Der Grüne Faden Roland Seiler geht zum Entspannen in den Keller

WEIDENBERG. Die vielen Kellerschächte unter seinem Heimatort sind für ihn nicht nur eine bauliche Besonderheit, sondern auch ein ganz persönlicher Wohlfühlort: Roland Seiler.

Roland Seiler hat zwei Lieblingsbeschäftigungen. Sein großes Fotostudio und die vielen Keller und Schächte unter Weidenberg. Hier geht er regelmäßig auf Zeitreise in die Besiedlungsgeschichte, findet gar nicht so selten kleine und kleinste Gegenstände und Tiere in Kellern. Hier hat er eine Umgebung gefunden, in der er zur Ruhe kommen kann. „Hier unten herrscht kein Elektrosmog, keine Hintergrundgeräusche, hier ist einfach nur Stille. Ich kann mich beim Arbeiten in den Kellern völlig auf eine Sache konzentrieren, und wenn ich wieder herauf komme, bin ich völlig entspannt.“

Warum machst du das denn nicht beruflich?

Die Keller in Weidenberg sind zwar schon gut erfasst und auch kartiert, doch die Erforschung ist noch nicht abgeschlossen. Einerseits finden Seiler und seine Kollegen von KULT-Tour Weidenberg das natürlich äußerst spannend – was mag sich wohl noch im Weidenberger Untergrund verbergen? Andererseits wäre es beispielsweise für Grundstückseigentümer und auch für die Gemeinde äußerst wichtig zu wissen, ob sich unter der Oberfläche eventuell ein Hohlraum befindet. „Es ist ja im Interesse aller, wenn solche Dinge beim Hausbau oder Umbau, bei Straßenbautätigkeiten oder Reparaturen bekannt sind. Die Keller könnten noch mehr Aufmerksamkeit vertragen, das sehe ich als meine Aufgabe.“

Roland Seiler wurde 1960 in Weidenberg geboren – im früheren Brauhaus. Nach der Grundschule im Heimatort besuchte er das Graf-Münster-Gymnasium und studierte nach einer zweijährigen Bundeswehrzeit Elektrotechnik in Coburg. Dass er heute Fotografen-Meister ist, hat er einem Kommentar seines Postboten Ewald zu verdanken, wie er lachend erzählt: „Der bekam immer mal wieder meine Hobbyfotos zu Gesicht und meinte: das ist dir doch in die Wiege gelegt – warum machst du das denn nicht beruflich?“

Keller mit dem Wissen von Bergleuten angelegt

Gesagt, getan. Beim Fotostudio Schmidt absolvierte er die Lehre zum Fotografen mit Gesellenprüfung 1987, machte sich 1988 selbstständig und setzte vier Jahre später seinen Meister noch obendrauf. Das Geheimnis seines fotografischen Erfolges ist für Roland Seiler, dass er ganz individuell auf seine Kunden eingeht und jeden Verarbeitungsschritt von der Vorbereitung bis hin zum fertigen Bild selbst macht. Ganz egal, ob das nun Katalogfotos sind, Familienbilder, Porträts oder Gruppenbilder auf Kommunionen, Konfirmationen oder Hochzeiten – er lagert nichts aus. „Die Fotos, die ich an die Kunden rausgebe, sind mit sehr viel Aufwand erstellt“, sagt er. „Bei mir verlässt kein unfertiges Bild das Haus.“ Für die Kritischen unter seinen Kunden: „Nicht die Menge macht’s – viele Bilder von einem Motiv werden immer anders sein, aber nicht unbedingt besser.“

Sowohl in seinem Beruf als auch in seinem Engagement für die Weidenberger Keller zählt für Roland Seiler am meisten, dass er diese Tätigkeit mit Liebe und Freude macht. Dass es in Weidenberg überhaupt so viele Keller gibt, erzählt er, liege zum einen am durchgehenden Sandsteinsporn unter dem Obermarkt und am bergmännischen Wissen durch früheren Bergbau. Weidenberg war durch die Gesteinsvielfalt ein bedeutender Wirtschaftsstandort mit vielen Handwerkern. Die Verwaltung war ebenfalls an diesem vorindustriellen Bergbau-Standort vertreten. Die Erzvorkommen konnten vor Ort an der Warmen Steinach direkt in etlichen Hämmern weiterverarbeitet werden. Holz und Holzkohle zum Betrieb der Hämmer gab es reichlich. Die Keller konnten also mit dem Wissen von Bergleuten in den Sandsteinuntergrund des Ortes gegraben werden.

Im auf der Suche nach unerforschten Kellern

Roland Seiler fasziniert seine Heimatgeschichte seit vielen Jahren, und diese Begeisterung hat nie nachgelassen. Immer wieder finden sich Details, die die Besonderheit von Weidenberg untermauern. Zwei Beispiele: Im Sonnentempel der Bayreuther Eremitage sind die rotbraunen Weidenberger Karneol-Edelsteine verarbeitet, und immer wieder finden sich im Weidenberger Muschelkalk Bruchstücke von versteinerten Seelilien. „Diese Meerestiere lebten hier vor ungefähr 240 Millionen Jahren, als Mitteleuropa noch von einem Meer bedeckt war“, erklärt Seiler. „Solche Fossilien faszinieren nicht nur mich, sondern auch die Menschen, die die Führungen des Geopark Bayern-Böhmen in Weidenberg besuchen.“

Wenn in Weidenberg ein neuer, bisher unbekannter Keller untersucht und freigelegt werden soll, dann stehen Seiler und seine Vereinskollegen mit Rat und Tat zur Seite. An allererster Stelle, erzählt er, stehe die Sicherheit für alle Beteiligten. Denn: „Wir wissen ja im Vorfeld nicht, in welchem Zustand die Keller sind, ob durch mangelnde Belüftung der Sandstein weich und bröckelig wurde oder wie fest die Deckenschichten sind.“ Dann wird bei Bedarf der Keller vom Inhalt befreit, gesichert, gesäubert und mit Beleuchtung ausgestattet. „Das in Fachkreisen ,Gedärm von Weidenberg’ genannte ist einmalig, die Größe und die vielen Verzweigungen lassen auf eine jahrhundertealte Entstehung schließen.“

Großes Interesse an den Kellern

Die Weidenberger Keller wurden im Geotopkataster als Geotope mit dem Prädikat selten und schützenswert eingestuft. Um die Weidenberger Keller einem größeren Publikum zugänglich zu machen, organisiert Seiler mit seinen Kollegen von KULT-Tour e.V. seit vielen Jahren die Kellernacht im Juli. Ohne die Unterstützung der Anwohner des Oberen Marktes, das betont er mehrfach, wäre so eine Veranstaltung niemals möglich. Und dass das Interesse an den Kellern steigt, das zeigen die hohen Besucherzahlen deutlich.

Die Keller, da ist sich Roland Seiler sicher, werden für ihn immer ein Anziehungspunkt sein. Seit er regelmäßig unterirdisch unterwegs ist, hat er nicht nur neue Kellerschächte gefunden, ausgeräumt, geschrubbt und kartiert, sondern ist auch beispielsweise seine Allergie losgeworden. „In den Kellern herrscht ein einzigartiges Klima, das mir persönlich einfach guttut,“ sagt er. Im Zuge seiner „Kellerarbeit“ hat er auch Zeitzeugen interviewt, die heute an die 90 Jahre alt sind und als Kinder Kellergänge kannten, die heute in keiner Karte verzeichnet sind. Ein gefundenes Fressen also für den Keller-Enthusiasten: „Ich freu’ mich drauf, was wir da wohl noch alles finden und freilegen!“


INFO: Roland Seiler gibt den Grünen Faden weiter an Norbert Hübsch, „weil er immer ein kompetenter Ansprechpartner in Sachen Archäologie und Heimatgeschichte ist“.
Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Bayreuth hat über 75 000 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Stadt.

 

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