Demenzwoche beginnt Grüne Sportschuhe als Retter in der Not

Der Spiegeltest: Wie schwer alltägliche Verrichtungen für Alzheimer Patienten sein können, verdeutlicht der Versuch, zu essen, während man nur in den Spiegel blickt. So ähnlich fühlen sich Demenzkranke, erklärt Karin Orbes. Foto: Gabi Schnetter/Gabi Schnetter

Am 19. September beginnt die bayerische Demenzwoche. Auch in Bayreuth gibt es eine Vielzahl von Aktionen, mit denen auf diese Krankheit, die das Denken, das Erinnerungsvermögen und die Orientierung eintrübt, aufmerksam gemacht wird.

Alzheimer Patienten brauchen Geduld. Viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Nur dann lässt sich verhindern, was Karin Orbes, die Vorsitzende der Alzheimer Gesellschaft Bayreuth-Kulmbach bereits mehrfach erlebt und auch einige Male verhindert hat: die Einweisung dementer Patienten ins Krankenhaus und ihre Ruhigstellung mit Medikamenten. Im Rahmen der bayerischen Demenzwoche vom 19. Bis 25. September will sie aufklären, und mit verschiedenen Aktionen verdeutlichen, wie und wo man helfen kann.

Fachpersonal schulen

„Man muss da einfach viel üben, und es gehört auch eine Portion Menschenkenntnis und Fantasie dazu“, erklärt Karin Orbes, die immer wieder auch Fachpersonal schult, „denn in deren Ausbildung spielt Demenz nur eine untergeordnete Rolle.“ Orbes betont: „Menschen mit Demenz können nicht mehr loslassen, sie steigern sich in Situationen hinein. Dann kommt es zu Behauptungen, wie: alle wollen mich vergiften oder wollen mich einsperren.“

Oft kann man anders helfen

Die Fachfrau weiß aber auch, dass man sehr oft anders helfen kann, bevor es dazu kommt, was Orbes für ihre Schützlinge fürchtet: „Jeder Arzt verschreibt in solchen Fällen Medikamente, die ruhigstellen.“ Dieses Sedieren habe den großen Nachteil, dass es nur schwer möglich sei, sich aus dem Medikamenten-Cocktail wieder herauszuschleichen. Stefan Keßler, der mit seinem Projekt Pegasos und dem Rikscha-Netzwerk eng mit ihr zusammen und an der Mobilität der alten Menschen arbeitet, spricht in solchen Fällen von staatlicher Willkür, vom Abschieben der Menschen an manchmal übergriffige Betreuer oder in Heime.

Nächtliche Notrufe

Karin Orbes erzählt aus ihrem Alltag. Oft werde sie von Altenheimen angerufen, die sich in ihrer Not an sie wenden. Manchmal auch mitten in der Nacht. Orbes weiß um den Pflegenotstand und den Personalmangel. Deshalb sagt sie auch: „Das sind die guten Heime, die bei mir anrufen“. Und oft kann sie helfen.

Wutausbrüche nach Veränderungen

So beispielsweise bei einem alten Herrn, der nach einem kleinen Ausflug im Rollstuhl nach draußen partout nicht in sein Zimmer zurückgebracht werden wollte. Im Heim liefen kleine Umbaumaßnahmen, und deshalb konnte er nicht auf dem gewohnten Weg zurückgebracht werden. „Veränderungen in ihrem Alltagsablauf sind für Demenzkranke furchtbar. Dann finden sie sich nicht mehr zurecht und das kann dann auch zu Wutausbrüchen führen.“ Karin Orbes besuchte den alten Herrn und die ratlosen Helfer, die dringend handeln mussten, denn im Flur konnte der Senior nicht bleiben, er verstellte die Fluchttüre.

Die grünen Sportschuhe

Karin Orbes versuchte zunächst, ihm Appetit zu machen, weil er auch gesagt hatte, er habe Hunger. Das Angebot, dass es doch schön sei, wenn man zusammen essen könnte, schlug er allerdings aus. Erst als sie ihn auf seine Sportschuhe mit den grünen Streifen ansprach, reagierte der Demenzkranke. Orbes fragte ihn, ober er einmal Sportler gewesen sei und er bejahte. Er habe Fußball gespielt. Auf die letzte Begegnung der Spielvereinigung angesprochen leuchteten die Augen auf und Orbes fragte ihn, ob er nicht Fotos aus früheren Zeiten habe, die er ihr zeigen könne. Und schon durfte sie ihn – auf dem neuen Weg – ins Zimmer zurückbringen. 20 Minuten habe das gedauert, sagt Orbes, die dem Personal keinen Vorwurf macht. „Man muss ein Konzept entwickeln. Die neue Ausbildung der Krankenschwestern und Pfleger ist da eher kontraproduktiv. Es wird wenig Ahnung vom Krankheitsbild vermittelt,“ klagt sie.

Behördenapparat kam in Gang

Und dann war da noch die Geschichte der dementen 100-Jährigen, die seit einem Schlaganfall vor 20 Jahren von der Tochter gepflegt wurde. Das war auch ihr Wunsch gewesen. „Ohne jegliche finanzielle Unterstützung,“ sagt Keßler. „Viele Leute wissen gar nicht, was ihnen an staatlicher Hilfe zusteht, das erfährt man oft bei Hausbesuchen.“ Die alte Frau war nachts gestürzt, konnte sich alleine nicht mehr aufrichten und rief nach Hilfe. Die Tochter schlief fest, und so holten Nachbarn die Polizei. Damit kam der Behördenapparat in Gang. Die Greisin kam ins Bezirkskrankenhaus und Betreuung wurde beantragt.

Langwieriger Einspruch

Auf der Suche nach einem Anwalt stieß die Tochter im Telefonbuch auf die Alzheimer Gesellschaft und sie wandte sich an Karin Orbes, die wiederum Einspruch erhob gegen dieses Vorgehen. Einem mühseligen Prozess, der viele Aktenordner füllte, folgte der Richterspruch, der im Haus der 100-jährigen Frau verkündet wurde: Sowohl Heimunterbringung als auch unter Betreuung stellen wurden für unnötig erachtet. Karin Orbes: „Wir haben dann gemeinsam den 100. Geburtstag bei ihr Zuhause gefeiert und sie hat noch ein Jahr gelebt. So, wie sie es sich gewünscht hatte: in ihrem Haus.“ Stefan Keßler: „Das war der bisher größte Erfolg der Alzheimer Gesellschaft. Das Urteil hat mir meinen Glauben an den Staat wiedergegeben.“

Programm zur bayerischen Demenzwoche:

Montag, 19. September, 10 bis 16.30 Uhr

Demenzparcours im BRK-Ruhesitz Bayreuth. Gezeigt wird, wie es sich anfühlt, wenn alltägliche Dinge nicht mehr gelingen.

Donnerstag, 22. September, 10 bis 17 Uhr

Infotisch und Rikscha-Präsentation im Landratsamt Bayreuth. Aufzeigender Einsatzmöglichkeiten und Tipps zur Unterstützung

Freitag, 23. September, 9 bis 16 Uhr

Angehörigenberatung im BRK-Altstadtpark (um Anmeldung wird gebeten)

19 bis 20.30 Uhr Filmvorführung „The father“ in der BRK-FAchschule für Pflege,

Samstag, 24. September, 10 bis 17 Uhr

Fest zum Welt-Alzheimertag und zum 15-jährigen Bestehen des Vereins im Kaffee Klatsch am Menzelplatz mit Gottesdienst, Gesprächen, Vorführungen und Rikscha-Fahrten.

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