Der Grüne Faden Die mit den Kühen

BAYREUTH. Im Rückblick sind es ja oft ganz banale Dinge, die einen entscheidenden Einfluss auf das weitere Leben haben. Bei Lena Wenz war es ein Buch, das sie mit ihrer Sandkastenfreundin ständig austauschte. „Wir haben uns damit hin und her geschrieben. Und ich habe dann immer mit Knutsch unterschrieben, wie man das halt so tut als Zwölfjährige“, erzählt Lena Wenz. Schließlich habe ihre Freundin gesagt: „Du bist eine echte Knutschkuh.“ Banal eben – aber der Auslöser dafür, dass die mittlerweile 30-jährige Grafikdesignerin und Fotografin heute als „die mit den Kühen“ bekannt ist.

Damals habe es irgendwie klick gemacht, „seither haben mich Kühe besonders interessiert“. Woraus schließlich eine Lebenseinstellung und ein besonderes Projekt geworden ist. Eine Lebenseinstellung, weil Lena Wenz 2012 die Entscheidung getroffen hat, vegan zu leben. „Ich bin in Bad Berneck aufgewachsen, da ist es ländlich. Ich wusste also grundsätzlich schon, was Landwirtschaft bedeutet. Aber erst als ich das Buch ,Tiere essen‘ von Jonathan Safran Foer gelesen habe, ist mir von einem Moment auf den anderen der Appetit auf Fleisch vergangen“, sagt Lena Wenz. Von heute auf morgen habe sie dann beschlossen, auf alle tierischen Produkte zu verzichten, denn: „Warum soll ich eine Kuh essen, einen Hund aber nicht?“ Missionarisch sei sie deshalb aber nicht unterwegs, jeder müsse das für sich selbst entscheiden. Sie stört nur, dass sie sich für ihren Ernährungsstil so oft verteidigen müsse.

Geld kommt Gnadenhöfen zu Gute

Lieber will sie Kühe verteidigen. Und hat deshalb ihr Projekt „It’s Cowtime“ ins Leben gerufen. Rund 120 Kühe hat sie dafür schon gezeichnet. Manche hat sie persönlich kennengelernt, andere kennt sie nur von Bildern. „Viele Menschen wissen ja gar nicht, wie viele unterschiedliche Rassen es gibt.“ Allen ist gemeinsam: Sie leben auf Gnadenhöfen in ganz Deutschland, an der Nordsee, in Nordrhein-Westfalen oder der Fränkischen Schweiz. „Sie dürfen dort einfach Kuh sein, müssen keine Kälber bekommen und keine Milch geben“, sagt Lena Wenz. Über einige der Kühe hat sie in einem Blog geschrieben. Vor allem aber nutzt sie ihre Bilder der Tiere, um einen Kalender oder Postkarten zu entwerfen, in größerer Stückzahl zu produzieren und dann zu verkaufen. Bei den Kosten sei sie anfangs durchaus ins Risiko gegangen. Mittlerweile aber habe sie ihr Ziel erreicht – nach Abzug der Kosten bleibe Geld übrig, das sie den Gnadenhöfen und damit den Kühen zur Verfügung stellen könne.

Auch die Abschlussarbeit war zum Thema Kühe

Für sich selber zweigt sie davon nichts ab, ihren Lebensunterhalt verdient Lena Wenz als Grafikdesignerin und Fotografin. Letzteres hat sie im mittelfränkischen Bad Windsheim gelernt, ehe sie in Bielefeld Kommunikationsdesign studierte. Für ihre Abschlussarbeit bekam sie die hervorragende Note 1,3. Das Thema? Natürlich Kühe. Auch wenn eigentlich gar keine zu sehen waren. „Alles ein wenig abstrakt“, sagt Lena Wenz lachend. 2016 machte sie sich in Bayreuth selbstständig. „Das liegt mir im Blut, ebenso wie das Kreative.“ Beide Eltern sind selbstständig – der Vater als Musiker, die Mutter als Biologin. „Ich passe aber nicht in eine Schublade, mag es, Verschiedenes machen zu können“, betont Lena Wenz. Sie weiß, dass das beruflich zum Problem werden kann – dann, wenn ein Kunde für eine eng begrenzte Aufgabe einen Spezialisten sucht. Sie könne stattdessen ein breites Spektrum bieten, von Fotografie über Layout und Grafik bis zur Illustration – fast wie eine kleine Werbeagentur.

Gassenviertel für Künstler prädestiniert

Dabei sei es gut, auf ein Netzwerk zurückgreifen zu können. Deshalb macht Lena Wenz auch im Vorstand des Küko Netzwerks Kreativ Unternehmen Fichtelgebirge mit. Und sie will zusammen mit zwei Kollegen ein entsprechendes Projekt in der Kämmereigas- se 8, gleich gegenüber dem Forum Phoinix, aus der Taufe heben. K-Acht soll es heißen und eine Art offener Arbeitsraum sein. Ihre Mitstreiter sind Künstlerin und Designerin Monika Pellkofer-Grießhammer und Daniel Beuschel, der einen veganen Foodblog unterhält. Vor allem soll es Arbeitsplatz für die drei sein, aber auch Ausstellungen regionaler Künstler oder kreative Kurse sollen hier stattfinden. Ein Förderantrag bei der Stadt sei gestellt, erzählt Lena Wenz. Die Reaktionen seien bislang durchweg positiv: „Ich finde, das Gassenviertel ist geradezu prädestiniert dafür, ein Tummelplatz für Künstler und Kreative zu werden“, sagt sie.

„Ich bin aber auf keinen Fall bereit, mich unter Wert zu verkaufen"

Vorerst sei an eine Projektdauer von drei Jahren gedacht, allerdings mit Option auf Verlängerung. Momentan arbeitet Lena Wenz noch in einer Wohngemeinschaft, in der neben ihren Mitbewohnern auch ihre beiden Hunde zu Hause sind. „Die habe ich aus Tierschutzprojekten“, sagt die engagierte Tierschützerin, die sich manchmal wünschen würde, dass die Arbeit von Kreativen mehr Anerkennung bekommt. „Es ist manchmal schwer, den Leuten klarzumachen, was gutes Design ist. Viele meinen, sie können es selber, und dann kommt zum Beispiel ein schlechtes Firmenlogo heraus. Dabei ist das doch die Visitenkarte eines Unternehmens.“ Und was ist gutes oder schlechtes Design? Lena Wenz nennt ein Beispiel: „Wenn ein Suppenlöffel schlecht gestaltet ist, dann tut er weh, wenn man ihn in den Mund nimmt. Wenn er aber ein gutes Design hat, dann stimmt alles, dann unterstützt er den Genuss.“ Das sei ein Unterschied, für den die Kunden auch bereit sein müssten zu zahlen. Das zu vermitteln, sei nicht immer ganz einfach. „Ich bin aber auf keinen Fall bereit, mich unter Wert zu verkaufen“, sagt Lena Wenz. Nur weil ihr die Arbeit viel Spaß mache, sei sie kein Hobby.

Auf Reisen ist die Knutschkuh dabei

Eines ihrer Hobbys ist stattdessen das Reisen, das sie aber auch schon mal mit dem Arbeiten verbindet. Drei Monate auf der Kanareninsel La Gomera nutzte sie 2017 zum Beispiel, um ein Buch zu illustrieren. „So eine Umgebung gibt noch einmal eine besondere Inspiration.“ Durch Kanada getrampt ist Lena Wenz auch schon, und in Mexiko hat sie die Hochzeit einer Freundin fotografiert – der Freundin mit der Knutschkuh übrigens. Ihr nächstes Ziel ist eine längere Europareise in ihrem Fiat-Kastenwagen – damit sie die Hunde problemlos mitnehmen kann. Und vielleicht findet sie ja neue Kühe für ihr Projekt. „Meine Zeichenutensilien habe ich jedenfalls immer dabei“, sagt Lena Wenz.


Info: Lena Wenz gibt den Grünen Faden weiter an Joanna Birkel. Weil sie die „Buchstabenkünstlerin“ als besondere Kollegin kennengelernt habe, mit der man sehr gut zusammenarbeiten könne. Der grüne Faden: Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden. Die Region Bayreuth hat rund 180 000 davon. Mit unserer Serie möchten wir die Schicksale hinter den vielen Gesichtern aufzeigen, die uns täglich begegnen. Ob auf dem Marktplatz oder beim Metzger. Jeder Porträtierte wird anschließend gebeten, den symbolischen Grünen Faden an jemanden weiterzureichen, dessen Geschichte auch einmal erzählt werden sollte. So zieht sich der Grüne Faden durch die Region.

 

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