Bei Betzenstein suchen Tierschützer Wiesen nach Rehkitzen ab und sind dabei sehr erfolgreich Die Lebensretter in der Wiese

Von Luisa Degenhardt

Eine Gruppe von Tierschützern hat es sich zur Aufgabe gemacht, Rehkitze vor Mähmaschinen zu retten. Was sie tun, ist anstrengend und kostet viel Zeit. Aber die Mühe zahlt sich: Die Freiwilligen sind jedes Mal erfolgreich.

Ralph Faltenbacher bleibt stehen, hebt die Hand und ruft „Hier!“. Die Tierschützer laufen zu ihm und beugen sich über das kleine braune Bündel mit den weißen Punkten. Es rührt sich nicht, duckt sich so flach auf den Boden, dass es in der Wiese beinahe zu verschwinden scheint. Faltenbacher rupft büschelweise Gras aus – so kriegt das Kitz keine menschliche Witterung – und hebt es behutsam auf. Mit aufgestellten Ohren blickt das Kitz die Tierschützer aus großen braunen Augen an. Reglos lässt es sich in die Katzenbox legen. Es ist erst ein paar Tage alt und hat noch keinen Fluchtreflex. Während die Tierschützer das Kitz in der Box unter einem Baum in Sicherheit bringen, zieht der Bauer mit der Mähmaschine schon seine Kreise.

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Suche nach den Rehkitzen nur mit Erlaubnis der Besitzer

Die Freiwilligen müssen sich beeilen, weil sich der Landwirt auch beeilt: Er braucht dreieinhalb Tage für die Mahd, der Wetterbericht hat in dieser Zeit keinen Regen vorausgesagt. Am Morgen um 8 Uhr hat er sich bei den Tierschützern gemeldet, für 12 Uhr haben sie sich am Ortseingang von Münchs bei Betzenstein verabredet. Wie bei einer Vermisstensuche durchkämmen sie in einer Reihe das hüfthohe Gras. Jeder guckt ein paar Meter nach links, ein paar Meter nach rechts. In diesem Jahr waren sie viermal unterwegs. Sie wären gern öfter gegangen, können aber nur, wenn sich die Landwirte bei ihnen melden. Denn sie dürfen nur auf den Grund, wenn sie die Erlaubnis des Besitzers haben. Jedes Mal haben sie dabei Kitze gerettet. Auf dieser Wiese finden sie nur das eine. Dann geht es zur nächsten Suche.

Faltenbacher ist Tierarzt und Jäger. Ein großes Problem für die Tierretter sei, dass wegen des Wetters immer so kurzfristig entschieden werden müsse. Nicola Ohnemus ist zum ersten Mal dabei. „Ich dachte, ich muss aktiv etwas für den Tierschutz tun, weil ich im Tiergarten arbeite“, sagt sie. Sie wolle mit gutem Beispiel vorangehen. Heute sind sie zu siebt, sie waren aber auch schon 30 Leute. Der Tross aus sechs Autos schiebt sich den Feldweg entlang bis kurz vor die Zitronenwiese. Jagdpächter Michael Schink führt den lebensrettenden Zug an. Er ist froh, dass sich die Tierschützer engagieren. „Ich finde das sensationell, weil ich das sonst alleine machen müsste.“ Die Tierschützer organisieren sich über die Facebook-Gruppe „Pegnitz schützt die Kitze“. 409 Gefällt mir-Angaben hat die Seite. Sie wurde im vergangenen Frühjahr ins Leben gerufen, als das Bild eines zermähten Kitzes im Netz die Runde machte. Ab Mitte April beginnt die Suche, etwa zwei Monate sind die Kitze in Gefahr. Natürlich sei es ein schönes Gefühl, wenn man ein Kitz entdecke, sagt Franzi Kerling, die sich zurzeit um die Facebook-Gruppe kümmert. Elfriede Castillo war schon im vergangenen Jahr dabei. „Weil ich es schade finde, wenn kleine Rehkitze tot gemäht werden. Sie haben ihr ganzes Leben noch vor sich“, sagt sie. Immer wieder entdecken die Freiwilligen Lager von Kitzen. Kleine ovale platt gedrückte Stellen, an denen sie gelegen haben. „Wenn du kleine Lager findest, ist das verdächtig, weil sich Kitze nicht so viel bewegen“, sagt Faltenbacher. Man muss sich also besonders genau umschauen. Die Tierschützer tragen Gummistiefel und schlagen schmale Schneisen zwischen Gräser, Hahnenfuß, Vergissmeinnicht, Klee und Wiesenschaumkraut. So vergeht eine Stunde, ohne dass ein weiteres Kitz gefunden wird. Es ist 24 Grad warm, die Sonne brennt, der Schweiß läuft. Man sieht zwischen dem brusthohen Gras kaum bis auf den Boden. Die Tierschützer haben nicht nur Erfolgserlebnisse. „Ich habe schon eine Wiese intensiv abgesucht und dann hat die Mähmaschine doch zwei zusammengemäht.“

Doch an diesem Tag wird sich die Mühe wieder lohnen. Bis 15.30 Uhr werden die Tierschützer noch unterwegs sein. Sie werden zwei ältere Kitze aufschrecken, die in den Wald flüchten. Sie werden sehen, wie ein Kitz vor dem Traktor aufspringt. Auf einer Wiese, die sie schon abgesucht hatten. Und sie werden das Kitz in der Box wieder freilassen, nachdem es eine Ohrmarke bekommen hat. Es wird später genau an die Stelle zurückkehren, wo Ralph Faltenbacher es aufgehoben hat.

INFO: Laut Ralph Faltenbacher ist das Absuchen der Wiesen nach Kitzen eine Straftat. Nämlich das Nachstellen von Wild. „Eigentlich ist es Wilderei“, sagt der Hetzendorfer Tierarzt und Jäger. Er sieht die Jägerschaft bei der Suche nach Kitzen in der Verantwortung. „Der Jagdpächter sollte dabei sein.“ Sogar das Fotografieren der Kitze ist schon Wilderei nach dem bayerischen Jagdge- setz.“ „Auf der anderen Seite“, sagt Jagdpächter Michael Schink, „kennt er Fälle, in denen Landwirte das Mähen nicht angemeldet hatten. Dann wurden Kitze getötet und der Pächter zeigte die Bauern an.“ Landwirten drohen in solchen Fällen Geldstrafen von bis zu 5000 Euro.⋌ lui