Vielen Menschen mache das Angst, sagte Gastgeber und DGB-Regionsgeschäftsführer Mathias Eckardt. Dabei steht Oberfranken gerade gut da. Die Tariflöhne stiegen nach Eckardts Angaben auch dank der Arbeit der Gewerkschaften im vergangenen Jahr im Schnitt um drei Prozent.

Regierungspräsidentin Heidrun Piwernetz sagte in ihrem Grußwort, 2007 bis 2016 habe die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Oberfranken um rund 50000 zugenommen, die Arbeitslosenquote liege bei niedrigen 3,2 Prozent.

Mit Sorge sieht Eckardt allerdings die Konflikte im Welthandel, die die Autozulieferindustrie mit 35.000 Beschäftigten allein in Oberfranken „mit voller Wucht“ träfen. Ein noch viel tiefgreifenderer Wandel wird von der Digitalisierung der Arbeitswelt erwartet. Die Gewerkschaften setzten sich ein für eine Zukunft, die nicht Angst vor dem Abstieg, sondern Lust auf Neues mache, sagte Eckardt.

Die menschliche Dimension

Wie bleibt die Arbeitswelt im digitalen Zeitalter menschlich, so dass die Beschäftigten motiviert und gern ihre Jobs machen? Dieser Frage widmete sich als Referentin des Abends Prof. Jutta Rump, Direktorin des Instituts für Beschäftigung und Employability (IBE) in Ludwigshafen. Sie unterscheidet vier Dimensionen der Digitalisierung: Die technischen Innovationen selbst, ihre Auswirkungen auf Geschäftsmodelle, auf Produktionsprozesse und als vierte Dimension die Auswirkungen auf den Menschen.

Lernen von der ersten industriellen Revolution

Was macht die Digitalisierung mit dem Menschen und der Gesellschaft? Darauf gebe es keine abschließende Antwort, sagte Rump. Klar sei: Die Auswirkungen der Digitalisierung als vierter industrieller Revolution würden einschneidend und umwälzend sei. Sie zog die historische Parallele zur ersten industriellen Revolution durch mechanische Webstühle, Dampfmaschine und Elektrizität im 19. Jahrhundert. Die Folgen waren auch Manchester-Kapitalismus, Proletariat, die Entstehung des Marxismus.

Industrielle Revolutionen lösten immer auch soziale Umwälzungen aus, betonte Rump. Aus der ersten industriellen Revolution könne man heute lernen: Der Wandel lasse sich nicht aufhalten, aber steuern.  Rumps Forderung: „Wir müssen die vierte Dimension, die Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Menschen, immer gleich mitdenken und die Menschen bei den Veränderungen mitnehmen.“

"Wir sitzen auf Diamanten"

Es brauche ein Regelwerk, auf das sich die Menschen trotz und inmitten der Transformation verlassen könnten. Andernfalls drohe eine politische Radikalisierung der Bevölkerung. Die „sehr emotionalen“ Debatten um Klimaschutz und Migration sind nach Ansicht Rumps eine Folge der tief sitzenden Verunsicherung vieler Menschen.

Diese Regeln ergäben sich aus den bestehenden Werten, der Kultur, dem Umgang miteinander, der sozialen Marktwirtschaft, dem Grundgesetz. „Da sitzen wir auf Diamanten.“ Unternehmen, die händeringend Fachkräfte suchen, können nach Rumps Auffassung genau mit solchen Werteorientierungen bei der Gewinnung von Mitarbeitern punkten.

Sozialpartnerschaft als Hebel

Um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen, brauchten die Beschäftigten Kenntnisse, „die nicht einfach mal so nebenbei in einem Weiterbildungsseminar erworben werden können“, sagte Rump. Viele Menschen besäßen bereits digitale Kompetenzen, könnten zuhause ihre Smartphones nutzen und Kaffeeautomaten oder Waschmaschinen vorprogrammieren.

Kaum am Arbeitsplatz, würden  diese Kompetenzen aber oft abgelegt. Diese Abwehrhaltung gegenüber Neuem in der Arbeitswelt „könnte mit der Fremdbestimmung im Beruf zu tun haben“, glaubt Rump. Abhilfe könne die bewährte Sozialpartnerschaft in Betrieben schaffen, als „ein entscheidender Hebel“, mehr Teilhabe am digitalen Wandel zu erlangen.

Und genau das sei der Schlüssel dafür, die digitale Transformation in der vierten, menschlichen Dimension zu bewältigen: Partizipation gepaart mit individuell zugeschnittener Qualifizierung. Eine Forderung, die der Referentin den lange anhaltenden Applaus der versammelten Gewerkschafter und Gäste einbrachte.