Demenz Wie eine Station Leben verändert

Menschen mit Demenz brauchen eine besonders intensive Betreuung. In Kulmbach gibt es eine Station, in der sie diese bekommen. Die Arbeit dort ist oft nervenaufreibend – und gleichzeitig ungemein bereichernd, erzählen Beschäftigte.

Gedächtnistraining ist für Menschen mit einer Demenz ungemein wichtig. Foto: dpa/Sven Hoppe

Sie ist die einzige ihrer Art im Landkreis Kulmbach: Station E – die beschützende Station in der Karl-Herold-Seniorenwohnanlage in Kulmbach. Vor mehr als 40 Jahren wurde die gerontopsychiatrische Abteilung mit 18 Pflegebetten eröffnet. Heute leben hier Menschen, die besondere Zuwendung, Pflege und Betreuung benötigen und diese auch erhalten.

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Doch was ist das überhaupt, eine beschützende Einrichtung? Der größte Unterschied zu einer „reinen“ gerontopsychiatrischen Abteilung ist die verschlossene Stationstür zum Schutz der Bewohner, die eine starke Weglauftendenz haben. Gleichzeitig ist die Tür für Besucher offen, sodass ihre Angehörigen sie jederzeit besuchen und Zeit mit ihnen verbringen können – mehr noch, der lebendige Austausch ist explizit erwünscht, heißt es vom Seniorenheim.

Herausforderung Alltag

Auf Station E leben Menschen, für die einfachste Angelegenheiten zu Herausforderungen werden. Menschen, die sich in ihrer Umgebung nicht mehr alleine zurechtfinden, die in ihrer Persönlichkeit und Gefühlswelt verändert und nicht mehr orientiert sind. Für diese besondere Form der Unterbringung ist ein Beschluss des Gerichts notwendig. Pflegefachkraft Susanne Angermann und Pflegehilfskraft Petra Paesler arbeiten seit fast 40 Jahren in der Einrichtung. Sie haben gemeinsam auf Station E ihr erstes Praktikum absolviert, ihre Ausbildung begonnen und diese auch erfolgreich abgeschlossen. „Es ist das, was ich machen will, und ich gehe hier auch nicht mehr weg“, betont Susanne Angermann. „Es gefällt mir hier. Die Frage nach dem ‚Warum?‘ ist schwer zu beantworten, ich mache das einfach von Herzen gerne.“

Die Arbeit auf der beschützenden Station ist intensiver in der Beziehung mit den dort lebenden Menschen, sie ist individueller, und die Mitarbeiter werden eher mental als körperlich belastet. „Die Bewohner kommen zu uns, sie umarmen uns, sind froh, wenn wir da sind. Sie sind ja immer um uns herum und nicht, wie auf anderen Stationen, die meiste Zeit in ihren Zimmern. Man weiß alles über die Bewohner, und sie sehen uns als Bezugspersonen“, erklärt Petra Paesler. Die Kommunikation mit den Bewohnern erfordere spezielle Kenntnisse.

Man könne sich dabei nicht auf sachliche Argumente stützen. Vielmehr bedürfe es einer Haltung, die das Gegenüber in seiner Erlebnis- und Gefühlswelt wertschätzt. Zudem wollen die Bewohner häufiger einen Ansprechpartner in der Nähe haben. Auch die interdisziplinäre Arbeit der verschiedenen Fachbereiche Pflege, Betreuung, Hauswirtschaft oder Haustechnik sei hier intensiver. Es sei ein hohes Maß an Kreativität gefragt, um ständig neue Lösungen zu finden.

„Es gibt hier eine Dame, die ist immer sehr geschäftig und freut sich, wenn ich ihr manchmal einen Lappen gebe und sage, dass sie mir beim Staubwischen helfen darf“, erzählt Yvonne Gräf, die seit fünf Jahren als Reinigungskraft auf der Station arbeitet. Sie bekomme sofort gute Laune, wenn sie die Station betritt. „So vergesslich, wie die Bewohner die meiste Zeit auch sind, es ist trotzdem immer wieder schön zu sehen, wenn sie dich erkennen, winken und sich einfach freuen, dass man da ist“, meint Gräf.

Struktur gibt Halt

Der Tagesablauf auf Station E sei gut durchstrukturiert und gleichzeitig an die Bewohner angepasst. „Es kann immer vorkommen, dass sich eine Bewohnerin nicht anziehen oder waschen möchte und aggressiv wird – verbal oder körperlich. Das kommt vor. Die Menschen brauchen eine feste Tagesstruktur. Wir bringen das Essen und kümmern uns darum, dass sie regelmäßig trinken, weil sie das sonst vergessen würden. Langweilig wird es hier nicht“, betont Angermann. Dass sich gut um die Bewohner auf Station E gekümmert wird, zeigen nicht nur die vielen Dankeskarten am Zimmer der Pflegekräfte. „Ich bin vom Engagement sehr begeistert und schätze den Einsatz der Mitarbeiter. Ich weiß, dass sie auch manchmal überlastet sind, und dennoch haben sie immer eine nette Geste, ein Streicheln der Hand oder ein Lächeln übrig. Ich denke, dass das manche Menschen vermutlich nicht verstehen können, die keinen Einblick in die Arbeit auf dieser Station haben. Ich habe meinen Mann lange zu Hause versorgt, dann hat er einen Platz auf der beschützenden Station bekommen – das war für mich die Rettung. Ich weiß, er ist hier gut aufgehoben, und er wird gut versorgt. Ich komme so oft es geht, und ich freue mich, wenn ich mit einem Lächeln begrüßt werde“, formuliert es eine Angehörige.

Alexandra Michel ist seit April 2023 Einrichtungsleiterin in der AWO Karl-Herold-Seniorenwohnanlage. Sie ist stolz auf diese besondere Station, die im Landkreis Kulmbach ein Alleinstellungsmerkmal besitzt: „Ich finde es gut, dass die Seniorenwohnanlage eine beschützende Station hat. Hier gibt es einen Ort, an dem die Menschen so sein können, wie sie sind und gut versorgt werden. Hier werden Angehörige entlastet, und die Bewohner erfahren keine Ablehnung wegen ihrer Eigenheiten.“