GLADBECK. Augenzeugen glaubten, es werde ein „Tatort“ gedreht: Doch die Geiseln waren echt, die Pistolen in den Händen der Gangster geladen. 54 Stunden lang hielt das Gladbecker Geiseldrama vor 30 Jahren die Nation in Atem. Über die Medien waren Menschen weltweit hautnah dran. Es gab Live-Interviews mit den Entführern. Einige Journalisten stiegen zu den Kriminellen in den Wagen und mischten sich in den Verlauf der Geiselnahme ein. Danach entbrannte eine heftige Debatte darüber, wie nah die Medien bei einem Verbrechen herangehen dürfen.
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Live ausgestrahlte Fernseh- und Radiointerviews des Trios, an seiner Seite Geiseln in Todesangst, hatten die Nation am Verbrechen teilhaben lassen. Schon während der Geiselnahme entbrannte in Deutschland eine heftige Diskussion über Grenzen journalistischer Berichterstattungspflicht. Der Presserat legte später fest, dass es Interviews mit Tätern während des Geschehens nicht geben darf.
Der Polizei wurde vor allem vorgeworfen, die Geiselnahme nicht schon viel eher bei mehreren Gelegenheiten beendet zu haben. Die Polizeibehörden überarbeiteten grundlegend ihre Einsatztaktik.
Rudolf Esders kann sich gut an das Drama erinnern. Am Landgericht Essen führte er als Vorsitzender Richter den Strafprozess gegen die Geiselnehmer Rösner, Degowski und ihre Komplizin Marion Löblich. Der mittlerweile 78 Jahre alte Jurist erzählt von dem im August 1989 begonnenen Prozess, als wäre er erst kürzlich zu Ende gegangen und nicht schon im März 1991.
Etwa von dem Tod Emanuele de Giorgis, der sich im Bus schützend vor seine Schwester gestellt hatte. „Er war Degowski negativ aufgefallen, weil er nicht unterwürfig genug war.“ Degowski habe immer gesagt, das sei ein Versehen gewesen. Esders glaubte ihm nicht: Der Schuss wurde aus zehn Zentimetern Entfernung abgefeuert. „Wenn man eine Kanone in der Hand hat, spürt man Macht und will die ausleben. Macht verführt.“
Den Fernseh-Zweiteiler „Gladbeck“, der im März zum ersten Mal in der ARD lief, habe er sich natürlich angesehen. „Er hat mir gut gefallen. Ich habe sogar einige Dinge gesehen, von denen ich gar nichts wusste.“ Dass es etwa in Bremen eine Gelegenheit gegeben haben soll, „alle drei Täter auf einmal zu – wie die Polizei immer sagt – neutralisieren.“ Aber der Justizsenator habe das untersagt.
Auch der Tod des zweiten Opfers, Silke Bischoff, ist Esders präsent. Aus privaten Gründen fährt er häufiger mit dem Auto nach München – über die A3, an Bad Honnef vorbei, wo die Polizei dem Drama ein Ende bereitete. Denken Sie jedes Mal daran? „Ja, sicher denke ich jedes Mal daran. Ich weiß natürlich noch, wo die Stelle ist.“
Belastet hat ihn der Prozess nicht. „Ich führe das darauf zurück, dass ich die Dinge auf mich hab‘ zukommen lassen und nicht versucht habe, sie abzuwehren. Wenn Sie sich nicht darauf einlassen, ist das Verdrängung. Das schlägt dann irgendwann zurück. Sie haben dann schlechte Träume oder sonst irgendwelche Probleme. Man muss sich darauf einlassen. Man muss es mit allem Schmerz und aller Grausamkeit nachvollziehen.“
Degowskis lebenslange Haft wurde 2017 zur Bewährung ausgesetzt. Im Februar 2018 wurde er mit neuer Identität entlassen. Rösner, bei dem zusätzlich Sicherungsverwahrung angeordnet worden war, hat ebenfalls einen Antrag auf Entlassung gestellt. Löblich, zu neun Jahren Haft verurteilt, hat ihre Strafe längst abgesessen. Auch sie bekam eine neue Identität.