Cannes Filmfestival von MeToo geprägt

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Eva Green ist in diesem Jahr Teil der Jury in Cannes. Foto: IMAGO/Xinhua//Gao Jing

In dem Verfahren gegen Roman Polanski ging es nur indirekt um sexuelle Gewalt - aber dies ist das Thema, das sieben Jahre nach Beginn der MeToo-Welle mehr denn je die Filmwelt in Cannes beschäftigt. 

 
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Es ist reiner Zufall, dass das Filmfestival von Cannes am selben Tag beginnt, an dem Filmemacher Roman Polanski von einem französischen Gericht freigesprochen wurde. In dem Verfahren gegen Polanski ging es nur indirekt um sexuelle Gewalt - aber dies ist das Thema, das sieben Jahre nach Beginn von MeToo mehr denn je die Filmwelt in Cannes beschäftigt. 

Wer am ersten Tag von Cannes am Dienstag eine der französischen Tageszeitungen aufschlug, dem sprang das Thema ins Gesicht: „Le Monde“ veröffentlichte einen Appell von mehr als hundert Prominenten und Betroffenen unter dem Motto „Jetzt erst recht“, begleitet von Porträts aller Unterzeichnenden. „Libération“ wiederum verglich den roten Teppich von Cannes mit einem Teppich glühender Kohlen. 

Festivalchef Thierry Frémaux gab sich bemüht optimistisch. „Wir haben beschlossen, dass es ein Festival ohne Polemik wird“, sagte Frémaux - als läge dies in seiner Macht. Festivalpräsidentin Iris Knobloch wollte sich nicht darauf festlegen, ob Filmschaffenden, gegen die wegen sexueller Gewalt ermittelt wird, der Gang über den roten Teppich versagt bleibe. Das werde „im Einzelfall“ entschieden, sagte sie der Zeitschrift „Paris Match“.

In den vergangenen Tagen verbreiteten sich Gerüchte in Onlinediensten über die Existenz einer Liste mit mutmaßlichen Tätern aus der Kinowelt. Mehrere Medien und Prominente dementierten, eine solche Liste zu haben. 

Allerdings veröffentlichte die Zeitschrift „Elle“ am Vorabend des Festivals Anschuldigungen sexueller Gewalt von neun anonym bleibenden Frauen gegen einen einflussreichen französischen Filmproduzenten. Alain Sarde, der in den vergangenen Jahren etwa 50 Filme im Wettbewerb von Cannes hatte, wies die Anschuldigungen zurück. 

Wohl auch, um den Vorwurf zu vermeiden, das Festival ignoriere das Thema, steht die Schauspielerin Judith Godrèche, die als Ikone der MeToo-Bewegung in Frankreich gilt, in Cannes auf dem Programm. Sie zeigt - in einer Nebenreihe - einen Kurzfilm über etwa tausend Betroffene. 

„Diese Menschen teilen alle dasselbe Gefühl der Scham“, sagt Godrèche, die selbst mit einer Klage gegen zwei bekannte Filmemacher Aufsehen erregt hatte. „Ein Grund, warum so viele Menschen es nicht schaffen, darüber zu reden, ist, dass sie Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren“, erklärt sie. Die Idee zu ihrem nur 17 Minuten dauernden Film sei ihr gekommen, als sie nach ihrer eigenen Klage etwa 6000 E-Mails mutmaßlicher Opfer erhielt. 

Tausend von ihnen lud sie ein, bei ihrem Film mitzumachen, der innerhalb eines einzigen Tages in Paris gedreht wurde. Unter ihnen sind junge Frauen, deren Erfahrung mit sexueller Gewalt noch frisch ist, aber auch Seniorinnen, die Jahrzehnte lang über eine leidvolle Erfahrung geschwiegen haben. 

In den vergangenen Jahren hatten sich mehr und mehr Frauen dazu durchgerungen, ihre Geschichte zu erzählen - teils anonym in Medien, teils unter Angabe ihrer Identität auf einer Polizeiwache, wo sie auf mehr oder weniger dafür sensibilisiertes Personal stießen. 

Nach Einschätzung einer französischen Frauenrechtsorganisation hat sich beim Kampf gegen sexuelle Gewalt seit 2017 jedoch nicht sehr viel getan. „Mit der wachsenden Zahl an Klagen steigt auch die Zahl der eingestellten Verfahren“, erklärt Anne-Cécile Mailfert, Vorsitzende der Fondation des Femmes. Es brauche politischen Willen, um die Straflosigkeit zu beenden. „Aber der ist zurzeit nicht erkennbar“, fügt sie hinzu.  

Laut den Unterzeichnenden des Appells in „Le Monde“ wurden 2022 noch 94 Prozent aller Verfahren wegen sexueller Gewalt eingestellt. Sie fordern daher eine Gesetzesreform, um die Straftat „Vergewaltigung“ besser zu definieren, den Schutz der Opfer zu verbessern und Ermittlungen zu erleichtern. Auch solle eine spezialisierte Polizeieinheit geschaffen werden. 

Der Freispruch von Polanski am Dienstag war erwartbar gewesen, es ging um den Vorwurf der Verleumdung. Die Schauspielerin Charlotte Lewis hatte sich während des Prozesses in Widersprüche verstrickt. Der nächste Prozess zu sexueller Gewalt in der Kinowelt dürfte deutlich mehr Aufmerksamkeit erregen: Im Oktober muss sich erstmals der französischer Schauspielstar Gérard Depardieu zu Vorwürfen dieser Art vor Gericht verantworten. 

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