Jahrzehnte war das Oktoberfestattentat einem Einzeltäter mit privatem Motiv zugeschrieben worden. Jetzt erst wird es als rechter Terror bewertet. Das Gedenken zum 40. Jahrestag wird zu einem starken Appell gegen Rechtsextremismus - und es ist auch die Stunde der Opfer.

München - Überlebende schildern in bewegenden Worten ihre Lage, und erstmals ist mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ein Staatsoberhaupt dabei: 40 Jahre nach dem Oktoberfest-Attentat haben hochrangige Gäste aus Politik und Gesellschaft sowie Vertreter der Opfer und Überlebenden am Samstag am Tatort auf der Theresienwiese in München an den schwersten rechtsextremistischen Anschlag in der Geschichte der Bundesrepublik erinnert. Von dem erstmals so prominent besetzten Gedenken geht der klare Appell aus: Der Kampf gegen Rechtsextremismus und rechte Netzwerke muss verschärft werden.

"Der Rechtsextremismus hat tiefe Wurzeln in unserer Gesellschaft", sagt Steinmeier. "Die rechtsterroristischen Mordtaten der vergangenen Jahrzehnte waren nicht das Werk von Verwirrten." Die Täter seien eingebunden gewesen in Netzwerke des Hasses und der Gewalt. "Diese Netzwerke müssen wir aufspüren." Sie müssten noch entschiedener bekämpft werden. "Wegschauen ist nicht mehr erlaubt." Steinmeier nahm auch Bezug auf rechtsextreme Verdachtsfälle bei der Polizei in Nordrhein-Westfalen. "Feinde der Freiheit und der Demokratie dürfen in der Polizei nicht geduldet werden." Polizeiführungen und politisch Verantwortliche dürften kein Klima dulden, in dem diese Netzwerke entstehen und gedeckt werden könnten.

Auch möglichen Defiziten bei der Strafverfolgung müsse nachgegangen werden. Die Aufklärung der NSU-Morde habe Licht in einen toten Winkel gebracht. Ermittlungen liefen ins Leere, wenn sie nicht vorbehaltlos, sondern von Befangenheit und Vorurteilen geleitet würden. Fehler müssten erkannt und korrigiert werden - "mit allem Nachdruck und aller Ernsthaftigkeit", sagte Steinmeier. Der Schrecken rechten Terrors sei wieder nah, "gerade jetzt, nach dem Mord an Walter Lübcke, nach den Taten von Halle und Hanau".

Am 26. September 1980 hatte eine Bombe zwölf Wiesngäste und den rechtsextremen Bombenleger Gundolf Köhler in den Tod gerissen und über 200 verletzt. Die Bundesanwaltschaft hatte im Juli nach langen neuen Ermittlungen die Tat als rechtsextremistisch eingeordnet. Früher sprachen Ermittler von der Tat eines Einzelnen aus privatem Frust. Am Gedenken nahm auch Generalbundesanwalt Peter Frank teil.

Klarer denn je räumen Politiker nicht nur Fehler bei den damaligen Ermittlungen, sondern auch bei der politischen Einschätzung ein - und es gibt Entschuldigungen an die Adresse der Opfer. "Ihre Hilferufe hat man ignoriert, ihre Forderungen nach Unterstützung wurden oft genug abgelehnt und sie selbst sogar als Simulanten diffamiert", sagte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD).

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte: "Es tut mir leid und ich entschuldige mich für die Fehler, die in den Ermittlungen, aber auch in der Einschätzung zu der Tat gemacht wurden." Er spreche als Rechtsnachfolger aller Ministerpräsidenten und Verantwortlicher für den Freistaat. "Wer Rechtsradikale unterschätzt, versündigt sich an der Demokratie." Er gab ein "Schutzversprechen" ab: "Wir werden nicht zulassen, dass Rechtsextremismus, Hass, Antisemitismus, Rassismus geduldet, akzeptiert oder irgendwie unterschätzt werden." Söder wandte sich auch an die Opfer: "Wir verneigen uns. Wir werden diesen Tag nie vergessen." Bund, Land und Stadt initiierten zum Jahrestag einen Opferfonds mit 1,2 Millionen Euro.

Eindrücklich schilderten Überlebende ihre Geschichte. "Ich möchte endlich wieder auf einen Berg steigen, mit dem Rad um den Starnberger See fahren", sagte die als Folge gehbehinderte 73-jährige Renate Martinez. Am meisten aber habe sie sich gewünscht, dass die Täter verurteilt werden "und im Knast landen, wo diese vielfachen Mörder längst hingehören". Solche Verbrechen dürften nie wieder geschehen.

Robert Höckmayr (52) sagte, die Kultur des Erinnerns sei ein starkes Signal einer wachsamen Gesellschaft gegen rechtsextremen Terror. Für ihn sei die Tat stets präsent. "So habe ich zwei Geschwister direkt beim Anschlag verloren. Vierzig Jahre Gedenken - das ist für mich daher vor allem ein Denken an ihre vierzig Jahre ungelebtes Leben."

Die Überlebenden riefen auf zum Kampf gegen Extremismus - aber auch zu Optimismus. Sie habe ihre erste große Liebe verloren, berichtete die ebenfalls schwer verletzte Gudrun Lang. "Das Attentat zwang mich und viele andere zu einer neuen Wegführung, mit der ich mich erst nur schwerlich zurechtfand." Aber sie sagt auch: "Aus Zerstörung muss wieder etwas erwachsen - nicht Hass, sondern die Hoffnung des Guten."

Dimitrios Lagkadinos (57), der beide Beine verlor, mahnte, Rechtsextremismus nähre sich aus Hass und Ausgrenzung und gehe selten von Einzelnen aus, sondern sei organisiert und vernetzt. Er rief aber auf, nicht in der Vergangenheit zu bleiben. "Das Leben ist schön", lautet der Appell des Mannes, der seit 40 Jahren im Rollstuhl sitzt.

Für die DGB-Jugend, die über Jahrzehnte das Gedenken maßgeblich aufrechterhielt, erinnerte Pia Berndt an den langen Weg bis zur Wiederaufnahme der Ermittlungen und zur Einstufung der Tat als rechtsextremistisch. Viele hätten schon seit 1980 gewusst, dass der Attentäter kein verwirrter Einzeltäter war.

Bei einem Gottesdienst im Münchner Liebfrauendom rief Kardinal Reinhard Marx die Kirche zum Einsatz gegen Rechtsradikalismus und Rassismus aufgerufen. "Wir müssen unsere Stimme erheben und uns einsetzen, auch im kleinen Kreis, auch in unseren Pfarreien", sagte der Erzbischof von München und Freising anlässlich des Jahrestages.

An der Theresienwiese wurde ein neuer Dokumentationsort mit rund 200 lebensgroßen Silhouetten sowie Videoinformationen eröffnet. Erstmals fand das Gedenken ohne Festgetümmel und fröhlich vorbeilaufende Wiesngäste statt - das Volksfest fällt wegen Corona dieses Jahr aus.