Der grüne Faden Eine Reise mit viel Liebe für neue alte Bücher

WAISCHENFELD/BAYREUTH. Eigentlich“, sagt Katharina Lässig, „wäre ich gerne auf die Walz gegangen.“ Denn diese Reise ist nicht nur was für Zimmerer oder Maurer. Prinzipiell gibt es die Tradition, mit fünf Euro in der Tasche loszuziehen, für jedes Handwerk – auch für Buchbinder. Und Katharina Lässig ist eine Frau, die die Tradition des Handwerks liebt und lebt. „Irgendwie habe ich mich dann alleine als Frau nicht getraut.“

Die Wanderjahre vor der Meisterprüfung hat Lässig also ausgelassen – langweilig aber wurde es nicht. Lässig hat eine lange Reise mit mehreren Stationen und einigen Prüfungen hinter sich. Die vorläufige Endstation des Weges ist Waischenfeld; die Konstante war die Liebe zum Handwerk.

Begonnen hat der Weg, der die heute 35-Jährige vor drei Jahren in die Fränkische Schweiz führte, im sächsischen Freiberg. Dort wuchs sie auf, machte 2002 Abitur. Und wollte eigentlich Buch- und Papierrestaurierung studieren. Doch dazu kam es nicht. „Zwei Jahre verpflichtendes Berufspraktikum ohne etwas in der Hand. Diese Aussicht hat vor allem meiner Mutter nicht gefallen“, sagt Lässig. „Dadurch blieb ich an der Werkbank hängen.“

Es gibt unzählige Möglichkeiten ein Buch zu gestalten

Was sie damit meint: Statt des Studiums absolvierte sie die Grundausbildung zum Buchbinder für Einzel- und Sonderfertigungen in der Nähe von Reutlingen. Von 2002 bis 2005. Es war die erste Station der Wanderschaft ihres Lebens. Von 2007 bis 2009 folgte die Fachausbildung zum geprüften Buchbinder für Restaurierungsarbeiten am Buchbinder-Colleg in Stuttgart. Und 2010/2011 setzte sie den Meister an der Vollzeit-Meisterschule in München obendrauf. „Ich fühle mich in dem Beruf zu Hause“, sagt Lässig. Es gebe unzählige Möglichkeiten, ein Buch zu gestalten – und in puncto Materialien und Textilien fast keine Grenzen. „Es ist schade, dass die Buchbinderei in vielen Köpfen beim Binden von Abschlussarbeiten anfängt und aufhört“, sagt Lässig.
Seit Juli ist ihre Werkstatt Atelier Kala in Waischenfeld geöffnet. Im Schrank stehen Erinnerungen – etwa eine Holzdeckelbibel aus dem 16. Jahrhundert. „Sie war Teil meiner ersten Einkommensteuer.“ Für 900 Euro hat sie sie als Versuchsobjekt für ihre Ausbildung in einem Leipziger Antiquariat gekauft. „Sie war so schön und so kaputt, dass sie zu mir wollte.“ Zum Beispiel waren die greifenden Teile der Schließe kaputt. Die Metallteile sorgen dafür, dass der Buchblock nicht wandert. „Das kann den Einband sprengen.“

Veganes Leder gibt es nicht

Mit einem Gerücht möchte Lässig aufräumen: „Leder oder Pergament in vegan gibt es nicht“, sagt sie. Sie findet: „Wenn ein Tier stirbt, sollte es von Kopf bis Fuß verbraucht werden.“ Zurück zur Reise der Buchbinderin: Schon vor ihrer Meisterausbildung machte Lässig Station in der Schweiz – in der Region um Zürich arbeitete sie bei einer Buchbinderei. Von 2011 bis 2015 verschlug es sie in den Kanton Bern. Aus privaten Gründen zog sie zurück nach Deutschland. Genauer gesagt erstmals nach Franken. In Nürnberg wollte sie sich mit ihrem damaligen Lebensgefährten, der ebenfalls aus der Branche war, etwas aufbauen. Die Beziehung zerbrach – und Katharina Lässig stand vor einem Neuanfang. Sie bewarb sich deutschlandweit. Den nächsten Schritt brachte ihr eine Anfrage bei der Buchbinder- und Kartonageninnung Mittel- und Oberfranken. Sie erfuhr: In Bayreuth hört ein Buchbinder auf. Lässig handelte, kaufte ihm einen Teil der Geräte ab und machte sich im Emil-Warburg-Weg selbstständig. Dazu nahm sie einen Kredit auf. Die Kundschaft musste sie sich in großen Teilen neu aufbauen. „2015 hat sehr viel Kraft gekostet“, sagt Lässig über ihr Schicksalsjahr, in dem der berufliche nicht der einzige Neuanfang war. Es gab auch eine neue Liebe. Und auch das war noch nicht alles: Prompt wurde Lässig im Dezember schwanger. Und hatte nach der Geburt der heute zweijährigen Tochter einen neuen Rhythmus: „Stillen, Windeln wechseln, Pinsel in die Hand.“

Viele Aufträge für Gästebücher

Mit der Zeit merkte Lässig, dass sie zu wenig Zeit hatte. Und entschied sich, ihre Werkstatt nach Waischenfeld zu verlagern, wo sie seit 2016 lebt. Dort stand ihr jetziger Laden länger leer. „Irgendwann suchte ich den Kontakt zum Besitzer.“ Man verstand sich und kam ins Mietgeschäft. „Dem Kunden ist es eigentlich egal, wo sein Buch geklebt wird“, sagt die Expertin, die in der neuen Werkstatt viel mehr Platz hat als in Bayreuth. Rund 100 statt rund 40 Quadratmeter. Es gibt auch eine Ladenecke, in der Lässig Papiere und Utensilien verkauft. Und die Buchbinderin ist durch den kürzeren Weg flexibler. Für ihre Tochter – und die Kunden. „Hier habe ich auch samstags geöffnet.“ Zu Lässigs typischen Aufträgen gehören Abschlussarbeiten. Oft arbeitet sie für Kanzleien – trennt Seiten aus Monatszeitschriften heraus und macht daraus ein Fachbuch. „Es gab schon viele Aufträge für Gästebücher oder das Binden von Familien-Dokumenten.“ Und der Frau, die eigentlich einmal Restaurierung studieren wollte, liegt auch die Reparatur weiter am Herzen. „Ja, es ist der richtige Beruf“, sagt sie, als sie eine gerissene japanische Schriftrolle zeigt.

Buchbinder-Sprechstunde in Bayreuth

Wer seine Bücher abgeben möchte, muss nicht zwingend nach Waischenfeld fahren. Mittwochs von 15 bis etwa 17 Uhr bietet Lässig die Buchbinder-Sprechstunde in der Buchhandlung im Kircheneck in der Bayreuther Sophienstraße an. Vergangene Woche wollte ein Kunde sein Fachbuch erneuern lassen, das er intensiv gelesen hat. „Ich schneide den Deckel an der Kante ab, füge einen neuen Geweberücken ein und klebe den Einband wieder auf.“ Die Kosten orientieren sich an der Arbeitszeit und dem Materialpreis. Und eine Woche später kann der Besitzer sein neues altes Buch wieder abholen. Und der Weg der Katharina Lässig? Sie hat jetzt kürzere Strecken – die aber ganz lang werden können. „Wenn ich mit meiner Tochter die paar hundert Meter von zu Hause zur Werkstatt gehe, kann sich das ziehen“, sagt Lässig. Und lacht dabei das Lächeln einer Frau, für die sich mit dem Satz einige Kreise des Lebens schließen.


Info: Katharina Lässig gibt den Grünen Faden weiter an Lena Wenz, selbsternannte Kom"muh"nikationsdesignerin aus Bayreuth. „Sie ist eine junge, engagierte und kreative Person, hat tolle Projekte aufgebaut und engagiert sich sehr für den Aufbau im ländlichen Bereich.“

Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Die Region Bayreuth hat rund 180 000 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Region.

 

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