Bilanz der Kammern Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt

Viele Unternehmen suchen immer noch Auszubildende. Foto: Sebastian Willnow/dpa

BAYREUTH. Vorbei sind die Zeiten, in denen Firmen ihre Lehrstellen problemlos besetzen konnten. Der demografische Wandel ist eine Ursache. Aber welche anderen Gründe gibt es?

Für die oberfränkische Wirtschaft wird es immer schwieriger, junge Menschen zu Fachkräften zu entwickeln. Denn viele Lehrstellen können nicht mehr besetzt werden. Immer mehr Personalchefs klagen, dass sie zu wenige oder gar keine Bewerbungen erhalten. Das berichtet Bernd Rehorz, der bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Oberfranken den Bereich Berufliche Bildung leitet.

Rechnerisch gut vier Stellen auf einen Bewerber

Bei der Agentur für Arbeit sind nach seinen Angaben Ende August 756 unversorgte Bewerber registriert, gleichzeitig aber 3189 unbesetzte Ausbildungsstellen. Auf jeden Bewerber kommen rechnerisch 4,2 unbesetzte Ausbildungsstellen. „Da ist also noch viel Luft drin“, sagt Rehorz. Wer also noch eine Ausbildungsstelle suche, habe noch beste Chancen. Rehorz rät aber auch, sich nicht zu sehr auf einen bestimmten Beruf festzulegen, sondern sich auch über Ausbildungsstellen in anderen, verwandten Berufen zu informieren.

Plus bei den IHK-Betrieben

Am heutigen Montag beginnt das neue Ausbildungsjahr. Die Bilanz der Bayreuther Kammer fällt durchwachsen aus: Sie verzeichnet mehr neue Ausbildungsverträge als im Vorjahr und Bereichsleiter Rehorz macht deutlich, dass auch nach dem Ausbildungsbeginn noch etliche Lehrverträge abgeschlossen werden. 3407 neue Ausbildungsverträge hat die IHK im Jahr 2019 bisher registriert – ein Prozent mehr als im Vorjahr. Rund zwei von drei Azubis lernen in einem Mitgliedsunternehmen der IHK für Oberfranken, wie Hauptgeschäftsführerin Gabriele Hohenner berichtet. Sie betont jedoch, dass die Firmen gerne noch viel mehr Lehrlinge einstellen würden. Wenn es denn genügend Bewerber gäbe.

Probleme auf dem Land

Aber warum bleiben eigentlich so viele Ausbildungsplätze unbesetzt? IHK-Experte Rehorz nennt die demografische Entwicklung, den ungebrochenen Trend zum Studium und die weiterhin sehr gute Konjunktur. Hinzu käme, dass etliche Bewerber Lehrstellen in Berufen suchen, wo sie auf große Konkurrenz stoßen und den Kürzeren ziehen. „Immer häufiger wird aber auch die schlechte ÖPNV-Verbindung auf dem flachen Land als Hinderungsgrund genannt“, weiß Rehorz. „Inzwischen stellen Unternehmen auch Autos oder Fahrdienste zur Verfügung.“

Quer durch die Branchen

In der IHK-Lehrstellenbörse bieten viele oberfränkischen Unternehmen Ausbildungsplätze für das im September beginnende Ausbildungsjahr an. „Gesucht werden insbesondere Fachlageristen, Einzelhandelskaufleute, Azubis in der Gastronomie, den IT-Berufen und den Bauberufen, außerdem Maschinen- und Anlagenführer sowie Industriekaufleute“, fasst Rehorz zusammen. Gefragt seien aber auch Elektroniker in der Betriebstechnik, Industriemechaniker, Verfahrensmechaniker Kunststoff, Mechatroniker oder Buchhändler.

IHK-Hauptgeschäftsführerin Hohenner bedauert, dass immer mehr junge Menschen auf ein Studium fixiert sind, ohne sich über die Alternativen zu informieren. Sie weist etwa auf die Möglichkeit hin, sich nach der Ausbildung zum Meister oder Fachwirt weiterzubilden. Dies entspreche vom Qualifikationsniveau her dem Bachelor, teilweise sogar dem Master und werde auch so anerkannt.

Handwerk holt auf

Das Handwerk tritt – getragen von einem lang anhaltenden Auftragsboom – auch im harten Wettbewerb um Nachwuchs immer selbstbewusster auf. Bernd Sauer, Geschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) für Oberfranken, sagt: „Es gelingt uns immer besser, jungen Menschen und deren Eltern die Ausbildung im Handwerk als gleichwertigen Karriereweg nahezubringen.“ Von 2002 bis 2015 gab es einen deutlichen Abwärtstrend bei den neu eingetragenen Ausbildungsverträgen. Nun hat das Handwerk im Bezirk zum vierten Mal hintereinander ein Plus oder ein stabiles Niveau erreicht, wie die HWK berichtet. Zum Ausbildungsstart wurden 1897 neue Ausbildungsverhältnisse registriert (plus 3,7 Prozent). Doch Bernd Sauer macht keinen Hehl daraus, dass etliche Betriebe noch immer händeringend Lehrlinge suchen.

Gewerkschaften sehen Defizite

Mathias Eckardt, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) für Oberfranken, beklagt eine große Kluft in puncto Ausbildung. Zwar gebe es Unternehmen, die sich sehr gut im wachsenden Wettbewerb um junge Kräfte positioniert hätten. Noch immer hätten aber manche Arbeitgeber den Ernst der Lage nicht erkannt und würden sich viel zu wenig um den Nachwuchs bemühen. Bei kleineren Betrieben sei das aufgrund knapper Personalressourcen noch eher nachvollziehbar, bei größeren Firmen habe er dafür jedoch kein Verständnis. „Und dann wird geklagt, dass sich keiner bewirbt.“ Eckardt macht deutlich: „Der Konkurrenzkampf wird sich noch verschärfen.“

Was müssen Firmen bieten, um attraktiv für junge Menschen zu sein? Eckardt zählt auf: Hochwertige Ausbildungsinhalte, gute Arbeitsbedingungen, attraktive Bezahlung sowie interessante Entwicklungsperspektiven.

 

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