Der Chef nimmt Abschied

Prof. Manfred Wolfersdorf hat am 16. September 1976 die erste Spezialstation für depressive Patienten eröffnet. Zum 30. September endet seine Zeit als Ärztlicher Direktor und Chefarzt am Bezirkskrankenhaus. Foto: Andrea Pauly Foto: red

Heute ist ein besonderer Jahrestag für Manfred Wolfersdorf: Am 16. September 1976 hat er die erste Spezialstation für Depressive gegründet, damals in Ravensburg. Ohne diese Station wäre er vermutlich nie Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik  in Bayreuth geworden. Am 1. Oktober geht er in den Ruhestand. Seine Nachfolge ist nur zum Teil geregelt.

„Wehmut wird mich überkommen, wenn ich durch die Klinik laufe. Jedes Eck erinnert mich an etwas“, sagt Professor Manfred Wolfersdorf. Der Psychologe und Psychiater hat trotzdem keine Angst vor dem Ruhestand - der für viele Männer durchaus ein Grund sein kann, in eine Depression zu verfallen. Kaum jemand weiß das besser als Wolfersdorf, schließlich sind Depressionen sein Spezialgebiet.

Seit 42 Jahren ist er „im Geschäft“, seither hat er nach eigenen Angaben etwa 40.000 Patienten gesehen und behandelt. Seit 1976 ist die Depression sein Schwerpunkt.

Mit 14 wusste er: Das ist es

„Die Melancholiker haben mich schon in der Jugend interessiert“, erinnert sich der gebürtige Amberger, der in Hollfeld lebt. Schon in der Schule seien Gleichaltrige gern zu ihm gekommen, die reden wollten. Und dann war da seine Familie: Seine Mutter ließ sich 1949 scheiden - damals war Wolfersdorf nicht mal zwei Jahre alt, sein kleiner Bruder unterwegs. Der zweite Mann seiner Mutter, sein „sozialer Vater“, wie er ihn nennt, war in der Fremdenlegion gewesen. Wolfersdorf wuchs auf in einer Familie, die von großer Ernsthaftigkeit, aber auch von Liebe geprägt war.

Schon als Jugendlicher wusste er, dass er Psychiater werden wollte. Bei einer Freizeit sah er zum ersten Mal psychisch Kranke. Als er erfuhr, dass sich Psychiater um diese Menschen, die so anders waren, kümmern, entschied er: „Gut, dann werde ich Psychiater.“ Damals war er 14 Jahre alt.

Die frustrierende Zeit vor der Psychiatrie-Reform

Während des Studiums arbeitete er in Erlangen als studentische Pflegekraft in der Psychiatrie. Anschließend ging er nach Ravensburg, wo er die Psychiatrie nach einiger Zeit beinahe hinschmiss. „Ich war frustriert“, erinnert er sich an die Zeit, als psychisch Kranke noch in großen Schlafsälen untergebracht waren, Psychopharmaka nur teilweise wirkten und von Therapie keine Rede sein konnte. „Wir waren 17 Ärzte für 1300 Patienten.“ Allein er hatte 120 psychisch Kranke zu versorgen - mehr als ein Blick in die Medikamentenliste war nicht möglich. „Das war die härteste Zeit.“

Er blieb nur für die neue Station

So hatte er sich seine Arbeit nicht vorgestellt. Er wollte gehen, hatte bereits eine Stelle in der Neurologie in Würzburg sicher. Dann fragte ihn sein Chef, ob er eine therapeutische Depressionsstation aufbauen wolle. Und das wollte er. Wolfersdorf blieb in Ravensburg, schrieb ein Konzept und eröffnete am 16. September 1976 die erste deutsche Depressionsstation - heute vor 40 Jahren.

Die Selbstmörder ließen ihn nie los

Durch die Schwerpunktarbeit mit Depressiven befasste er sich intensiv mit dem Thema Selbstmord. „1977 hatte ich die erste Patientin, die sich umgebracht hat. Das hat mich sehr, sehr beschäftigt. Ich habe mich gefragt: Was hast du falsch gemacht? Ist das der richtige Beruf?“ Er stürzte sich in die Arbeit. 1979 gründete er die  Arbeitsgemeinschaft „Suizidalität und Psychiatrisches Krankenhaus“, deren Leiter seit 1990 ist. Der Kliniksuizid war 1989 sein Habilitationsthema.

In seiner gesamten Karriere nahmen sich 24 seiner Patienten das Leben. Einzelne Geschichten begleiten ihn bis heute: Er weiß das Alter, die Berufe, die Umstände noch genau. Aber es gibt auch die guten Geschichten über Patienten, die habilitierten oder Familien gründeten. Besonders der Krankheitsverlauf der Depression hat den Mediziner interessiert.

"Depression kann auch verschwinden"

Manche Patienten hat er 35 Jahre lang begleitet. „Da sieht man Dinge, die nicht in Lehrbüchern stehen.“  Es sei gut möglich, sich über eine lange Zeit hinweg mit Depressionen einzurichten. "Sie kann auch verschwinden. Man kann symptomfrei über Jahrzehnte hinweg durchs Leben gehen.“ Die gefährliche Zeit sei immer, wenn Hoffnungslosigkeit, Leere und Freudlosigkeit überhand nehmen.

"In der Tiefe meiner Seele bin ich Melancholiker"

Wer sich täglich mit Depressiven beschäftigt, muss sich auch mit der eigenen Gestimmtheit und mit der eigenen Melancholie auseinandersetzen, sagt Wolfersdorf. „In der Tiefe meiner Seele bin ich Melanchoniker. Wir  erleben vieles tiefer: Leid, aber auch Freude, wir sind ernsthafter,  aber ich kann ganz massiv genießen.“ Mit Mitte 20 hatte er selbst eine Phase, die er rückblickend als mittelschwere depressive Episode bezeichnet. Aber: "Meine Mutter und meine Tanten haben mich emotional gut abgefüllt. Es gab Stress und Anstrengung, aber ich habe mich immer sehr geborgen gefühlt und hatte eine hohe emotionale Nähe in der Familie.“

Mit der eigenen Sterblichkeit konfrontiert

Außerdem musste sich Wolfersdorf schon sehr früh mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. Er litt an einer verengten Aorta, die mit spätestens 30 zum Tod geführt hätte. Er wurde operiert, als er 18 Jahre alt war. Niemand wusste damals, ob es gutgehen würde.

Entscheidendes Gespräch im Biergarten

Bis 1997 blieb Wolfersdorf in Ravensburg. Dann, eines Tages, sagte seine Frau im Biergarten zu ihm: "Ich glaube, du musst weg". Er spürte: Sie hatte Recht. Er bewarb sich daraufhin mehrfach um Lehrstühle, aber ohne Erfolg. Zum Glück, sagt er heute: "Das ist nicht meins. Ich gehöre in ein Klinikum.“ Er bewarb sich in Bayreuth und brachte die Fachkenntnis für die Abteilungen mit, von denen er wusste, dass sie wichtiger werden würden: Depression, Sucht, Geriatrie und Psychosomatik. Eine halbe Stunde nach dem letzten Vorstellungsgespräch kam die Zusage. Seither war er Ärztlicher Direktor und Chefarzt.

Die Mollath-Geschichte

In seine Zeit fiel die zweijährige Phase, in der das Bayreuther Klinikum wegen Gustl Mollath bundesweit in den Schlagzeilen stand. In dieser Zeit ging es ihm darum, sein Krankenhaus und seinen Chefarzt Dr. Leipziger zu schützen. Zugleich nahm er jede Einladung an, um über den Fall zu sprechen - soweit er durfte. Die Geschichte sei im Wesentlichen ein Problem der Justiz, nicht der Psychiatrie gewesen.

Die kranke Psyche ist dunkel genug...

In seiner Zeit als Ärztlicher Direktor bekam die Psychotherapie wieder einen größeren Stellenwert, er etablierte die Fort- und Weiterbildung, war an den Plänen für die Sanierung und Neubauten beteiligt. „Wir haben Lichthöfe und helle Stationen geschaffen. Das macht einen Riesenunterschied: Die kranke Psyche ist dunkel genug.“

...und doch trägt er immer schwarz

Dennoch trägt er selbst immer schwarz: Lediglich seine Krawatten und Socken sind bunt. Die Gründe sind einfach: Es ist einfach, weil er sich nie Gedanken um seine Kleidung machen müsse, schwarz stehe ihm - und es passe zu manchen Inhalten seiner Arbeit. Zugleich solle das Schwarz "zeigen, dass ich da bin."

Mit der Aussicht auf den Ruhestand gehe es ihm trotzdem gut, „weil ich weiterhin etwas tun werde“. In einer Bayreuther Praxis wird er an zwei Nachmittagen pro Woche und einem Samstag im Monat ambulante Psychotherapie anbieten. Außerdem hat er gerade angefangen, mit einem Freund und Kollegen ein Buch zu schreiben - über Depressionen. Was auch sonst?

Die Nachfolge

Der Posten des Ärztlichen Direktors bleibt vorerst unbesetzt: Zwei Ausschreibungen sind bisher ohne Ergebnis geblieben. Zwar gebe es einen passenden Kandidaten, doch bei dem sei nicht sicher, ob er denn auch komme, sagt Wolfersdorf. Grund dafür ist die veränderte Position: Der Ärztliche Direktor soll künftig der kaufmännischen Leitung unterstellt sein. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand mit der erforderlichen Kompetenz akzeptieren wird", sagt Wolfersdorf.

Leitung auf drei Beine stellen

Denn ein habilitierter Professor für Psychiatrie mit Leitungserfahrung habe die Vorstellung, dass die ärztlich-therapeutische Leitung und kaufmännische Leitung auf einer Ebene agieren. Das sei auch sinnvoll, sagt Wolfersdorf: In anderen Regionen Bayerns "hat sich bereits die Einsicht durchgesetzt, dass man in der Leitung der psychiatrischen Krankenhäuser auch eine fachliche Kompetenz braucht: ärztlich-therapeutisch, pflegerisch und kaufmännisch."

Den Posten als Chefarzt übernimmt Wolfersdorfers langjähriger Stellvertreter Dr. Michael Schüler, bisher Leiter der Gerontopsychiatrie. Er wird auch die Aufgaben des Ärztlichen Direktors wie Medizin-Controlling, Qualitätsmanagement oder Personalentwicklung erfüllen müssen. Dr. Michael Purucker wird stellvertretender Chefarzt. 

 

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