Die Abwanderung der Landärzte stoppen

Von Moritz Kircher

Immer mehr Hausärzte zieht es vom Land in die Stadt. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern (KVB) schiebt dem ab März für Bayreuth einen Riegel vor. Ärztevertreter finden das gut. Die Entscheidung sei ganz im Sinne der Patienten. Aber es gibt noch ein anderes Problem, das die Hausarztversorgung auf dem Land bald ausdünnen könnte: das Rentenalter.

Eine Hausarztpraxis ist für ländliche Gemeinden ein wichtiges Stück Infrastruktur. Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern will nun verhindern, dass es immer mehr Mediziner vom Land in die Stadt zieht. Foto: Patrick Pleul/dpa Foto: red

Wenn ein Hausarzt Kassenpatienten behandeln will, kann er sich nicht einfach niederlassen und eine eigene Praxis aufmachen. Er braucht dafür einen freien Arztsitz, also die Genehmigung der KVB. Es gibt sogenannte Mittelbereiche, für die die Zahl der Arztsitze begrenzt ist. Im Fall von Bayreuth sind das grob gesagt Stadt und Landkreis ohne die Gegend um Pegnitz und Pottenstein, die einen eigenen Bereich bildet.

Nach der Werbung weiterlesen

Hausärzte wollen in die Ballungszentren

Innerhalb des Mittelbereichs können Arztsitze wandern. Wurde zum Beispiel in der Vergangenheit ein Sitz im Fichtelgebirge frei, weil ein Arzt in Rente ging, dann konnte der Sitz problemlos in die Fränkische Schweiz gehen – oder eben in die Stadt. Seit Jahren ist in Bayern ein Trend zu beobachten, dass es die Ärzte in die Ballungszentren zieht. Im Fall von Bayreuth vom Land in die Stadt.

Deshalb habe sich die KVB dafür eingesetzt, Stadt und Land bei der Verteilung von Arztsitzen stärker zu trennen, sagt Sprecherin Birgit Grain. Im Landkreis Bayreuth wird es künftig fünf Hausarztbereiche geben, zwischen denen keine Arztsitze mehr hin und her wandern können. „Das wird den Abzug der Arztsitze vom ländlichen in den städtischen Raum verhindern“, sagt Grain. Organisatorisch gehören künftig nur noch Heinersreuth und Bindlach zur Stadt Bayreuth.

Problem: Bei zu vielen Ärzten in der Stadt gilt eine ganze Region als überversorgt

Durch die neue Aufteilung werde auch sichtbar, in welchen Bereichen es eine Unterversorgung mit Hausärzten gibt. Derzeit gilt der Mittelbereich Bayreuth als überversorgt. Schaut man aber genauer hin, wird die Versorgung schlechter, je weiter man sich von der Stadt weg in den Kreis bewegt. Die neue Einteilung mache „deutlich, wo neue Arztsitze möglich sind“, sagt die KVB-Sprecherin.

Ärzte in der Stadt und auf dem Land begrüßen die kleinere Unterteilung des Landkreises Bayreuth in fünf eigenständige Bereiche, weil das den Patienten nutze. Es gehe dabei nicht um die Belange der Ärzte. „Wer sein Zeug gut macht, ist auch ausgelastet“, sagt der Bayreuther Arzt Stefan Wirth. Egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Die Gefreeser Hausärztin Petra Reis-Berkowicz ist oberfränkische Bezirksvorsitzende im Bayerischen Hausärzteverband. Die Änderung sei „wirklich aus Sicht der Bevölkerung gedacht. Damit wird eine Grundversorgung auch auf dem Land gewährleistet“.

 

(Auf die Grafik klicken für eine größere Ansicht)

Kleinere Einteilung der Hausarztbereiche alleine genügt nicht

Wirth ist Vorsitzender des Hausarztvereins Bayreuth Stadt und Land. Er nennt die neue Einteilung „absolut sinnvoll“. Aber alle probleme der hausärztlichen Versorgung würden dadurch zwar nicht gelöst. Denn auch wenn nun mehr Arztsitze auf dem Land gehalten werden und möglicherweise sogar neue dazu kommen: Es fehlten die Mediziner, die sich dort als Hausarzt niederlassen wollen. „Studenten haben bisher überhaupt nicht daran gedacht, sich einmal als Hausarzt auf dem Land niederzulassen“, sagt Wirth.

Um das zu ändern, gebe es derzeit an vielen Fronten Änderungen. So sind oder werden an allen bayerischen Universitäten mit medizinischen Fakultäten Lehrstühle für Allgemeinmedizin eingerichtet, um das Berufsbild des Hausarztes schon in der Ausbildung in den Köpfen der Studenten zu verankern. Außerdem müssen Studenten seit einiger Zeit auch ein Pflichtpraktikum in einer Hausarztpraxis absolvieren.

Durchschnittsalter der Hausärzte steigt bedrohlich an - viele bald in Rente

Jetzt alle Hebel in Bewegung zu setzen, scheint auch bitter nötig. Denn laut KVB-Angaben liegt der Altersschnitt der Hausärzte in Bayreuth bei 53,9 Jahren. In Bayern bewegt sich der Altersschnitt immer weiter auf die 60 zu. Jeder dritte Hausarzt in Bayern ist mittlerweile älter als 60. „Das sind große Sorgen für die Zukunft“, sagt Birgit Grain.

Sorgen, die nach Ansicht von Petra Reis-Berkowicz unbedingt ernst genommen werden müssen. „Für die Gemeinden ist eine Hausarztpraxis überlebensnotwendig“, sagt sie. Denn wenn die Hausärzte gehen, dann verschwinde auch irgendwann alles, was damit zusammenhänge. Apotheken, Physiotherapeuten – eben alles, was mit nachärztlicher Versorgung zusammenhänge. Damit werde ein Ort unattraktiv für junge Familien. „Den Bürgermeistern wachsen deswegen schon graue Haare“, sagt sie. Die neue Einteilung der Hausarztbereiche könne also nur ein Anfang sein.

Lesen Sie auch:

Ärztemangel in Weidenberg: Bürgermeister weist Kritik zurück

Landärzte vom Gesundheitsministerium heiß umworben

Studie: Was Kommunen gegen den Wegzug von Ärzten unternehmen können

Der Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung zeigt, wo wie viele Ärzte sind.