Deutsch-Italiener halten zu Italien

Von und Jürgen Schott

Deutschland gegen Italien, EM-Viertelfinale in Frankreich: Dieser Klassiker zieht alle in den Bann. Nicht nur die eingefleischten Fans. Dieses Spiel verursacht ein Kribbeln, es fasziniert. Und es polarisiert. Vor allem diejenigen, die aus dem einen Land stammen und im anderen leben. Wie geht es also fußballverrückten Italienern in unserer Gegend heute Abend?

Gespannt und mit Vorfreude blickt Gino Lettieri auf das EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien. Der ehemalige Zweitliga-Trainer, Ex-Coach der SpVgg Bayreuth und italienische Staatsbürger fiebert dabei etwas mehr mit dem Team aus Südeuropa. Foto: imago Foto: red

Gino Lettieri (49) ist in Zürich geboren, er hat den Großteil seines Lebens in Deutschland verbracht, er besitzt aber nur die italienische Staatsbürgerschaft. Deshalb verwundert es zumindest ein bisschen, wenn die Antwort auf die Frage, für wen sein Herz heute schlägt, so spontan, so klar beantwortet wird: „Auf jeden Fall für Italien.“

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Der ehemalige Coach der SpVgg Bayreuth, der zuletzt in Diensten des Zweitligisten MSV Duisburg stand, nun aber wieder in seine oberfränkische Wahlheimat zurückgekehrt ist, hat aber „auch kein Problem mit einem Sieg der Deutschen – sofern sie ihn sich verdient haben.“

Verdient haben sich seiner Meinung nach beide Teams dieses Viertelfinale, wobei ihn die Italiener mehr überrascht haben als die Deutschen. Und das nicht etwa aufgrund des ihnen nachgesagten zu hohen Alters, „sondern weil sie so viele Verletzte zu kompensieren hatten. Es ist ja quasi das gesamte Mittelfeld ausgefallen. Dafür spielen sie eine hervorragende EM.“

Die Stärken der Sqaudra Azzura sieht er in der Kompaktheit und im schnellen Umschaltspiel. Dementsprechend, so sagt er, liege der Schlüssel zum Erfolg für Jogis Jungs darin, dieses Umschaltspiel zu unterbinden. „Die Deutschen müssen sie permanent unter Druck setzen und ihnen keine Luft lassen“. Und natürlich dürften sie sich nur wenig Ballverluste erlauben. Die Stärken der Deutschen? „Das ist die Ausgeglichenheit ihres Kaders“, antwortet Lettieri wie aus der Pistole geschossen.

Noch Luft nach oben sieht er hingegen im Flügelspiel des amtierenden Weltmeisters. „Das vermisse ich etwas, dass da mal einer eins gegen eins in den Strafraum zieht.“ Gegen die defensivstarken Italiener wäre das ein probates Mittel. Einen Tipp entlocken lassen will er sich nicht: „Ganz ehrlich, es soll einfach der Bessere gewinnen.“

"Mein Herzschlägt natürlich für Italien"

Giorgio Arancino (36) stammt aus Corigliano Calabro aus der Provinz Cosenza im Süden Italiens. Der jetzige Trainer des FC Martinsreuth in der Kreisliga Hof spielte von 2002 bis 2007 für die SpVgg Bayreuth, hatte dabei als Flügelflitzer auf der rechten Seite auch 18 Einsätze im Regionalligateam von 2005/06. „Mein Herz schlägt natürlich für Italien“, gibt er zu.

„Und ich hoffe, dass die Serie, bei WM oder EM gegen Deutschland ungeschlagen zu sein, anhält. Das deutsche Team ist aber mindestens auf Augenhöhe mit dem italienischen, wobei ich schon überrascht bin, wie taktisch und läuferisch stark die Squadra Azzurra in Frankreich auftritt. Da hat Trainer Antonio Conte viel richtig gemacht und auch die Positionen sehr gut besetzt.“

Deutschland hat laut Arancino „eine junge Truppe, die den Ball gut laufen lässt, aber bisher hatte sie noch keine sehr starken Gegner“, urteilt der Fußballer, der über Bayern Hof, Trogen und Selbitz nach Martinsreuth kam. „Dennoch: Deutschland ist Favorit und wohl selbst schuld, wenn es das Viertelfinale nicht gewinnt. Aber dass es gegen einen Angstgegner geht, macht schon was aus. Und wenn Italien dann noch so stark spielt wie gegen Spanien, ist alles möglich.“

"Kriegen die Italiener die Hucke voll, werde ich nur verarscht"

Marco de Lucia (27) ist Halbitaliener. Somit verwundert es gar nicht, dass in seiner Brust zwei Herzen schlagen. „Das Schöne, ich bin auf jeden Fall im Halbfinale“, sagt der Student, der nicht nur im Uni-Team, sondern auch bei A-Klassen-Meister SG Trockau spielt, derzeit aber aufgrund einer Schulterverletzung pausieren muss. Gefragt nach einer leichten Präferenz, muss er lange überlegen.

Dann sagt er: „Wenn deine Kumpels wissen, du bist zumindest Halbitaliener, kommst du aus dieser Italien-Nummer ohnehin nicht raus. Kriegen die Italiener richtig die Hucke voll, werde ich nur verarscht. Gewinnen die Italiener, redet tagelang keiner mehr mir.“

Will heißen: „Ich tendiere etwas mehr in Richtung Italien, schon alleine, um meine Kumpels zu ärgern.“ Die Chancen sieht er ausgeglichen. Diesen Klassiker rein statistisch zu betrachten und die Deutschen deshalb als Außenseiter abzustempeln, sei zu einfach. „Entscheidend ist, dass mit dem Ausfall von Motta und wohl auch de Rossi wichtige Leute im Zentrum fehlen, das könnte den Deutschen in die Karten spielen.“

Marco de Lucias Empfehlung an Bundestrainer Joachim Löw: „Die Zehn auflösen – Özil kommt eh lieber über den Flügel – und dafür mit zwei Spitzen spielen.“ Der 27-Jährige würde Mario Gomez aber als Stoßstürmer belassen, dahinter Götze oder auch Özil „leicht hängend“ einsetzen. „Das wäre dann ein flaches 4-4-2 quasi.“ Eines ist Marco de Lucia klar: „Es wird definitiv kein Langweiler – und wir gewinnen mit 2:1.“ Er meint die Italiener.