Das Ukraine-Tagebuch „Um Mitternacht hat es hier richtig gekracht“

Thomas Simmler mit seiner Tochter Sofia und deren Mutter Irina. Foto: /Privat

Die Russen greifen immer wieder Getreidefelder an und brennen sie ab. Für Thomas Simmler ist das nicht nur ein Problem der Ukraine, sondern für die ganze Welt.

Heut Nacht war um drei Uhr wieder Luftalarm in unserem Regierungsbezirk. Wir wissen aber noch nicht, was genau passiert ist, oder was die Russen da genau angegriffen haben. Vorgestern Nacht haben sie von der Südfront aus wieder 50 Hektar Getreidefeld mit Raketen beschossen und abgebrannt. Das finde ich grauenhaft.

Das ist für die Weltbevölkerung ein Riesenproblem und die UN müsste da eigentlich handeln. Klar, Deutschland hat genug Weizen, egal welcher Art. Aber Länder in Asien oder Afrika sind auf den Weizen aus andern Ländern wie der Ukraine angewiesen. Das ist ein globales Thema. Auf den Angriff auf die Felder hat die ukrainische Armee aber geantwortet. Um Mitternacht hat es hier richtig gekracht. Da haben die Ukrainer mit ihrer Artillerie in Richtung Süden geschossen. Unsere Stadt wurde zum Glück noch nicht Ziel eines russischen Angriffs. Unsere Nachbarstadt Saporischschja aber wieder einmal. Da steht auch das größte Atomkraftwerk Europas. Da habe ich dann in den Deutschen Medien gelesen, „Zwischenfall im Atomkraftwerk“. Das stimmt so nicht.

Unsere Nachbarin hat eine Bekannte die dort lebt und von der weiß sie, das dort nichts passiert ist. Die Russen haben 15 Kilometer westlich vom Atomkraftwerk, am großen Stausee, ihre Artillerie stehen. Damit haben sie Nikopol beschoss. Darauf hat die Ukraine reagiert und die drei Artilleriegeschütze vernichtet. Das hat aber nichts mit dem Atomkraftwerk zu tun. Bei dem Angriff sind laut meiner Nachbarin neun russische Soldaten ums Leben gekommen. Einige kamen ins Krankenhaus und sind dann dort verstorben.

Es klingt vielleicht befremdlich: Aber an den ständigen Lärm der Geschosse und an die Sirenen haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Es bleibt uns auch nichts anderes übrig. Am Anfang sind wir alle immer gleich in den Keller gerannt um Schutz zu suchen. Das macht jetzt kein Mensch mehr hier. Wir bleiben in den Wohnungen und leben ganz normal weiter. Es gibt keine andere Variante. Ansonsten geht es uns gerade gut. Wir haben genug zum Essen und zum Trinken. Auch wenn die Preise für Lebensmittel in der Ukraine auch stark gestiegen sind.

Hans-Thomas Simmler aus Mainleus hält sich seit vielen Wochen bei seiner neunjährigen Tochter Sofia und deren Mutter Irina in der Südost-Ukraine auf. Russische Truppen sind in Sichtweite stationiert.

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