Auch musikalisch fliegt an diesem Abend vom ersten Moment an die Tür auf, und Richard Wagner stürmt herein. Man kann diese Musik so dirigieren, dass sie klingt wie eine der alten Butzenscheiben-Inszenierungen. „Sehr mäßig bewegt“ steht als Spielanweisung im ersten Takt des Vorspiels in den Noten, sehr mäßig bewegt ist hier aber gar nichts. Philippe Jordan entscheidet sich gegen diese angedickte Klangtradition - und für eine schlanke, unpathetische, entfettete Deutung. Jordans „Meistersinger“ wirken transparent und durchscheinend, mit deutlich hörbarem Willen zur Unterscheidbarkeit - aber ab und an immer wieder Momenten, die unentschieden wirken, manche sogar an der Grenze zur Unsicherheit. Zum Beispiel die großen Chorstellen in der Prügelszene – hier herrscht zwischen den verschachtelten Stimmen über etliche Takte hin schieres Chaos, das entweder perfekt und minutiös choreografiert ist - oder tatsächlich einfach unterläuft und dann gekonnt auf- und wieder eingefangen wurde. Ohnehin sitzen die Musiker des Festspielorchesters hörbar auf der Stuhlkante. Die Musiker sitzen hörbar auf der vordersten Stuhlkante, Walthers Preislied wird auch für das Orchester ein Bravourstück in Liedbegleitung.
Videokritik zur Meistersinger-Premiere: Teil 3
Was die Besetzung betrifft, ist diese Produktion ohnehin beinahe über jeden Zweifel erhaben. Für Michael Volle wird der Abend ein Triumph, er ist ein schlichtweg hervorragender Sachs -
immer textverständlich, aber doch verschwenderisch im Schusterlied, sowohl im Wahnmonolog als auch in der Schlussansprache eindringlich, nie übertrieben breitschultrig, und – in der umfangreichsten aller Wagner-Partien – ungefährdet bis zum Schluss. Das gilt in exakt gleichem Maß auch für Johannes Martin Kränzle als Beckmesser, es ist eine Freude, den beiden zuzusehen, wie sich mit Haut und Haar in die Rollen werfen und so gekonnt an die Grenzen gehen, dass ihnen nicht anzumerken ist, wieviel Spielraum noch bliebe.
Klaus Florian Vogt hat als Stolzing die knabenhafte Klarheit früherer Zeiten abgelegt, das kleine Quentchen Rauheit und Charakter bekommt seiner Stimme wie auch der Figur sehr gut, die ansonsten neben Wagner allein deshalb nicht hervorsticht, weil seine Rolle auch im Kosky-Kosmos die erwartbarste Entwicklung durchmacht. Günther Groissböck ist ein souveräner, stimmschöner Veit Pogner, Wiebke Lehmkuhl überzeugt als Magdalene, ebenso wie Daniel Behle als David. Anne Schwanewilms kann nur in manchen Lagen das volle Farbspektrum ihrer Stimme ausschöpfen und muss sich für die teils spröden Spitzen ein paar schmerzhafte Buhs gefallen lassen.
Michael Volle glücklich nach der Aufführung
Diese „Meistersinger“ werden in die Deutungsgeschichte nicht nur deshalb eingehen, weil es sie mit diesem Regisseur in diesem Haus überhaupt gab. Sondern weil sie, wie zuletzt auch der „Parsifal“ von Stefan Herheim, die Rezeptions- mit der Aufführungsgeschichte verquicken und daraus eigene Ideen schöpfen. Und dies alles gekonnt und erkennbar auf die Bühne bringen. Wenn es immer noch der Anspruch der Festspiele ist, Maßstäbe zu setzen mit den hier aufgeführten Produktionen, dann ist das diesmal aufs Beste geglückt.
Der Jubel ist groß am Ende des Abends, nicht nur, aber wohl auch in der Nachwirkung des Schlussbilds. Auch für Barrie Kosky, der die wenigen Buhs verschmitzt wegzwinkert. Tja, sagt sein Blick, ging nicht anders.
Naja: anders schon.
Aber nicht viel besser.