Bis 11% Wachstum Wie die Region Nordbayern an Chinas Expansion partizipiert

Chinas Wachstum bleibt kaum einem interessierten Zeitungsleser verborgen: Die neue Seidenstraße ist das Prestige-Objekt der asiatischen Expansion und soll in den kommenden Jahren dafür sorgen, dass Chinas wirtschaftliche Bestrebungen bis nach Afrika reichen. Das spüren auch die Firmen in Nordbayern, die immer häufiger mit chinesischen Unternehmen kooperieren - auch wenn die kulturellen Unterschiede größer nicht sein könnten.

Schon die alte Seidenstraße war an Ausdehnung und Wichtigkeit kaum zu überbieten. Über 6.400 Kilometer erstreckte sich das antike Handelsnetz vom Mittelmeer bis Ostasien. Die bedeutende Route versorgte entfernte Regionen mit Gewürzen und Handelsgütern, war jedoch auch für die Verbreitung der Pest eine Hauptader. 2.500 Jahre nachdem sich die Seidenstraße erstmals ausbreitete, versucht die chinesische Regierung eine neue Seidenstraße zu etablieren - ohne Plünderer und Wegezoll.

Das neue Handelsnetz ist die bedeutendste außenpolitische Errungenschaft in Chinas jüngerer Geschichte. 900 Milliarden Dollar lässt sich die kommunistische Regierung das Prestige-Objekt kosten - und expandiert mit Hochdruck in Länder, die nicht unbedingt mit China assoziiert werden. Der Einfluss Chinas reicht dabei weiter und tiefer, als es äußerlich den Anschein macht.

Offensichtlich ist, dass China Häfen in Pakistan und Myanmar ausbaut oder in Ostafrika eine Militärbasis errichtet. Interessant ist dabei, dass zwar alle Akquisitionen und Investitionen an neuralgischen Punkten zu sein scheinen, jedoch weiß auch Chinas eigene Regierung laut Journalisten-Berichten nicht exakt, welche Routen speziell für die neue Seidenstraße stehen sollen .

Wesentlich interessanter sind jedoch die Investitionen, die nur sekundär in die Infrastruktur investiert werden - und damit auch Deutschland und andere westliche Industrie-Staaten betreffen. China ist zu großen Anteilen an den wichtigen Handelspunkten in Rotterdam, Genua und Porto vertreten - die Reederei COSCO gehört China sogar zu 51 Prozent.

Im Juli 2018 fragte die asiatische Großmacht an, ob der deutsche Werkzeugbauer Leifeld Metal Spinning zu kaufen sei. Das große Interesse wurde jedoch von der deutschen Regierung im Keim erstickt: Das Wissen und die Werkzeuge werden in der Luftfahrt, Raumfahrt und im Nuklearbereich eingesetzt. Das empfindliche Know-How wollte die Regierung nicht an die chinesischen Kollegen abtreten.

Chinesische Übernahmen deutscher Firmen

  • LEDvance: Osrams ausgelagertes Lampengeschäft wurde für 500 Millionen Euro veräußert
  • Kuka AG: Das bayrische Roboter-Unternehmen ging für 4,5 Milliarden Euro an China
  • Krauss-Maffei: 925 Millionen Euro gab China für den Kunststoff-Spezialisten aus
  • EEW Energy: Müll wird zu Energie - und begeisterte China zum Kauf für 1,5 Milliarden Euro
  • Ista International: Der Energiedienstleister wurde 2017 für 4,5 Milliarden Euro verkauft

Die drohende Übernahme des Werkzeug-Herstellers aus Westfalen ist jedoch nicht der einzige Anlauf Chinas, in Deutschland Fuß zu fassen und Wissen oder Fähigkeiten einzukaufen. Der Austausch von Wissen und die Übernahme kleiner Unternehmen ist sowohl für Deutschland als auch für China ein wichtiger Baustein in den kommenden Jahren der Außenpolitik.

In Nordbayern fasst China vor allem beim Einkauf und beim Austausch von Wissen Fuß in der Region. Die Universität Bayreuth festigte bereits im Jahr 2016 ihre langjährige Partnerschaft mit den Kollegen aus dem asiatischen Raum mit der Eröffnung einer Zweigstelle in Shanghai. Die Dependence der Hochschule soll den erfolgreichen Studiengang “Deutsch und Wirtschaftswissenschaften” noch mehr in den Fokus rücken, sowie für ehemalige Studenten eine Anlaufstelle sein. Der erweiterte Fokus liegt ebenfalls in der Stärkung der gemeinsamen Forschung, die die Nordbayern und die Chinesen seit Jahren verbindet.

“Als die Universität Bayreuth gerade erst zehn Jahre existierte, begann bereits die fruchtbare Zusammenarbeit mit der SISU (Shanghai International Studies University) in Forschung und Lehre [...]. Die Zusammenarbeit hat sich vor einigen Jahren auf die Fächer Anglistik und Amerikanistik ausgedehnt. Gegenwärtig erörtern Vertreter unserer Universitäten die Erweiterung der Kooperation auf weitere Fächer, wie etwa die der Afrikastudien.” - Prof. Dr. Stefan Leible, Universitätspräsident Bayreuth

Nordbayern möchte von chinesischem Wachstum profitieren

Natürlich sind die Verflechtungen der beiden Universitäten nicht nur rein forschender Natur. In Nordbayern ansässige Unternehmen erhoffen sich von der Kooperation Kontakte zu chinesischen Firmen - die wiederum auf den deutschen Markt schauen. Doch warum ist das Interesse an Kooperationen aus dem chinesischen Raum so groß? Das liegt vor allem an der Wirtschaft der Weltmacht aus Asien. Während das deutsche Wirtschafts-Wachstum in den vergangenen Jahren im Mittel 1,5 Prozent betrug, wächst das Brutto-Inlands-Produkt in China seit Jahren um bis zu 11 Prozent an (Quelle: Statista - Wirtschaftswachstum China / Deutschland).

Wirtschaftswachstum in China seit 2010 Wirtschaftswachstum in Deutschland seit 2010

  • 2010 → 11 % 2010 → 4 %
  • 2012 → 8 % 2012 → 0,5 %
  • 2014 → 7 % 2014 → 2 %
  • 2016 → 7 % 2016 → 2 %
  • 2018 → 6,5 % 2018 → 1 %

Wie wichtig die wirtschaftliche Stärke im Reich der Mitte ist, zeigt ein Blick auf den Autozulieferer Rausch & Pausch. Im Jahr 2018 wurde zwar ein Umsatz von 191 Millionen Euro erwirtschaftet , das Ergebnis lag jedoch leicht unter dem Planziel. Grund für das leichte Verfehlen des wirtschaftlichen Anspruchs war ein Einbruch im chinesischen Markt, der gerade für Fahrzeuge im Premium-Segment enorm wichtig ist. Der Kaufrückgang im Reich der Mitte führte auch Nordbayern zu weniger Einnahmen. Dennoch strebt das Unternehmen aus Selb einen eigenen Produktionsstandort in China an und befindet sich aktuell auf der Suche nach passenden Orten.

Im Jahr 2018 war weiterhin ein gewaltiger Machtwechsel im Bereich der Handelspartnerschaften zu spüren: Nachdem jahrelang die Vereinigten Staaten von Amerika die wichtigsten Partner bayrischer Unternehmen waren, wurden kumuliert erstmals mehr Import- und Exportgeschäfte mit China abgewickelt und die USA so vom Spitzenplatz verdrängt.

Kulturelle Unterschiede: Hierarchien und Visitenkarten helfen

Als Geschäftspartner in China müssen deutsche Unternehmen jedoch besonders vor den großen kulturellen Unterschieden gewappnet sein. Zwar lockt aufgrund des Investitions-Programms der chinesischen Regierung das große Geld, doch spätestens mit Ankunft in China wird klar, dass sich die deutsche Kultur und die chinesischen Gepflogenheiten massiv voneinander unterscheiden und damit auch die Geschäftsbeziehungen erschweren.

Bereits der Beginn einer Konversation ist von großen Unterschieden geprägt. Während in Deutschland Small Talk oder eine kurze Begrüßungsformel genügen, ist in China der Austausch der Visitenkarten inklusive eines genauen Blicks auf die Daten von Bedeutung. Das drückt den gegenseitigen Respekt vor der Position und dem Werdegang aus. Und wer sich denkt, dass Blumen ein geeignetes Präsent für erfolgreiche Geschäftsverhandlungen wären, irrt ebenfalls. Blumen gelten im Reich der Mitte als Symbol für Verstorbene - und damit nicht unbedingt als passendes Geschenk für zukünftige Partnerschaften.

Übrigens: Alkohol spielt in China aus einem ganz besonderen Grund eine bedeutende Rolle und sollte deshalb für Business-Partner interessant sein. Einigen Chinesen fehlt ein Enzym zum Abbau von Alkohol im Körper, weshalb sie gänzlich auf Wein und Co verzichten. Die Frage, ob der Geschäftspartner Alkohol trinken kann, ist deshalb nicht sensibel, sondern essentiell für etwaige Geschäftsessen.

Deutsche müssen sich in China zudem mit den oft sehr andersartigen politischen Gepflogenheiten auseinandersetzen. Der Staat wirkt dort mit vielfältigen Regelungen weitaus repressiver auf die Gesellschaft ein als Hierzulande. So ist beispielsweise nicht nur die Nutzung des Internets eingeschränkt, es gibt etwa auch Verbote auf Glücksspiel, das sich zwar geschichtlich in China entwickelte , in der Zwischenzeit jedoch verbannt wurde. Nur in der Sonderverwaltungszone Macau ist dies noch erlaubt. Bei einem Besuch einer chinesischen Delegation in Deutschland bietet sich deshalb der Besuch eines Casinos durchaus an.

Die Wirtschaft ist durch den Staatskapitalismus und den autokratischen Führungsstil stark geprägt. Wie sich bei den oben genannten Beispielen zeigte, orientiert sich auch das Berufsleben an strengen Regeln und Mitarbeiterschutz ist in vielen Bereichen kaum vorhanden.

Hierarchie spielt im ganzen Land sowohl im wirtschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Bereich eine bedeutende Rolle und sollte von Geschäftspartner strikt beachtet werden. Glücklicherweise gibt es im Reich der Mitte eine klare Anordnung, wie sich die interne Struktur eines Unternehmens erkennen lässt. Der ranghöchste Mitarbeiter betritt immer zuerst den Raum, dahinter folgen in Rangfolge absteigend die Kollegen. Um es den chinesischen Partnern zu erleichtern, sollten sich auch deutsche Kontaktsuchende in dieser Reihen- und Rangfolge präsentieren, um Missverständnisse auszuschließen.

Nordbayerns wirtschaftliche Zukunft liegt in China

Nordbayern profitiert vom chinesischen Wachstum - und ist im gleichen Maße davon abhängig. Die Volkswirtschaft in China ist mittlerweile so groß, dass Schwankungen globale Auswirkungen haben und auch Unternehmen in Deutschland treffen. Dennoch arbeiten Firmen und Universitäten mit Hochdruck daran, den inhaltlichen und wirtschaftlichen Ausbau voranzutreiben. Projekte wie die Zweigstelle der Universität Bayreuth sind deshalb umso wichtiger, da kulturelle Unterschiede aufgeweicht und neue wirtschaftliche Perspektiven aufgezeigt werden. Ohne China wird das Wachstum in der Region Nordbayern nicht im gleichen Maße vorangetrieben.

 

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