Die größte Nagelprobe: der Rentenstreit
Die wohl schwierigste Nagelprobe hatte er im Herbst zu meistern, als die Junge Union den Aufstand gegen das Rentengesetz von SPD-Arbeitsministerin Bärbel Bas probte. Merz zeigte sich trotzig und ging auf Konfrontationskurs. Spahn musste die notwendigen Stimmen organisieren und nahm sich jeden Einzelnen der jungen Rebellen in seiner Fraktion vor. Medienberichten zufolge soll er dabei nicht gerade zimperlich vorgegangen sein und sogar mit dem Entzug von Listenplätzen gedroht haben.
Nach den schwierigen ersten Monaten hat sich Spahn gefangen, sein Rückhalt in der Fraktion gilt inzwischen als stabil. Er tritt heute deutlich befreiter auf als in der Startphase der Koalition, lässt sich viel häufiger im Fernsehen blicken. Während er anfangs als der Wackelkandidat im Team Union galt, sieht er sich nun selbst als "Stabilitätsanker" der Koalition - zusammen mit SPD-Fraktionschef Matthias Miersch, wie er der "Süddeutschen Zeitung" im Doppelinterview mit ihm sagte.
Dass Spahn noch die Kurve gekriegt hat, hängt auch damit zusammen, dass sein Parteichef und Bundeskanzler die entgegengesetzte Entwicklung durchgemacht hat. Merz konnte sich anfangs vor allem als schneidiger "Außenkanzler" profilieren, der Deutschland zu neuem Ansehen in der Welt verhilft. Zum ersten Jahrestag seiner Koalition ist er sowohl innen- als auch außenpolitisch kräftig ins Schlingern geraten. Die Schwäche des Kanzlers und die Zweifel am Funktionieren der Achse zwischen Merz und seinem Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) lassen das Gewicht von Spahn und Miersch wachsen.
Vorbehalte beim Koalitionspartner gegenüber Spahn bleiben aber. Der CDU/CSU-Fraktionschef gilt als derjenige aus der Führungsriege, dem am ehesten zugetraut wird, die Tür zur AfD einen Spalt zu öffnen. Öffentliche Zuckungen in diese Richtung gab es auch bei ihm allerdings bisher nicht.
"Muss"
Spahn hat einen recht pragmatischen Ansatz, wenn es um die schwierige Situation der Koalition geht. Er beschreibt ihn gerne westfälisch knapp mit nur einem Wort: "Muss." Gerade in diesem verflixten ersten Jahr von Schwarz-Rot hilft dem Chef der größeren Regierungsfraktion dies als Richtschnur. "Es muss gehen, dass die Koalition zusammenarbeitet", sagt er. "Selbst wenn es hart ist und nervt und mühsam ist: Es muss gehen."