Der Mittelpunkt von Bischofsgrün

Von Andreas Gewinner

„Die Leute von der Glasermühle wollten nie im Mittelpunkt stehen“, sagt Annerose Kipnowski-Häfner, „aber für uns ist sie schon immer der Mittelpunkt.“ Und die Glasermühle ist ein Ort, an dem schon immer ein guter Geist wehte. Die Glasermühle: Eine Handvoll Häuser, verstreut entlang der B 303. Früher hielt der Zug nach Bischofsgrün hier. Und in der Glasermühle steht eines von nur drei Baudenkmälern der Gemeinde und das vielleicht älteste Gebäude im ganzen Ort: die alte Mühle von 1744, die dem Ortsteil den Namen gab.

Annerose Kipnowski-Häfner vor dem wahrscheinlich ältesten Gebäude Bischofsgrüns, das auch ihr Geburtshaus ist: die alte Glasermühle von 1744. Ganz in der Nähe ist auch der geografische Mittelpunkt der Gemeinde Bischofsgrün. Foto: Andreas Harbach Foto: red

In diesem stattlichen Gebäude ist Annerose Kipnowski-Häfner  zur Welt gekommen, und hier ist sie aufgewachsen. Heute wohnt sie mit ihrem Mann Wolfgang in einem neuen Haus direkt neben der Mühle, an der alten Straße von Bad Berneck nach Wunsiedel  direkt am Weißen Main. Eine einst wichtige Route, die ihre Bedeutung verlor, als 1936 nebenan die heutige B 303 gebaut wurde, und die heute Sackgasse ist.

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Und Annerose Kipnowski-Häfner gehört auch der geografische Mittelpunkt von Bischofsgrün: ein steiles Stück Wald, etwa 150 Meter entfernt, das auf Höhe des heutigen Recyclinghofes zum Weißen Mein und zur Straße nach Güßhügel abfällt.

Wie kommt der Mittelpunkt von Bischofsgrün nur hier hin? Bischofgrün hat zwei geschlossene Gemeindegrenzen: einmal für den Hauptort  mit den Ortsteilen Fröbershammer, Birnstengel und eben Glasermühle. Und einmal rund um Wülfersreuth. Und der geographische Mittelpunkt der Gesamtgemeinde liegt eben in jenem steilen Stück Wald unweit der Glasermühle.

Bis vor etwa 70 Jahren waren hier noch Wiesen. „Die waren schwer zu bewirtschaften und mussten von Hand mit der Sense gemäht werden“, weiß Annerose Kipnowski-Häfner aus Erzählungen. Bald nach dem Krieg wurde das Areal aufgeforstet. „Kulturfrauen“ kamen, die mit Kreuzhacken Löcher machten und Baumsetzlinge pflanzten, ganz dicht, damit die Bäume in die Höhe schießen und astlose Stämme bekamen.  Als Annerose Kipnowski-Häfner klein war, waren die Setzlinge schon zu „Büschle“ herangewachsen, erinnert sie sich. Die Kulturfrauen hat sie aber noch am gegenüberliegenden Wald bei der Arbeit beobachten können.  Eine Kulturfrau ziert auch die Rückseite der früheren 50-Pfennig-Münze.

Dass damals Bäume auf dem Mittelpunkt Bischofsgrüns gepflanzt wurden, hängt wohl auch damit zusammen, dass in der Mühle damals noch ein Sägewerk war. Ebenso wie eine Bäckerei, aus der so gutes Brot kam, dass viele Kunden extra aus dem Hauptort in die Glasermühle zum Brotholen kamen. Die Bäckerei, Sägewerk und auch die Landwirtschaft gibt es seit über 50 Jahren nicht mehr. Aber bis heute wird, wie schon seit 1921, Strom aus dem Wasser des weißen Maines erzeugt .

Wenn Annerose Kipnowski-Häfner an die alte Mühle denkt, dann denkt sie vor allem an ihre Urgroßmutter, die sie nur aus Erzählungen kennt. Alte Bilder zeigen eine stattliche Frau mit offenem, freundlichem Gesicht, das nichts verrät von ihrem harten Leben: Fünf ihrer sechs Kinder starben früh, ebenso der Ehemann. Allein musste sie sich um die Geschäfte kümmern. Ihre Beschäftigten behandelte sie wie Familienangehörige. Im Krieg und danach fanden Ausgebombte, Vertriebene und Flüchtlinge ein Zuhause in dem großen Haus. Zwei Damen aus Hamburg, die bei den Luftangriffen ihr dortiges Heim verloren und die es in die Glasermühle verschlagen hatte, setzten der Mühle und ihrem guten Geist ein Denkmal. Ein Gedicht, sauber mit der Maschine geschrieben,  in dem es unter anderem heißt:  „Gern denk ich zurück zur Mühle, wo Frau Greiner stand am Herd, mit viel Liebe und Gefühle manches Gute uns beschert (…) Bischofsgrün du teure Stätte, des Gebirges schönste Zier, gabst dem Wanderer Schutz und Bette, Gott erhalt‘ dich für und für.“

Katharina Greiner (1878-1954) hatte für wirklich jeden ein offenes Herz: „Wenn Kinder kamen, erhielten sie eine große Scheibe Brot mit Marmelade drauf. Und meine Urgroßmutter hat keinen Bedürftigen mit leeren Händen weggeschickt“, erzählt Annerose Kipnowski-Häfner. Und das sei auch die Mentalität im ganzen Ortsteil gewesen: „In der Glasermühle hat man immer total zusammengehalten.“

Die Mühle, in der dieser gute Geist wehte, steht seit rund 20 Jahren leer. Der Denkmalschutz hatte vor einigen Jahre einen Abrissantrag abgelehnt, also erneuerten die Häfners das Dach, damit die Mühle nicht verfällt.  Ihre Zukunft ist ungewiss. Doch Annerose Kipnowski-Häfner hat eine Idee, die bisher nicht mehr als eine kühne Vision ist: eine kleine, feine Seniorenresidenz, in der sich altere Menschen  in einer gediegenen Atmosphäre zu Hause fühlen können. Eine Vision, die „etwas vom Guten fortsetzen würde, das meine Urgroßmutter hier getan hat.“