Bayreuths Dragqueen „Die Feindseligkeit ist mir nicht fremd“

Bei einer Performance vor dem Festspielhaus singt Le Gateau Chocolat bei den Bayreuther Festspielen. Foto: Tobias Hase/dpa

BAYREUTH. Er ist die wohl bunteste Figur der diesjährigen Bayreuther Festspiele. Grell geschminkt, in bunten, glitzernden Kostümen steht der britische Travestie-Künstler Le Gateau Chocolat im neuen „Tannhäuser“ auf der Bühne. Die Deutsche Presse-Agentur hat ihn in seiner Garderobe besucht, als er sich für die zweite Vorstellung schminkte. „Ich kann das in 15 Minuten schaffen - Ninja-Style - oder auch in zwei Stunden, wenn ich keine Eile habe“, sagt er.

Macht Ihnen das Schminken eigentlich Spaß? Oder ist es ein notwendiges Übel?

Le Gateau Chocolat: In der Zeit, in der man sich auf eine Show vorbereitet, seine Stimme aufwärmt, sich selbst und den Charakter, den man verkörpert, ist das Make-Up für mich zu einem Teil des Rituals geworden. Manchmal macht es Spaß, manchmal ist es einfach der Moment, in dem ich meine Persönlichkeit unter ein Vergrößerungsglas lege und sie übertreibe. Und manchmal fühlt es sich an wie Kriegsbemalung, als ob ich in den Krieg ziehe. Es fühlt sich an wie der Moment, in dem Clark Kent seinen Superman-Anzug anzieht. Dann wird die Schminke eine Extra-Schutzschicht. Das ist nicht bei allen Performances der Fall, aber in unbekannten Szenarios fühlt es sich schon so an, als baue man sich einen Panzer.

Ist das hier in Bayreuth so?

Le Gateau Chocolat: Es ist eine Kombination. Meine Rolle hier ist es ja nicht nur, den alternativen Lebensentwurf für Tannhäuser zu verkörpern mit Genusssucht, Freude und Vergnügen. Meine Rolle ist es auch, eine Realität zu präsentieren, die für eine sehr lange Zeit nicht Teil dieses Hauses war. Weil viele Leute sich darauf nicht einlassen, wird sogar im Jahr 2019 etwas noch als Provokation wahrgenommen, das wirklich keine sein sollte. Es geht ja nur darum, zu sagen: „Mich gibt es auch.“ Aber „Mich gibt es auch“ ist für viele Menschen ein Schlag ins Gesicht. Das ist eine wirklich merkwürdige Sache.

So haben Sie das hier erlebt?

Le Gateau Chocolat: Also, das Haus, die Institution der Festspiele selbst, ist bereit zu sagen: Wir wollen, dass die Oper und Wagner noch 400 Jahre überleben. Wir wollen sie nicht den Rückständigen überlassen und den Annalen der Geschichte. Das spüre ich bei Katharina (Anm.: Festspielleiterin Katharina Wagner). Aber das Publikum hier ist eine völlig andere Sache. Wir sind nicht hier, damit die Leute es bequem haben. Kunst sollte aufregen, hinterfragen, provozieren. Es ist nur manchmal ein bisschen ermüdend, der Katalysator und das Vehikel zu sein, das diese Dinge einfordert.

Wie haben Sie die Reaktionen auf die „Tannhäuser“-Premiere erlebt?

Le Gateau Chocolat: Die überwiegenden Reaktionen waren ermutigend positiv. Aber bei der Premiere hat das Regie-Team neben dem Applaus auch eine Kakofonie an Buhs bekommen und - wenn auch nicht so laut wie bei ihnen - ich auch. Was ich an diesem Szenario interessant finde: Es ist nicht ungewöhnlich, dass das Regie-Team Buhs abbekommt. Wenn es aber mich als Darsteller trifft, ist das vielsagend. Denn ich singe in der Show ja gar nicht. Ich singe in der Pause am Teich, was in der 107-jährigen Geschichte nicht passiert ist - allein das ist auch schon bemerkenswert. Aber in der Show singe ich nicht. Ich kann also gar nicht dem Dirigenten nicht folgen oder die Töne nicht treffen. Ich repräsentiere lediglich eine Alternative, die ihnen nicht so geläufig ist. Meine Frage an sie ist also: Was buht Ihr da konkret aus? Ich habe keinerlei Fähigkeiten zur Schau gestellt außer meinem wirklich vorzüglich dargebotenem High Kick in diesem orangefarbenen Kostüm auf diesen außergewöhnlichen High Heels - was einen Applaus wert ist. Abgesehen davon habe ich nichts dargestellt als einen Lifestyle. Ich habe nur gezeigt, dass es Menschen wie mich gibt. Menschen wie mich, die Eure Ideen von Sexualität und Geschlecht infrage stellen. Oder schwarze Menschen. Ich bin viele Dinge gleichzeitig. Und wenn man dann anfängt, ergründen zu wollen, warum sie buhen - dann ist es nicht schön. Aber es tut gut zu wissen, dass das Regie-Team und das Haus mich unterstützen. Dadurch kann ich stolz sein und stolz dort stehen.

Ist diese Situation neu für Sie?

Le Gateau Chocolat: Ich habe am Globe Theatre in London in der „Was Ihr wollt“-Inszenierung der Visionärin Emma Rice den Feste gespielt. Diese Feindseligkeit ist mir also nicht fremd. Wenn die Wächter denken, die Kunst gehöre ihnen und jede Interpretation müsse sich im Bereich ihrer Vorstellungskraft abspielen und nirgendwo sonst - dann ist das nicht völlig ungewohnt für mich.

Sie hissen auf der Bayreuther Bühne die Regenbogenflagge ...

Le Gateau Chocolat: Das ist nur so ein kleiner Moment - aber hier ist das viel. Hier ist das gewaltig, ein gewaltiges Statement - obwohl es 2019 eigentlich kein großes Statement mehr sein sollte.

Auf Instagram sagen Sie zu Ihren Nichten: „Tut mir Leid, ich muss gehen und tun, was ich kann, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen.“ Führt es zu diesem großen Ziel, in Bayreuth die Regenbogenflagge zu hissen?

Le Gateau Chocolat: Es geht um all die Ereignisse, die zu diesem Moment geführt haben. Hier wird die Debatte um Diversity gewaltig und verändert Leben. Meine Nichten könnten sich ja für Wagner interessieren. Und wenn sie mich dann auf der Bühne sehen sollten oder Grace Bumbry oder Jessye Norman, dann wird Entertainment zu einer Möglichkeit für sie. Wenn man zeigen kann, dass Kunst nicht nur einem begrenzten Personenkreis zugänglich ist, dann schreibt man Geschichte neu. Es ist ein bisschen so wie mit Obama als Präsident von Amerika. Es wird wahrscheinlich in nächster Zeit keinen zweiten schwarzen Präsidenten geben. Aber ich habe in einer Zeit gelebt, in der ein schwarzer Mann der Anführer der freien Welt war. Wir können träumen und gläserne Decken durchbrechen. Diese Dinge und diese Freiheiten hält man natürlich für selbstverständlich, wenn man nie „der einzige“ war.

Wie sind Sie mit den Reaktionen nach der Premiere umgegangen?

Le Gateau Chocolat: Ich bin mit meinem Lebensgefährten nach Berlin gefahren, um mal ein paar Tage wegzukommen von allem. Und - Überraschung: Es war Christopher Street Day. Ich war in meiner Karriere so oft in der Situation, dass ich der einzige ... was auch immer war. Wenn man dann die Gelegenheit bekommt, nicht der einzige zu sein, dann bekommt man damit auch die Chance - ich habe leider keine bessere Metapher - sich anzustöpseln und die Batterie aufzuladen. Und so stand ich einen Moment da und wurde etwas emotional.

Werden Sie nächstes Jahr wieder in Bayreuth sein?

Le Gateau Chocolat: Ja, ich nehme es an.

Wollen Sie denn nächstes Jahr wieder hier sein?

Le Gateau Chocolat: Die Antwort auf diese Frage zielt jetzt in die Realität dessen, was ich hier tue. Und die Antwort ist jetzt: Ob ich wiederkommen will, ist eine andere Sache. Ob ich wiederkommen muss: Ja, auf jeden Fall!


Zur Person: Le Gateau Chocolat will seinen eigentlichen Namen ungern in den Medien lesen. Der im britischen Brighton lebende Travestie-Künstler hat in seiner Heimat schon am renommierten Globe Theatre gearbeitet und am National Theatre. Seine Rolle in der „Tannhäuser“-Inszenierung von Regisseur Tobias Kratzer bei den Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth ist seine erste in Deutschland. Nach der Premiere kritisierte er das Publikum, weil er (einige wenige) Buhs abbekommen hatte.