Himmelkron/Mainz - Die AHA-Regel – Abstand halten, Hygiene und Alltagsmaske tragen (künftig FFP2-Maske in Geschäften) – galt bisher als die Zauberformel im Kampf gegen die Corona-Ausbreitung. Ein anderer wichtiger Punkt wird dabei übersehen: Das richtige Lüften in Räumen im Winter kann das Risiko der Ansteckung nach Experteneinschätzung um rund 50 Prozent senken.

Die Zahlen sind schlimm

Wolfgang Hatzold ist Allgemeinmediziner und Internist in einer Gemeinschaftspraxis in Himmelkron. Er behandelt nicht nur Patienten in seiner Praxis, sondern geht auch zu ihnen in Altenheime und besucht sie zuhause, wenn er im mobilen Notdienst unterwegs ist. Dass der Landkreis Kulmbach mit den tödlichen Ausbrüchen in drei Pflegeheimen, darunter eines in Wirsberg, einen der höchsten Inzidenzwerte in Bayern hat, bekommt Hatzold jeden Tag bei seiner Arbeit zu spüren. „Seit zwei, drei Wochen habe ich praktisch täglich mit Corona-Patienten zu tun“, sagt er dem Kurier. „Die Zahlen sind schlimm und wir sind bei der Bekämpfung der Pandemie bisher nicht wirklich erfolgreich. Das treibt mich um.“

Ein wesentlicher Faktor

Was seiner Meinung nach bisher zu wenig beherzigt wird, ist das Thema Luftaustausch in Räumen mit mehreren Personen. Im Sommer sei das weniger ein Problem, im Winter, wenn Menschen sich fast ausschließlich in geschlossenen Räumen aufhalten, schon. „Durchlüftung ist ein wesentlicher Faktor, um die Infektionsgefahr zu verringern“, sagt der Arzt.

Risiko sinkt um 50 Prozent

Experten haben vor allem im Zusammenhang mit der Debatte um Präsenzunterricht in Schulen längst darauf hingewiesen, wie wichtig Luftaustausch zur Senkung des Infektionsrisikos ist. In einer im November veröffentlichten Studie haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz und des Cyprus-Instituts ausgerechnet, wie wahrscheinlich es ist, sich in einem geschlossenen Raum über Aerosole mit dem Sars-Cov2-Virus anzustecken. Sie gehen davon aus, dass die Viren mit Hilfe winziger Schwebeteilchen – der Aerosole – übertragen werden, die durch Sprechen, Atmen, Niesen oder Husten in die Luft gelangen. Weil die Teilchen so klein und leicht sind, fallen sie nicht gleich zu Boden, sondern bleiben längere Zeit in der Luft und verteilen sich im Raum.

Individuell berechnen

Die Wissenschaftler unter Leitung von Prof. Jos Lelieveld entwickelten einen Rechenalgorithmus, um die Ansteckungswahrscheinlichkeit in geschlossenen Räumen wie Klassenzimmer, großen Büros oder Werkshallen individuell berechnen zu können. „Unsere Berechnungen zeigen, dass man das Infektionsrisiko durch regelmäßiges Stoßlüften etwa um die Hälfte, durch zusätzliches Maskentragen sogar um einen Faktor fünf bis zehn senken kann“, wird Atmosphärenforscher Lelieveld in einer Mitteilung zitiert.

Wissen kaum verbreitet

Allgemeinmediziner Hatzold ist froh, dass in seiner Praxis schon vor Corona eine Entlüftungsanlage in einem Untersuchungsraum eingebaut wurde. Das Wissen, dass man das Infektionsrisiko durch Lüften stark senken kann, ist nach seinem Eindruck in der Bevölkerung aber kaum verbreitet. In Pflegeheimen habe er erlebt, dass mehrere Mitarbeiter mit ihren Laptops lange Zeit in kleinen Besprechungszimmern zusammensitzen, ohne dass gelüftet werde. In Betrieben könnte das auch so sein.

Tipps vom Hausarzt

Hatzold hat mehrere Tipps parat, wie das Infektionsrisiko durch besseren Luftaustausch in der Arbeit oder auch privat gesenkt werden könnte:

– Besprechungen möglichst Online organisieren und durchführen; wenn direkte Zusammenkünfte unvermeidlich sind, von vornherein ein Zeitlimit setzen.

– Fenster und Türen des Besprechungsraums öffnen und sich mit Mantel und Mütze warm halten.

– Statt Besuche zu machen lieber gemeinsame Spaziergänge an frischer Luft vereinbaren.

– Besprechungen vom gemeinsamen Konferenztisch im Konferenzraum ins Freie verlegen, an Stehtischen Kaffee aus der Thermoskanne bereitstellen.

– Bei Gottesdiensten Türen öffnen.

– Zusätzlich Lüftungstechnik einsetzen.

– Wenn schon mehrere Personen im Auto sitzen müssen: Lüftung voll aufdrehen.

Der Risikokalkulator des Max-Planck-Instituts ist zu finden unter: https://www.mpic.de/4747361/risk-calculator