Bindlacher Unternehmen ist schon seit November Mitglied – Jetzt ziehen viele andere nach NKD Vorreiter beim Textilbündnis

Von und Rudi Wais

Mit großem Tamtam sind gestern große deutsche Textilkonzerne sowie die Spitzenverbände von Handel und Textilindustrie dem von Entwicklungsminister Gerd Müller ins Leben gerufenen Bündnis für Sozial- und Umweltstandards in ausländischen Produktionsstätten beigetreten. Der Bindlacher Textil-Discounter NKD hat das bereits vor Monaten getan – still und leise.

Diese Textilfabrik in einem Vorort von Dhaka in Bangladesch gilt als Vorzeigebetrieb. Künftig wollen deutlich mehr deutsche Textilunternehmen auf die Arbeitsbedingungen bei ihren Produzenten achten. ⋌Foto: Tim Brakemeier/dpa Foto: red

„Wir sind schon im November beigetreten“, sagte NKD-Sprecher Jörg Roßberg dem Kurier. Man habe viele Gespräche mit dem Bündnis und dem Handelsverband geführt, um abzuklopfen, welche Bedingungen zu erfüllen sind. „Und da haben wir schnell gemerkt, dass das, was wir in Richtung ordentlicher Arbeitsbedingungen bei unseren Lieferanten in Fernost bereits tun, sich weitgehend mit dem deckt, was verlangt wird, oder wir zumindest auf einem guten Weg dorthin sind“, sagte Roßberg. Wie die meisten anderen Textilhersteller lasse auch NKD seine Produkte in Fernost produzieren. „Aber wir gehen da nicht hin, ordern über fremde Einkaufsagenturen und sind dann wieder weg“, sagte Roßberg. Vielmehr sei das Unternehmen bereits seit 20, 25 Jahren mit einer eigenen Tochter und eigenen Mitarbeitern vor Ort. Diese Präsenz gewährleiste einen realistischen Blick auf die tatsächlichen Arbeitsbedingungen in den Fabriken. Bevor NKD Waren kauft, würden die Fabriken, in denen sie hergestellt werden, von den Mitarbeitern vor Ort kontrolliert auf Einhaltung der Sozial-, Qualitäts- und Produktionsstandards, so Roßberg. Und genau das werde vom neuen Textilbündnis gefordert. Das koste zwar etwas mehr Geld, „aber dieser Aspekt ist nicht exorbitant“, sagte Roßberg.

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Katastrophe als Auslöser

Auslöser für die Initiative von Minister Müller (CSU) war der Einsturz der maroden Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch mit mehr als 1100 Toten. Jetzt haben sich Unternehmen wie Aldi und Lidl, Adidas, Adler, C&A, Kik, die Otto-Gruppe, H&M und Hugo Boss dem Projekt angeschlossen und verpflichten sich damit, ihren Herstellern und Lieferanten in Zukunft genauer auf die Finger zu sehen. Müller selbst sprach gegenüber unserer Zeitung von einem wichtigen Signal, das beispielgebend für viel andere Produktionsketten sein könne. „Ich denke zum Beispiel an unsere Handys, an Obst, Kaffee, Kakao und vieles mehr.“ Nach der jüngsten Eintrittswelle sei das Textilbündnis Vorreiter in Europa.

Insgesamt gehören Müllers Initiative jetzt mehr als 100 Unternehmen, Verbände, Entwicklungs- und Verbraucherorganisationen an. Stefan Genth, der Geschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, kündigte einen „ambitionierten Aktionsplan“ an, um die sozialen und ökologischen Bedingungen bei der Herstellung von Textilien in Ländern wie Bangladesch, Pakistan oder Indien zu verbessern: „Nur im engen Schulterschluss von Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft können wir in den Produktionsländern etwas bewegen.“

Zwölf Chemikalien unverzichtbar

Einen vollständigen Verzicht auf Chemikalien wird es aber auch im Bündnis für nachhaltige Textilien, wie der Zusammenschluss offiziell heißt, nicht geben. Nach Informationen unserer Zeitung hat die Textilwirtschaft zwölf Substanzen benannt, auf die sie auf keinen Fall verzichten kann.

Die Otto-Gruppe, Deutschlands größter Einzelhändler für Textilien, zu der auch der Baur Versand (Burgkunstadt) gehört, forderte die Bundesregierung auf, die Produktionsbedingungen in der Textilindustrie auch zum Thema des G-7-Gipfels am Wochenende in Elmau bei Garmisch zu machen. „Das Ziel ist es, dieses Bündnis möglichst schnell auf eine internationale Ebene zu bringen“, erklärte Konzernchef Hans-Otto Schrader.

Eigenes Gütesiegel

Erste Verbesserungen sollen bereits innerhalb der nächsten beiden Jahre sichtbar sein. Ein Sprecher des Branchenverbandes Textil + Mode beschrieb die Ziele so: „Möglichst wenig Chemie und möglichst gute soziale Bedingungen.“ Müller selbst will Textilien, die so produziert werden, in Zukunft mit einem eigenen Gütesiegel kennzeichnen. Ein Kunde, der ein entsprechend zertifiziertes Hemd kauft, könne sich dann sicher sein, dass nicht nur die Näherin in der Schneiderei in Bangladesch zu den Bedingungen des Bündnisses arbeitet, sondern auch die Lieferanten des Stoffes oder der Knöpfe. Nach Müllers Worten geht es dabei bei einer Jeans allenfalls um Mehrkosten von einem Euro.