Nach Recherchen des Kuriers im Umfeld von Gustl Mollath stellt sich dessen Lebenssituation weit problematischer dar, als bisher bekannt und er selbst sie zeichnet. Er sei schon Jahre vor seiner Einweisung seinen Geschäften nicht mehr nachgekommen, „er hat nichts auf die Reihe gebracht", sagt jemand, der ihn aus der Zeit kennt. Auf Mollaths Haus lastete seit 1984 eine Hypothek von etwa 40.000 Euro – bei der Hypovereinsbank. Die Bank, der er einen Schwarzgeldskandal unterstellt, war also einer von Mollaths Hauptgläubigern. Eine Sprecherin der Bank sagte dazu: „Wir geben grundsätzlich keine Auskunft über Privatkonten."

17.000 Euro Hypothekenschulden

Nach Recherchen des Kuriers hatte Mollath vor seinem Prozess 17.000 Euro Hypothekenschulden – die er nicht mehr bezahlen konnte. „Hier geht es immer ums Nicht-Können", sagt ein HVB-Banker. Ein mit dem Fall Betrauter sagt: Petra Mollath habe schon länger ihren Mann unterstützen müssen. Dem Kurier hatte Mollath noch Ende März versichert: „Die arme Frau hat keinen lebensunfähigen Spinner durchfüttern müssen."

Im Gegenteil: Auch bei seiner Frau hatte Mollath Schulden in nicht bekannter Höhe. Schulden hatte Mollath ebenso bei der Archon-Group, einem Unternehmen der Goldmann-Sachs-Gruppe. Auskunft gibt es dort nicht für Journalisten. Laut Internet ist die Archon-Group „auf die Vermögensverwaltung von gewerblichen Immobilien sowie von Immobilienkrediten spezialisiert". Mollaths Schulden waren ein weiterer Grund, dass sein Haus zwangsversteigert werden musste. Ersteigert hatte es übrigens seine Frau für 220.000 Euro.

Seltsamerweise sträubte Mollath sich zudem gegen eine Erbschaft, die seine Situation verbessert hätte. Durch sein „uneinsichtiges Verhalten", so ein Beteiligter, habe er für eine Erbengemeinschaft die Gesamtsumme von 90.000 Euro blockiert. Erst als Mollath in der Psychiatrie untergebracht war, floss das Geld. Die damals zuständige Rechtsanwaltskanzlei in Waldshut-Tiengen beruft sich auf ihre Schweigepflicht und sagt nichts.

Krach mit Anwältin

Krach hatte Mollath auch mit der Nürnberger Anwältin, die seine Scheidung betreute. Nach Recherchen des Kuriers legte sie deshalb das Mandat nieder. Von ihr gibt es keinen Kommentar dazu.Ärger auch mit Rechtsanwalt Ralph Gebeßler aus Geiselhöring. Er war 2006 der Betreuer von Mollath – bis auch er die Betreuung aufheben ließ. Nach nur drei Monaten. Auf die Frage, ob Mollath, wie es heiße, „betreuungsunfähig" war, sagte Gebeßler, es sei eine „schwierige" Betreuung gewesen. Er habe nur schwierige Betreuungen angenommen damals – vor allem solche, die andere nicht übernehmen wollten. Wie Mollath? „Kein Kommentar."

Die Recherchen, die ihm der Kurier zu Schulden und Streitereien seines ehemaligen Mandanten vorlegte, dementierte Gebeßler nicht. Weitergehende Auskünfte verbiete ihm die Schweigepflicht. Die Frage, ob Mollath der Betreuung hätte entgehen können, wenn er sich hätte psychiatrisch untersuchen lassen, beantwortet Gebeßler auch nicht. Nur soviel sagt er dazu: Viele hätten sich gewundert, wie wenig sich Mollath um die anstehende Zwangsversteigerung seines Hauses gekümmert habe.

Deutlich widerspricht er aber der Darstellung Mollaths, wonach er, Gebeßler, mit Mollaths Frau zusammengearbeitet habe. „Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe mit Frau Mollath nicht zusammengearbeitet." Höchstens fünf Telefonate habe er mit ihr geführt.Auch den Vermutungen Mollaths, Gebeßler habe die Autos seines Mandanten auf eigene Rechnung verkauft, widersprach der Anwalt: Er habe einen Karton zu Mollath mit Fahrzeugbriefen und -schlüsseln gebracht. Ob die zu Mollaths angeblich unter Preis verkauften Ferrari gehörten, wusste er nicht mehr.

Hintergrund

Eine Frage der Glaubwürdigkeit: Mollath sagt, er sei plötzlich verarmt und werde schlecht behandelt in der Klinik – Das sehen nicht alle so

 Sie glauben es nicht, sagt Gustl Mollath (56), wenn er besonders glaubwürdig sein möchte. „Sie glauben es nicht." Wenn es um „Schikanen" des Personals geht: Angeblich soll ein Telefonat mit seiner Anwältin mitgeschrieben worden sein. Erika Lorenz-Löblein zitiert den Satz aus der Stellungnahme des Bezirkskrankenhauses „(Mollath) beschwert sich später massiv bei den Mitarbeitern und seiner Anwältin", heißt es da. Es gehe nicht, sagt sie, dass Gespräche Anwälten belauscht werde. „Ein Mitpatient darf nicht hören, was Mollath sagt."Völlig anders stellt dies die Klinik dar. In einer Stellungnahme heißt es, Mitpatienten würden sich über die „häufigen Telefonate des Herrn Mollath" beschweren. Dieser werde „manchmal auch laut". Ein Mitpatient habe sich offiziell beschwert, weil Mollath seinen und die Namen anderer Patienten am Telefon erwähnt habe.

„Sie glauben es nicht." Wenn die Nachtwache angeblich wie ein „Rollkommando" in sein Zimmer poltert. Ihn nicht schlafen lässt. Mit Taschenlampen drei Mal die Nacht nach ihm schaut. „Da denkst du, die Aliens sind gelandet."Völlig anders läuft es nach Recherchen des Kuriers ab. Es sei ein Krankenhaus, aber keiner werde geweckt. Mitarbeiter berichten, Mollath habe nachts schon einen Stuhl oder andere Gegenstände hinter die Tür gestellt. „Um Krach zu provozieren", sagt ein Klinikmitarbeiter. Inzwischen ist die Sache beim Ministerium gelandet. Eine Anfrage ergab: In den vergangenen Jahren hat es nur zwei Beschwerden wegen der Nachtwache gegeben.„Sie glauben es nicht." Wenn es um seine plötzliche Armut geht. Kaum saß er in der Geschlossenen, habe seine Ex-Frau es geschafft, „alles zu verkloppen". Und das auch noch deutlich unter Wert.

Diese "Bande"

„Der Bande kam's drauf an, den Mann handlungsunfähig zu machen", sagt er dem Kurier, der ihn über Monate immer wieder besuchte. „Spielt da auch noch mehr eine Rolle?", fragte er weiter und antwortete selbst und unterstellt der Nürnberger Justiz „ein gewisses Interesse", ihn zu „vernichten". Völlig anders klingt das auf der anderen Seite. Die Scheidung war gelaufen und Mollath war hoch verschuldet. Deshalb stand die Zwangsversteigerung seines Hauses an. In der Kreide stand er nach Recherchen des Kurier bei der Hypovereinsbank (HVB), seiner Frau und einer Investmentfirma, der Archon-Group, einem Immobilienunternehmen der amerikanischen Goldmann-Sachs-Gruppe.„Meine Frau hatte Forderungen gegen mich", sagt er. Und wird in solchen Dingen stets einsilbig. Wie hoch die waren, sagt er nicht. Alle drei Gläubiger zusammen erwirken Titel gegen ihn, um an ihr Geld zu kommen. Zur Versteigerung standen neben dem Haus auch drei seiner alten Fahrzeuge: zwei Oldtimer und das BMW-Motorrad, in dessen Koffer die Ermittler einen Hammer gefunden hatten, der später als kleines Indiz für Mollaths Gefährlichkeit gewertet wurde.

„Was machen Sie, wenn Ihr Haus zwangsversteigert wird", fragt Jahre später Ralph Gebeßler, den das Gericht zu Mollaths Betreuer bestellt hatte. Gebeßler antwortet selbst: „Sie fragen Freunde, schicken die ins Haus und die sollen so viel raustragen wie möglich." Und Mollath? Der Betreuer sagt nicht viel – Schweigepflicht. Hätte Mollath es leicht anders haben können? Der Betreuer: „Durch ein Gespräch mit einem Gutachter" könnten gesunde Menschen eine Betreuung gegen ihren Willen „abwenden".

Dass Mollath sich bis heute weigert, mit Ärzten zu kooperieren, was ein Teil der Krankheit sei, steht wieder in der jüngsten Stellungnahme der Klinik. Stattdessen beharrt er auf der Verschwörungstheorie rund um die „Schwarzgeldtruppe" seiner Frau in der HVB. „Sehr lustig, das ganze BKH hat die Bankverbindung HypoVereinsbank. Ein früherer Chef meiner Frau leitet eine Bayreuther Filiale", schreibt er ein Jahr nach der Versteigerung, die er laut seinen Helfern teilnahmslos hat vorübergehen lassen. Dass er seit Jahren Schulden bei der gleichen Bank hatte, verschwieg er bis heute. Erschüttert das die Glaubwürdigkeit des Gustl Mollath? Hatte er nicht ein Motiv, gegen seine Frau und deren HVB-Schwarzgeldtruppe zu kämpfen? Seine beiden Anwälte waren am Freitag nicht für ein Gespräch zu erreichen.