Chef-Ermittler im Fall Peggy sagt aus – Bei Ulvi Kulac gab er die Weisung aus: keine „harten Vernehmungen“ Der Mann ohne Zweifel

Der als Zeuge geladene damalige Chef-Ermittler Wolfgang Geier kommt ins Landgericht Bayreuth. Foto: dpa Foto: red

Es war der erfolgreiche, aber glücklose Ermittler. Er war bekannt, aber in Lichtenberg nicht gern gesehen. Bis heute schimpfen dort viele auf Wolfgang Geier (59), den Leiter der Sonderkommission II im Fall Peggy. Der Ermittler, der den Mörder des neunjährigen Mädchens fasste. Der dafür sorgte, dass Ulvi Kulac lebenslänglich hinter Gitter kam. Der mit seinen Ermittlungen aber auch dafür sorgte, dass dieses Urteil in den Grundfesten wankt. Denn die Zweifel, dass Geier den richtigen Täter gefasst hat, sind groß. Aber nicht für ihn. Er verteidigt seine Arbeit.

Geier, 59 Jahre alt, jetzt Chef der Kripo in Würzburg – jeder Zoll von ihm ist Ermittler. Seine Aussagen kommen flüssig, fast schneidig. Als ob er Widerspruch nicht dulde. Trotzdem muss er Widerspruch dulden, die Fragen der Richter und die bohrenden Fragen von Michael Euler (33), dem Anwalt von Ulvi Kulac.

Der große Skandal in seinen Ermittlungen – er war am Freitag im zweiten Prozesstag im Wiederaufnahmeverfahren nicht nachzuweisen. Was Richter, Staatsanwälte und Verteidiger durch den sogenannten Aktenvorhalt ans Tageslicht bringen, sind vermeintliche Widersprüche bei Vernehmungen oder vermeintliche Versäumnisse. Aber verbotene Verhörmethoden auf dem Weg zum Geständnis? „Unter mir nicht“, sagte Geier.

Widersprüche? Ulvi war mal mit, mal ohne Topf mit Hasenbraten im Ort unterwegs; eine Zeugin erinnert sich erst ein Jahr nach Peggys Verschwinden daran, Ulvi im Ort gesehen zu haben. Geier: „Warum sollte die Zeugin lügen?“ Und überhaupt seien in Lichtenberg an jenem Montag mehr Leute unterwegs gewesen, als vermutet.

Versäumnisse? Peggy flieht vor ihrem mutmaßlichen Mörder und trägt weiter tapfer den schweren Ranzen in der Hand? „Ja.“ Der schwer übergewichtige und viel rauchende Ulvi rennt einen langen Weg einer schlanken Neunjährigen hinterher? „Am Tattag war er 40 Kilo leichter.“ Wie lang war der Weg überhaupt? Es gibt ein Wegstreckenprotokoll. Viele Fragen, die Zweifel an Geiers Arbeit nähren sollen, an seinem Erfolg. Zweifel daran, dass Ulvi zu Recht verurteilt wurde. Doch unterm Strich bleibt Geier bei seinen Ermittlungen.

An die Arbeit ging er mit der Soko II am 25. Februar 2002. „Ganz still“, wie Geier sagt. Die Abarbeitung von „Kernspuren“ und der offenen Spuren war ihr Auftrag. Und der kam von oben, aus dem Bayerischen Innenministerium, vom damaligen Innenminister Günter Beckstein (CSU). „Mir ist es drum gegangen, in einem Fall, der menschlich anrührend ist, dass man das mit allen Regeln der Kunst behandelt“, sagte Beckstein dieser Zeitung. Die Polizisten hätten das „nicht gemocht“, aber es sei sein Grundsatz gewesen, dass „da noch mal eine andere Gruppe draufschaut“.

„Die Soko II ist eingesetzt worden, nicht um den Ulvi zu überführen“, sagte Geier vor Gericht. Sondern, weil ein Jahr nach Peggys Verschwinden noch kein Ergebnis da gewesen sei. Und das nach 4149 Spuren. Aber die alle abzuarbeiten, sei „unmöglich“ gewesen für die sieben Ermittler der Soko II. Und dass ein Jahr verstrichen war, brachte zusätzliche Probleme. Die Zeugen erinnerten sich nicht mehr – oder wollten sich nicht mehr erinnern. Trotzdem habe es sehr viele „nachvollziehbare und klare Aussagen“ gegeben, sagte Geier. Allerdings habe es in Lichtenberg „Probleme mit den Anwohnern“ gegeben. Schon der Auftakt der Soko II steht unter einem schlechten Vorzeichen. Geiers Fazit:. „Unsere Ermittlungen wurden abgelehnt.“

Nach Durchsicht der Akten, die ihm die Beamten der Soko I hinterlassen hatte, macht Geier 13 Verdächtige aus. Bei allen habe er versucht, „bis ins kleinste“ nachzuforschen. Bei allen habe er ein „tragfähiges“ Motiv gesucht. Und bei allen habe er die Alibis überprüft. Übrig blieb: Der deutsch-türkische Gastwirtsohn Ulvi Kulac, damals 24 Jahre alt, übergewichtig, geistig minderbemittelt, untergebracht in der geschlossenen Abteilung des Bezirkskrankenhauses Bayreuth nach sexuellen Missbrauch an Kindern. Ein Mann, der mit Druck und Tricks leicht zu einem Geständnis zu bringen gewesen war. Diesen Vorwurf von Ulvis Anwalt Euler wies Geier weit von sich.

Im Gegenteil. Es sei keine „harte Vernehmung“ vorgesehen gewesen, sagt Geier. „Ein lautes Wort, ein Schimpfwort an Ulvi, dann senkt er den Kopf und sagt gar nichts mehr.“ Die Ermittler wählten die sanfte Tour. „Der Einzige, der schrie, war der Anwalt“, sagte Geier und meinte Ulvis damaligen Anwalt Wolfgang Schwemmer.

Schwemmer war gar nicht mehr da, als Ulvi urplötzlich gestand. Geier selbst hatte Schwemmer nach draußen begleitet. Als Geier zurückkam, sitzen im Nebenraum des Vernehmungszimmers zwei Beamte der Soko II. Drinnen stecken ein Polizist aus Lichtenberg und Ulvi „die Köpfe zusammen“. Sofort rennt Geier dem Anwalt hinterher, der aber schon weg war. Er versucht oft, ihn anzurufen. In der Zwischenzeit schrieb der Soko II-Beamte Rainer Gröger (51) das Geständnis des Ulvi mit. Gröger bestätigte das in seiner Aussage. Ein Tonbandgerät sei längst abgebaut gewesen, deswegen habe er „mitskizziert“.

Auf dieses „Spontangeständnis“, sagt Geier, „waren wir nicht vorbereitet.“ Auf die Frage, ob es außer dem Geständnis von Ulvi weitere Sachbeweise dafür gibt, dass Ulvi der Mörder sei, antwortet Geier: „Nein.“

Genau das stand 2003 schon fest.

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