In einem schwarzen Tourbus der oberen Luxusklasse reist er durchs Land. Das Fahrzeug erinnert angesichts seiner Lackierung und der Größe ein bisschen an eines, in dem auch der Starwars-Bösewicht Darth Vader reisen könnte. Am Mittwoch stand für den Sinsheimer Hals-Nasen-Ohren-Arzt Bodo Schiffmann - er ist einer der bekanntesten Vertreter der "Querdenker"-Szene Deutschlands - Kulmbach auf dem Tour-Plan. Dort, auf dem Marktplatz, warteten am Abend gut 200 "Querdenker" auf Schiffmann. Sie begrüßten ihn wie einen Rockstar: Johlen, Pfeifen, tosender Applaus kamen von den Gästen, die ihre Masken oft erst zögerlich aufsetzten, als Schiffmann selbst und sein Partner Wolfgang Greulich dazu aufforderten, aber gleichzeitig auch der Polizei unmissverständlich zu verstehen gaben, sich zurückzuhalten. "Das führt sonst zu unschönen Bildern, und es bringt uns nur noch mehr Abonnenten."

Auf dem Kulmbacher Marktplatz hatten sich Menschen unterschiedlichster Altersgruppen versammelt. So ziemlich alle Verschwörungstheorien, die es nur gibt, machten die Runde. "WTC7" war ein Schlagwort, das offenbar die meisten der Teilnehmer dieser Demonstration kannten. Das Gebäude World Trade Center 7 war mit den Zwillingstürmen eingestürzt, als Terroristen Flugzeuge in die Wolkenkratzer steuerten. Doch nicht die Terroristen seien die wahren Täter, erläuterten gleich mehrere Menschen in Kulmbach. Es wisse jeder, der das auch wissen wollte, dass in Wahrheit die US-Regierung selbst hinter dem Anschlag stecke. Und wo man schon bei Amerika sei: Donald Trump habe recht, sich gegen den Wahlausgang zu wehren. Alles Betrug. Die Mondlandung? Hat gar nicht stattgefunden. Alles "Fake". Die Umstehenden nicken.

Und Corona? Gibt es auch nicht. Das sagen die Menschen, die sich auf dem Kulmbacher Marktplatz versammelt hatten. Das sagen auch Bodo Schiffmann und seine Partner, die mit ihm im Bus durch Deutschland touren. "Alle stecken sich an, und keiner wird krank", ruft Schiffmann den Menschen zu. Die johlen und klatschen und schwenken die mitgebrachten Kerzen. Sie jubeln, als Schiffmann davon spricht dass an Corona niemand sterbe und als "Beweis" anführt, dass er bei einem Gang durch die Stadt ja nicht über Leichen steigen müsse.

Aufmerksam lauschten auch die zahlreichen Polizisten, die aus ganz Oberfranken und mit Unterstützung der Bereitschaftspolizei zahlreich nach Kulmbach gekommen waren. Sie hatten Schiffmann und seine Begleiter besonders im Blick. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, Fotos zu machen, als die Beamten die Maskenpflicht kontrollierten. Dutzende folgten dem Aufruf.

Die Polizei ließ sich trotzdem nicht stoppen und kontrollierte. Das "Recht auf Selbstansteckung" das Wolfgang Greulich unter Beifall propagierte, ließ die Beamten unbeeindruckt. Sie kontrollierten die Einhaltung der Auflagen, die mit der Genehmigung dieser Demonstration in Kulmbach verbunden waren. Wer keine Maske trug und kein Attest vorweisen konnte, wurde zur Rede gestellt. 17 Maskenverstöße stellte die Polizei an diesem Abend fest. Alle werden angezeigt, sagt Polizeisprecherin Anne Höfer. Laut Vertretern des Landratsamts müssen die Betroffenen mit Ordnungsgeldern von 75 bis 150 Euro rechnen.

Doch das stört die Anhänger der "Querdenker" wenig. Sie reagieren fast stolz auf den "Strafzettel". Wer sich das Geld dann doch lieber sparen wollte, setzte sich eine Maske mit der Aufschrift "Diktatur" auf. Bodo Schiffmann und Wolfgang Greulich sagen in Kulmbach, es sei ihnen "scheißegal", was Gegner von ihnen denken. Sie beklagen sich, dass es "jeder Menschlichkeit" entbehre, wenn wie in Berlin die Polizei mit Wasserwerfern auf Demonstranten losgehe und kündigten an, das werde nicht mehr lange so gehen. "Wir werden jeden Tag mehr." Schon bald werde es täglich Autokorsos in den deutschen Städten geben. "Wir fahren mit viel Tamtam durch die Stadt. Vor Uniformierten haben wir keine Angst." Im Gegenteil: Jeder Polizist, der sich in den Augen der "Querdenker" falsch verhält, werde angezeigt. "Wir haben einen Anwalt im Boot, den besten Verfassungsrechtler Deutschlands", sagt Greulich. "So viel Bußgeld, wie wir zahlen können, können die gar nicht verlangen."

Irgendwann wird es einem Zaungast, der nicht zur "Querdenker"-Szene gehört, zu bunt. "Es regt mich auf, was die da abziehen", sagt er. "In ganz Deutschland sind die Krankenhausbetten voll und dann kommen solche Leute und propagieren solchen Mist. Das ist doch nicht mehr normal." Der Aufforderung Schiffmanns, in den Kreis am Marktplatz zu kommen, folgt der Mann nicht. Er bleibt am Rand. "Ich wüsste nicht, ob ich mich zurückhalten könnte", sagt er. Begreifen kann er trotzdem nicht, was da gerade geschieht. "Hinter so einem Blödsinn stehen so viele Menschen. Wo leben die denn?", fragt er sich und kann nicht verstehen, wie die Bilder von sterbenden Menschen in Intensivstationen so ignoriert werden können. "Man kann doch nicht so blind sein!" Nach gut einer Stunde fuhr der Bus der "Querdenker" wieder ab. Die Demo in Kulmbach ging mit der Nationalhymne friedlich zu Ende. Das war bislang nicht überall so.