Bayern will mit einer eigenen Corona-Studie die tatsächliche Verbreitung des Virus in der Bevölkerung erforschen. Das kündigte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf einer Pressekonferenz in München an. Ziel der zunächst auf 3000 Haushalte in München begrenzten Untersuchung ist es, die bisherige Dunkelziffer an Corona-Infizierten zu kennen. Nach Schätzungen von Wissenschaftlern werden bis zu zehn Prozent der Infektionen nicht erkannt, weil die Betroffenen keine Symptome der Krankheit zeigen. Geklärt werden soll mit der Studie auch, wie hoch der Bevölkerungsanteil ist, der bereits Antikörper gegen das Virus gebildet hat und damit sehr wahrscheinlich immun ist.

In einem weiteren Schritt soll eine Studie im Landkreis Tirschenreuth folgen, wo es nach wie vor - bezogen auf die Bevölkerungszahl - die bayernweit meisten Corona-Fälle gibt. "Ich bin mir sicher, dass wir für Tirschenreuth etwas Ähnliches starten und die dort gewonnenen Daten in die Auswertung mit einbeziehen", erklärte Söder. Nach seinen Worten gibt es auf ganz Bayern bezogen bei den Neuinfektionen einen "positiven Trend", die Ansteckungskurve flache sich leicht ab. "Die Maßnahmen, die wir getroffen haben, beginnen zu wirken", sagte Söder. Sie müssten aber weiter "konsequent umgesetzt" werden, es gebe noch keinen Grund zur Entwarnung. Die Entwicklung zeige aber: "Durchhalten lohnt sich!"

Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit stieg die Zahl der Corona-Infektionen bis Freitag 10 Uhr um 1809 auf 20 962, die der Todesfälle um 50 auf 327. Die Zuwachsrate der Infektionen blieb damit erneut unter zehn Prozent. Stand Freitag verdoppelte sich die Zahl der Fälle in Bayern laut Söder noch alle gut sechs Tage. Das ist zwar weiter schneller als im Bundesvergleich (10,1 Tage), aber deutlich langsamer als vor den Schulschließungen vor drei Wochen (2,5 Tage) und vor den Ausgangsbeschränkungen (3,8 Tage). "Ohne die getroffenen Maßnahmen hätte sich die Lage dramatisch entwickelt, sie wäre vielleicht sogar eskaliert", sagte Söder. Von den in Bayern als infiziert gemeldeten Personen gelten inzwischen 3690 als geheilt.

Neben der akuten Krisenbewältigung gehe es nun auch darum, "Corona langfristig in den Griff zu bekommen", erläuterte Söder. Deshalb starte man die Studie in München, mit der man die gesamten medizinischen und wissenschaftlichen Kompetenzen Bayerns auf diesem Gebiet bündele. Insgesamt sollen an der Studie 50 Wissenschaftler und 70 Studenten arbeiten. Erste Ergebnisse sollen nach dem Start am Sonntag schon "in wenigen Tagen" vorliegen. Die Studie sei aber auf ein Jahr ausgelegt. Daneben berief Söder einen wissenschaftlichen Rat aus Virologen, Epidemiologen und Experten aus der Praxis, der Staatsregierung und Behörden bei der weiteren Bewältigung der Corona-Krise beraten soll.

Wie der Münchner Infektions- und Tropenmediziner Professor Michael Hoelscher erklärte, soll die Stichprobenuntersuchung in München Aufschluss über die Dynamik des Infektionsgeschehens in einer Region geben, in der sich viele Personen unabhängig voneinander angesteckt haben. Dies sei anders als im Landkreis Tirschenreuth, wo eine Veranstaltung als Quelle aller Infektionen gelte. Man müsse aus den verschiedenen Infektionsgeschehen für die Zukunft lernen, betonte Hoelscher. Deshalb sei es wichtig, auch die Erkenntnisse aus Hotspots wie dem Kreis Tirschenreuth einzubeziehen. Die Direktorin des Instituts für Virologie an der TU München, die Professorin Ukrike Protzer, ergänzte, man werde die Erfahrungen einer Studie aus dem Hotspot im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen auswerten, um diese für das weitere Vorgehen im Landkreis Tirschenreuth zu nutzen. Nach Einschätzung Portzers hätte es in Deutschland ohne Schul- und Kita-Schließungen sowie die Ausgangsbeschränkungen wegen des dann überlasteten Gesundheitssystems bis zu einer Million Corona-Tote geben können. Nun bestehe die Chance, "dass wir diese Zahl deutlichst unter 100 000 senken können", sagte sie. Man müsse die Epidemie unter Kontrolle bringen, da sonst auch viele Menschen mit anderen Erkrankungen wie Krebs oder Herzinfarkt wegen fehlender medizinischer Kapazitäten sterben würden.