Bei Tochter GTO Millionen-Betrug bei Handwerkskammer

Im achteckigen Gebäude der Handwerkskammer entscheidet sich am Montag bei der Vollversammlung das Schicksal der Tochterfirma GTO. Gegen den betrügerischen Steuerfachgehilfen und Geschäftsführer Klaus R. wird ermittelt. Foto: Andreas Harbach

BAYREUTH. Betrugsfall bei einer Tochterfirma der Handwerkskammer: Um fast 2,1 Millionen Euro soll Klaus R. (59) die Beratungsfirma Gewerbe-Treuhand Oberfranken (GTO) und das Finanzamt betrogen haben. Der Steuerfachgehilfe R. war Geschäftsführer bei einer weiteren Tochterfirma. In seinem Umfeld war er schon länger durch einen luxuriösen Lebenswandel aufgefallen.

Ausgerechnet eine Firma, die sauber und akkurat arbeiten müsste, ist in einen Kriminalfall verwickelt: Die GTO berät und betreut seit 1978 vor allem Handwerksunternehmen in steuerlichen Fragen, erstellt Bilanzen, Jahresabschlüsse und Steuererklärungen. Voll dabei seit 2009 war Klaus R., der gern reitet und ein großes Auto fährt.

„Wir haben uns über seinen Lebenswandel gewundert“, heißt es aus seinem Umfeld. Ein weiterer Bekannter fragte sich, „ob er im Lotto gewonnen“ habe. R. sei „sehr freizeitorientiert“ gewesen.

R. war seit 2010 Geschäftsführer des Tochterunternehmens GTU – Gewerbe-Treuhand Unternehmens- und Wirtschaftsberatungsgesellschaft, wiederum einer Tochter der GTO. Dort kümmerte er sich um die Finanzen, Löhne und Gehälter der Mandanten, unter anderem von Mitgliedsbetrieben. Und wohl auch um seine eigene Bereicherung.

Betriebsprüfung brachte Betrügereien ans Licht

Gegen R. ermittelt die Staatsanwaltschaft in Hof, die sich auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert hat, wegen „Verdachts der Untreue“ und wegen eines Steuerdeliktes. Ihm legen die Ermittler „Untreuehandlungen in den Jahren 2009 bis 2019 zur Last“, so Oberstaatsanwalt Andreas Cantzler. Wie viel Geld genau R. unterschlagen haben soll, stehe noch nicht ganz fest.

Nachgerechnet hat aber die Handwerkskammer, die komplett offen mit dem Fall umgeht – und ihren Mitgliedern für die Vollversammlung am Montag Zahlen und eine Chronologie des Falles präsentiert.

Herausgekommen waren die Betrügereien durch eine simple Betriebsprüfung des Finanzamtes Bayreuth im Juli. Dabei seien, so Hauptgeschäftsführer Thomas Koller, „Unregelmäßigkeiten bei den Umsatzsteuervoranmeldungen für die Jahre 2013, 2014 und 2015 festgestellt worden“. Es fehlt etwa eine gute halbe Million Euro.

Dabei gehe es „um zu niedrig angegebene Umsätze in den Vorsteueranmeldungen und den Umsatzsteuerjahreserklärungen“. Auf Deutsch: R. hat Steuererklärungen getürkt, nach unten gerechnet und sich das, was die Firma zu wenig hatte, genommen.

Weiter soll R. bei Kreditkarten-Abrechnungen betrogen haben, ebenso bei Überweisungen. Insgesamt fast zwei Millionen Euro. „Der Schaden ist noch nicht final ermittelt“, heißt es in dem Schreiben der HWK. Die Summe, um die R. betrogen haben soll, könnte also noch höher liegen.

Kündigung im Juli

Die GTO kündigte dem betrügerischen Steuerfachgehilfen R im Juli. Ende Juli übernahm Horst Eggers (75) die politische Verantwortung. Der Aufsichtsratsvorsitzende der GTO trat zurück und schied aus dem Aufsichtsrat der GTO aus.

Zeitgleich ging ein Betriebsprüfer ans Werk. Heraus kam, dass R. „die getürkten Steuererklärungen „ohne Mitwirkung anderer Mitarbeiter der GTO angefertigt und beim Finanzamt Bayreuth eingereicht hat“, so Koller in der Erklärung an die Vollversammlung.

Zusätzlich wurde festgestellt, dass die Handwerkskammer von 2006 bis 2011 mehrfach Kredite in Höhe von insgesamt 730.000 Euro gewährt hat, ohne dass hierzu Vorstand und Vollversammlung der Handwerkskammer informiert oder beteiligt waren. Die Kredite sind zwar weitgehend zurückgezahlt, für ein Darlehen, von dem aktuelle noch etwa 140.000 Euro offen sind, aber hat die HWK eine Bürgschaft übernommen.

Ob die Aufsichtsräte Koller selbst und der HWK-Präsident Thomas Zimmers ich etwas vorwerfen müssen? „Wir fragen uns das natürlich permanent selbst. Wir sind aber der Meinung, dass wir die Veruntreuungen und Manipulationen im Rahmen unserer Aufsichtsratstätigkeit, in der einmal im Jahr Zahlen vorgelegt werden, nicht hätten erkennen können“, schreiben Koller und Zimmer in einer Erklärung an den Kurier.

Weiter heißt es dort: „Die Veruntreuungen sind – so der aktuelle Sachstand – von einem einzelnen Mitarbeiter der GTO mit hoher krimineller Energie vorgenommen worden, die Manipulationen sind bewusst zur vermutlich persönlichen Bereicherung geschehen. Sie waren nach einer ersten juristischen Einschätzung nicht im normalen Rahmen einer Aufsichtsratstätigkeit erkennbar.“

Auch Oberstaatsanwalt Cantzler bestätigt, dass nicht gegen weitere Personen außer R. ermittelt werde.

R. selbst liegt nach einem Suizid-Versuch im Krankenhaus. Ob der verheiratete Mann und Vater erwachsener Kinder vernehmungsfähig ist oder später sogar verhandlungsunfähig ist, dazu gibt der Staatsanwalt keine Auskünfte.

Nach Informationen des Kuriers ist R. nach einer sehr schweren Verletzung langsam auf dem Weg der Besserung und gibt an, sich zurzeit an nichts mehr erinnern zu können.


Insolvenz droht

Am Montag, 16. Dezember, tritt die Vollversammlung der Handwerkskammer zusammen. Dort entscheiden die Mitglieder darüber, wie es mit der GTO weitergeht. Sie müssen einem Überbrückungsdarlehen zustimmen in Höhe von 600.000 Euro. Das ist die Voraussetzung, die Beratungsfirma GTO weiterzuführen. Dafür müsste eine Steuerberatungsgesellschaft aus Bayreuth, mit der die HWK bereits in Verhandlungen steht, mit einsteigen. Sonst droht der GTO unmittelbar die Insolvenz.

 

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