochen direkt neben ihrer Bäckerei eröffnet hat.

Der Großbäcker hat mehr als 80 Filialen, unter anderem in Mistelbach und Hummeltal. Keiner der beiden Geschäftsführer stand gestern für ein Gespräch zur Verfügung, fest steht allerdings: Angela Stieflers Kunden werden weniger. Sogar die Bäckereien Weber in Obernsees und Görl in Glashütten merken den Sog des neuen Marktes. „Es ist für die Leute einfach praktischer, wenn sie alles an einem Ort haben", sagt Susanne Marcks, Mitarbeiterin der Bäckerei Görl. „Die Leute sind neugierig auf die neuen Angebote", sagt Angela Stiefler.

Dafür, dass die Kunden nach einer Testphase wieder zurückkommen, könne man aber etwas tun, sagt Michael Rindfleisch, Obermeister der Bäckerinnung Bayreuth: „Man muss sich profilieren. Nur, wenn man außergewöhnliche Sachen anbietet, bewegt man die Leute dazu, extra zu fahren."

Also hat sich Angela Stiefler sich einiges einfallen lassen: Jumbo-Kuchen, Riesen-Stollen, italienisches Steinofenbrot und das Schmandgebäck Golatschen. Und jeden Tag ein anderes Mittagessen. „Du musst überlegen, was mache ich anders als die anderen."

Sie tritt hinter dem Verkaufstresen hervor, der mit kleinen Geschenkpäckchen dekoriert ist. „Ich habe schon mehrere Tiefschläge überstanden", sagt sie dann, den letzten nach ihrer Scheidung. Denn Stiefler ist eigentlich Metzgerin, teilte sich mit ihrem Mann den Bäcker-Metzger-Laden. Nach der Trennung brachte sie sich das Backen bei, um den Laden zu halten. „Heute stehe ich jeden Tag um zwei Uhr auf. Wenn du den Ofen aufmachst und riechst den Duft der frischen Brötchen, ist das einfach schön."

Wenn sie ihren Laden zumachen müsste, würde sie aber wohl wieder als Metzgereiverkäuferin arbeiten, „da werden immer Leute gesucht". Einfach wäre dieser Schritt für die 51-Jährige nicht: „Ich war fast 30 Jahre selbstständig, ich würde mich hart tun, wenn ich plötzlich wieder einen Chef hätte."

Deswegen versucht sie, das Ganze so lange wie möglich positiv zu sehen: „Ich will nicht durch eine rosa Brille schauen, aber die Kunden laufen ja an mir vorbei, wenn sie zum Rewe gehen. Das ist auch eine Chance für mich." Zudem laufe das Geschäft in der Adventszeit immer schlechter als während des übrigen Jahres: Die Leute gingen zum Einkaufen in die Stadt und büken ihre Stollen selbst. Sie hofft darauf, dass nach Weihnachten wieder mehr Kunden kommen.

Angela Stiefler geht wieder zurück hinter den Tresen und lächelt. Mehr kann sie im Moment nicht tun. Denn wie es weitergeht, sagt sie, das entscheiden schlussendlich die Kunden: „Wenn die uns wollen, müssen sie weiter zu uns zum Einkaufen kommen."