Bürokratie und Sorgen Die Zukunft der Landwirtschaft

Schweinen sollen es mit dem neuen staatlichen Label laut Julia Klöckner besser gehen. Foto: Ralf Hirschberger, dpa

KULMBACH/TRIESDORF. Die Bauern jammern immer – ob über die Preise oder übers Wetter; sie stellen sich beim Artenschutz quer, mit ihrem Nein zu den Stromtrassen bremsen sie auch noch den Klimawandel: Vorurteile gibt es viele.

Dass die meisten nicht stimmen, merkt schnell, wer sich tatsächlich mit einem Landwirt unterhält. Es sind gerade junge Menschen, bei denen ein Umdenken stattfindet. Die den elterlichen Hof nach eigenen Vorstellungen weiterführen und die sich als engagierte und gut ausgebildete Landwirte mehr Gedanken um den Betrieb machen, als es das Zerrbild vom „Bäuerla auf’m Bulldog“ vermuten lässt. Denn sie alle müssen sich mit vielen Herausforderungen befassen: Glyphosat, Trockenheit, Verbraucher-Wille – die Liste ist lang.

Otto Körner und Friedrich Gronauer-Weddige sind als Chefs der Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf Experten auf diesem Gebiet. In Triesdorf, einem Bildungszentrum mit zehn Fachschulen und zwei Hochschul-Fakultäten, werden mehr als 3400 Schüler und Studenten unterrichtet und zu Landwirten ausgebildet.

Die Bauern im Land

„Die Landwirtschaft ist nicht schlechter geworden, sondern besser“, sagt Otto Körner. Das Tierwohl sei viel besser als vor Jahren. Allerdings: „Man hat das von Bauern-Seite viel zu wenig kommuniziert.“ So lebten die Menschen im Land in zwei verschiedenen Bilder-Welten: Die einen in jener der Werbung, die es allerdings nie gegeben habe. Die anderen in der landwirtschaftlichen Realität. Im Vergleich zu anderen Bundesländern sind die bayerischen Höfe klein: Milchhalter beispielsweise haben hier durchschnittlich 35 Kühe, in Schleswig-Holstein sind es 100. „In Bayern setzen die Bauern eher auf Veredelung oder suchen sich andere Standbeine wie Tourismus“, sagt Otto Körner.

Nitrat- und Glyphosat-Debatte

„Ja, es ist zu viel Glyphosat eingesetzt worden“, sagt Gronauer; die Diskussionen hätten bereits dazu geführt, dass das eingeschränkt worden sei. Und zwar dort und dann, wo es Alternativen gibt; entlang von Wegen beispielsweise. Allerdings sei der übermäßige Einsatz kaum auf den klein strukturierten fränkischen Höfen zu suchen gewesen, sondern eher auf großen Agrar-Betrieben. Es gesetzlich zu verbieten, wäre aber ein Fehler, betont Körner: „Damit kann es dort, wo es sinnvoll ist, auch nicht mehr eingesetzt werden.“ Mit der Gülle verhalte es sich ähnlich: „In Westfalen, bei den großen Schweinezuchtbetrieben, wissen sie nicht, wohin damit – dort sind die Nitratwerte extrem hoch“, erklärt er. Die Folge daraus war eine neue Düngemittelverordnung, unter der auch alle anderen ächzen.

Die Energie-Debatte

„70 Prozent der bayerischen Gülle werden nicht genutzt. In Biogasanlagen verwertet, könnte man damit ein ganzes Atomkraftwerk ersetzen“, erklärt Körner. 60 Prozent der bayerischen Bauern haben einen Nebenerwerb, knapp die Hälfte davon im Energie-Sektor. Aus Sicht der Landwirte könnten sie einen guten Teil zur Energieversorgung der Zukunft beitragen. Und das geschehe auch: Die Stall-Dächer sind voller Fotovoltaik-Anlagen, es wird investiert. Gebremst werde anderswo: Zum einen habe die Politik beschlossen, Bayern mit Wind-Strom zu versorgen. Und zum anderen wollte die Bevölkerung die Angebote der Bauern nicht: „Für die Biogasanlagen braucht man eben auch Mais. Und als die Leute die großen Mais-Kulturen gesehen haben, hat das die Entwicklung vollständig zum Erliegen gebracht.“ Kaum einer baue heute noch Biogasanlagen.

Der Artenschutz

„Wir sagen den Bauern, dass sie das neue Naturschutzgesetz als Chance sehen sollen“, betont Friedrich Gronauer. Und Otto Körner ergänzt: „Wir haben gerade eine Studie zum Thema Ausgleichsflächen begonnen.“ Er sei überzeugt davon, dass man schon mit verhältnismäßig kleinen Flächen eine große Wirkung erzielen könne – sofern sie sinnvoll angelegt seien. Im Übrigen tue man das durch die Kulturlandschaftsprogramme schon lange, nur habe man es bislang zu wenig bekannt gemacht. Den Landwirten müsse man klar machen, dass das nicht ohne Einbußen für sie funktionieren werde. Und der Bevölkerung dürfe man sagen, dass es nicht die Bauern allein richten müssen. Und beim Thema eigener Garten appellieren die zwei: „Wer seinen Garten im Zeichen der Biodiversität bedacht anlegt, gibt den Bauern symbolisch das Signal, dass man sich auch ums Thema bemüht.“ So müsse die Erkenntnis reifen: „Es gibt eine enge Verbindung zwischen der Kulturlandschaft, dem Versorger und dem Verbraucher.“ Da seien mehr Gespräche und weniger Lippenbekenntnisse nötig.

Mehr Bio

Bio ist gut, konventionelle Produkte sind schlecht: So denken viele. Nur nicht, wenn es an den eigenen Einkauf geht. „Momentan haben wir zehn Prozent Bio-Produktion in Bayern, und eine Nachfrage nach sechs bis sieben Prozent“, rechnet Gronauer vor. Der Freistaat will die Quote bekanntlich auf 30 Prozent anheben. Da fragt Gronauer schon, woher der Bedarf kommen soll. Er betont aber auch: „Momentan bestünden, zum Beispiel bei den Molkereien, gar keine Kapazitäten für mehr Bio-Produkte. Die Infrastruktur dafür wird daher wachsen.“ Otto Körner ergänzt: „Es wird in Zukunft einen Markt der Reichen geben und einen Markt der Armen.“ Bei den einen stünden weiter Fleisch und Bio-Avocados aus Übersee auf dem Einkaufszettel, die anderen würden von den großen Plantagen Brasiliens ernährt. Die weltweite Zunahme von Trockenperioden könne punktuelle Vorteile für heimische Erzeuger haben: „Wenn es in Spanien so teuer wird, Wasser für die Tomaten heranzuschaffen, dass sie ihren Preisvorteil verlieren, dann sind unsere Bauern wieder im Rennen“, betont Körner. Die Verbraucher müssten das aber auch im Einkaufsverhalten unterstützen.

Nische oder Größe

Direktvermarktung bedeutet ein Nischen-Dasein, regionale Vertriebswege gibt es nur wenige, somit sind die meisten Landwirte auf die Großabnehmer angewiesen. „Da zählt der Preis, auf Strukturen nimmt der Handel keine Rücksicht“, sagt Gronauer. Dem stehe oft genug Untätigkeit der Politik gegenüber. Eine Entscheidung über die Regularien der Ferkelkastration beispielsweise werde von Jahr zu Jahr verschoben. Das führe zu Debatten voller Emotionen und zu großen Unsicherheiten bei den Landwirten. „Damit sind viele wirklich überfrachtet“, betont Gronauer.

Dem stelle man eine vielschichtige, anspruchsvolle und breite Ausbildung gegenüber, wodurch sich die jungen Landwirte auf die Herausforderungen einlassen können. Es herrsche ein Geist des Aufbruchs und der Innovation, betont Friedrich Gronauer: „Unsere Klassen sind voll.“


Die Lehranstalten: Im Bildungszentrum im mittelfränkischen Triesdorf haben sich zehn Schulen und zwei Hochschul-Fakultäten zusammengeschlossen, um sich der Lehre der Landwirtschaft zu widmen. Ob in Technikerschule, Höherer Landbauschule oder Fach- und Berufsoberschule: Teilweise in Räumen der früheren Markgrafen-Residenz wird die Elite der zukünftigen Landwirtschaft ausgebildet. Dazu gehören auch die vielen nachgeordneten Wirtschaftszweige, von den Landtechnik-Ausstattern bis zu den Dienstleistern und dem Handel. Und die Branche boomt.
 

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