Die Türkei unter Erdogan – ist das noch ein autoritäres Regime oder schon eine Diktatur?

Eylem Çamuroglu Çıg: Das ist kompliziert, eine Frage, über die alle Akademiker streiten. Meiner Meinung nach ist es mehr eine Diktatur, seit Erdogan die Verfassung geändert hat. Vielleicht können wir Islamisch-neoliberale Diktatur dazu sagen.

Wie kann man die Situation der Künstler, Autoren und Intellektuellen beschreiben, die sich Erdogan entgegenstemmen?

Çamuroglu Çıg: Es ist sehr hart. Manche versuchen außerhalb der Türkei zu arbeiten, andere bleiben in der Türkei, viele kommen gar nicht mehr raus, weil man ihren Pass eingezogen hat. Ich halte mich in Deutschland auf und kann eigentlich nicht zurück. Wenn man als Terrorist oder Separatist gebrandmarkt wird, verliert man seinen Pass und seinen Job im öffentlichen Dienst. Gefeuert hat man mich schon. Ich hatte 2016 eine Petition für den Frieden mit den Kurden unterschrieben. Seitdem haben wir viel erlebt. Vier Kollegen haben 40 Tagen im Gefängnis gesessen. Viele von unseren Kollegen und Kolleginnen haben den Job und Pass verloren. Und ein junger Akademiker, Mehmet Fatih Tras, hat Selbstmord verübt. Eine Bibliothek im Kültürhane ist nach ihm benannt.

Woran arbeiten Sie in Deutschland?

Çamuroglu Çıg: Ich bin Fellow der Philipp-Schwartz-Initiative (zur Unterstützung gefährdeter Forschender, Anm. der Red.) in Bayreuth an der Uni. Ich habe Glück gehabt. Ich kam hierher, um meine Forschungen fortzusetzen, im Februar werden es zwei Jahre sein, dass ich hier bin. Ich werde versuchen, meine Forschungen fortzusetzen. Aber ich werde zurückkehren, irgendwann, um Widerstand zu leisten.

Was für eine Rolle spielt das Kulturhaus Kültürhane für die, die in der Türkei geblieben sind?

Çamuroglu Çıg: Es ist eine Insel der Hoffnung. Reden ist gefährlich, man wird schnell abgestempelt. Die Atmosphäre ist drückend. Das Kültürhane aber gibt einem mit seinen Events und akademischen Veranstaltungen sozusagen den Raum zum Atmen.

INFO: Über Skype kann sich am Dienstag jeder Besucher der Sübkültür am Diskurs mit Mersin beteiligen.